20.000 Days On Earth – Ein Tag im Leben eines Rockstars

by on 09/01/2014
© Drafthouse Films

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Wie sah mein letzter Mittwoch aus? Aufstehen, Arbeit machen, ab zur Pressevorführung, Einkäufe erledigen und ein bisschen Hausarbeit schreiben, am frühen Abend Tee und Flammkuchen mit einem Freund, nachts mit ein paar Leuten zur Lichtinstallation von Otto Piene in der Neuen Nationalgalerie – und dann ab ins Bett. Es war mein 8637. Tag auf dem Planeten, den wir Erde nennen. Aber noch mal zurück zu der Pressevorführung: in der konnte ich den kompletten Tag eines anderen Menschen nachverfolgen, nur dass er schon ein paar mehr davon auf dem Buckel hat. Im Grunde unterscheidet sich der zwanzigtausendste Tag im Leben von Nick Cave gar nicht so sehr von meinem. Denn er tut, was er tun muss. Aufstehen, Songs schreiben, zur Sitzung beim Psychologen, Mittagessen mit einem Bandmitglied, Besuch im Archiv, Bandprobe, ein abendlicher Auftritt, Pizza essen mit den Söhnen. 20.000 Days On Earth ist ein Dokumentarfilm über einen Musiker. Vielleicht der beste Musikdokumentarfilm, den ich bisher überhaupt gesehen habe.

Das Werk von Jane Pollard und Iain Forsyth ist nämlich anders als alles bisher Gesehene. Wer würde einen Dokumentarfilm über einen Menschen, dessen Erfahrungen für drei Leben reichen, schon auf einen einzigen Tag reduzieren? Die beiden Regisseure tun es, und es ist die beste Entscheidung, die sie treffen konnten. Wir begegnen Nick Cave in Brighton, wo er mit seiner Frau Susie Bick und den gemeinsamen Zwillingen lebt. Er steht kurz vor der Veröffentlichung des fünfzehnten Studioalbums mit seiner Band Nick Cave and the Bad Seeds. Wir treffen einen Menschen, der sich über die Jahre hinweg eine eigene Welt gebaut hat. Eine Welt aus Erinnerungen und Songfragmenten, sinnenden Gedanken und der Magie, die sich auf einer Bühne entwickeln kann. Wir können diese Welt kennenlernen. Nicht durch eine endlose Aneinanderreihung alter Konzertmitschnitte oder Interviews mit Weggefährten. Die würden uns im Grunde immer nur die Sicht eines Dritten bescheren. Nein, 20.000 Days On Earth lässt uns unmittelbar daran teilhaben, wer Nick Cave ist. Nicht, weil das Werk so unheimlich authentisch wäre. Dass der dargestellte Tag von vorne bis hinten inszeniert ist, verstecken die Regisseure zu keinem Zeitpunkt. Gerade diese Fiktionalität ist es aber erst, die dem Künstler so gerecht wird. Es ist wie mit den alten Tagebüchern in seinem Archiv, in denen er jahrelang detailliert das tägliche Wetter festhielt. Durch das Aufschreiben werde das Wetter fiktional, sagt Cave. Und dadurch werde es leichter, mit ihm zu leben.

© Drafthouse Films

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„I’m transforming / I’m vibrating / I’m glowing / I’m flying / Look at me now.“ Der große Unterschied zwischen meinem Tag und dem von Nick Cave ist: ich projiziere und er ist der Rockstar, auf den projiziert wird. Er ist dieser schlaksige Typ mit der Drogenvergangenheit und der dunklen Aura, der auf Konzerten ganz nah an sein Publikum herankraucht und dessen Stimme sich beim Singen so rau und oft ächzend durch den Text arbeitet, dass man sich fragt, wo diese Melodie eigentlich hinführen soll. Wir Menschen würden uns durch unsere Erinnerungen manifestieren, meint Cave, und deswegen ist sein Archiv auch genau der richtige Ort, um Ausflüge in die Vergangenheit zu unternehmen. Wie in einer Vorlesung steht er vor den an die Wand geworfenen Bildern, den Stift zum Zeigestock herhoben, und erklärt die Aufnahmen von Konzerten seiner früheren Bands, alte Klassenfotos und Schnappschüsse seiner Wohnung in Westberlin, eigentlich eher Verschlag als Wohnung. Beim Psychologen redet er über seinen früh verstorbenen Vater und im Auto, beinahe transzendenter Zwischenort inmitten all der Termine, tauchen plötzlich Kollegen auf – Blixa Bargeld, Ray Winstone, Kylie Minogue. Vertieft ins Zwiegespräch mit ihm, bevor sie wieder verschwinden, geisterhaft, wie flüchtige Gedanken. All diese kleinen Kapitel in 20.000 Days On Earth, sie verweben sich eben nicht zu einer bloßen Nacherzählung eines Lebens. Sie verbinden sich vielmehr zu einem vagen und sehr gegenwärtigen Eindruck davon, was für ein Mensch sich eigentlich aus diesen vielen Erinnerungen gebildet hat.

Und Jane Pollard und Iain Forsyth schaffen mit ihrem Dokumentarfilm noch etwas, das ich ihnen hoch anrechne. Sie reißen mich aus meiner dösigen Zuschauer-Passivität und aktivieren mich. Ich sehe 20.000 Days On Earth und will mehr über Nick Cave erfahren, seine Musik hören und am besten auch gleich anfangen, selbst welche zu schreiben. Ich will nach Australien reisen, in Konzerte gehen und jeden Tag das Wetter dokumentieren. Auto fahren, philosophische Gespräche führen und in meine eigenen Erinnerungen eintauchen. Nick Cave ist der Rockstar, der diese Projektionsfläche bietet, ein sich ständig wandelnder und doch in seiner eigenen Welt verhaftet bleibender Mann. Ich bin die Ottonormalverbraucherin, die solche Impulse braucht, um im Alltag nicht ganz diese dunkle Magie zu vergessen. Und wenn ich sie dann wiederentdecke, an meinem 8638sten, 8639sten und 8640sten Tag auf der Erde, während ich tue was ich eben tun muss, dann bilden diese Momente wieder eine der Erinnerungen, die mich zu dem machen, was ich bin.

Kinostart: 16. Oktober 2014

Pressespiegel auf film-zeit.de

2 Responses to “20.000 Days On Earth – Ein Tag im Leben eines Rockstars”

  • Jan says:

    Die Doku habe ich ja wirklich nur durch einen ganz großen Zufall auf der Berlinale gesehen, nachdem ich für eine Vorstellung anstand, für die ich irrtümlicherweise dachte, Karten in der Hand zu halten und danach den erstbesten Film rausgesucht habe, in den ich mich setzen kann.
    Und dann sah ich diese Nick Cave-Doku, die so wenig Einsatz zeigt, dass Geschehen „wirklich“ aussehen zu lassen, dass mir eine vollkommene Authentizität vorgeführt wird. Klingt paradox, funktioniert in 20000 DAYS… ganz wunderbar.
    Dazu haben mich die Anekdoten, Geschichten und Songtexte, allesamt von Cave im Voice Over eingesprochen einfach gepackt. Es gibt Dokus, die müssen nur einen interessanten Charakter ins Licht rücken und es läuft wie von selbst. 20000 DAYS… ruht sich aber nicht darauf aus, sondern inszeniert sich so sehr, dass es ein wirklich interessanter Trip durch den Tag eines Rockstars wird, der sich so normal und doch so speziell entwickelt. Einfach großartig.

  • quadzar says:

    Die Lichtausstellung von Otto Piene ist wirklich klasse. Nur durch Zufall gesehen, als wir auf dem Weg zum Kino dran vorbeiliefen. Wie verzaubert das Gebäude verlassen.

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