3096 Tage

by on 02/27/2013

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© Constantin

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Ich kann gar nicht genau sagen, warum ich 3096 Tage, den Film über die Entführung von Natascha Kampusch, unbedingt sehen wollte. Vielleicht lag es einfach daran, wie stark ihre Geschichte in den Medien präsent war. Vielleicht war es meine Neugier, wie sich diese junge Frau in acht Jahren Gefangenschaft einen derart klaren Geist bewahren konnte. Vielleicht war es aber auch ganz banaler Voyeurismus, die perverse Lust am Elend anderer.

Die Handlung kennt im Grunde jeder. Mit zehn Jahren wird die kleine Natascha (Amelia Pidgeon) von Wolfgang Priklopil (Thure Lindhardt) auf dem Weg zur Schule entführt und in ein Kellerverlies gesperrt. Auf nicht mal sechs Quadratmetern haust das Mädchen fortan acht Jahre lang. Im späteren Verlauf ihrer Gefangenschaft, darf Natascha ihre Zelle verlassen. Priklopil lässt sie in den Garten und nimmt sie sogar zu einem Ski-Ausflug mit. Doch die junge Frau (Antonia Campbell-Hughes) ist schon zu gebrochen, vielleicht aber auch einfach nur zu klug, um jede Möglichkeit der Flucht zu ergreifen. Erst mit 18 Jahren nutzt sie die Chance des offenen Gartentors und flieht. Kurz darauf begeht Wolfgang Priklopil Selbstmord.

Ich hatte Regisseurin Sherry Hormann nach Anleitung zum Unglücklichsein schon abgeschrieben. Doch mit 3096 Tage hat sie mich davon überzeugt, dass diese unterdurchschnittliche Romantic Comedy lediglich ein Versehen war und sie noch immer in der Lage ist, gesellschaftlich relevantes Kino zu machen. Es ist mir unbegreiflich, wie es ihr gelungen ist, vor allem die junge Amelia Pidgeon, die hier erstmals vor der Kamera steht, so glaubwürdig zu inszenieren, dass einem der Atem stockt. Insbesondere wenn Thure Lindhardt sie anschreit, demütigt, ihren Kopf unter Wasser drückt, habe ich mir aufrichtig Sorgen um die kleine Schauspielerin gemacht. Ich hoffe inniglich, dass sie von diesen Dreharbeiten kein Trauma davon getragen hat.

© Constantin

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Aber nicht nur Amelia Pidgeon, auch die anderen Schauspieler überzeugen. Thure Lindhardt gelingt es, Wolfgang Priklopil nicht als Monster erscheinen zu lassen, sondern als Menschen, der Monströses tut. Erfreulicher Weise widmet sich das Drehbuch von Bernd Eichinger und Ruth Toma jedoch nicht einer psychologischen Ursachensuche für Priklopils Handeln, sondern begnügt sich damit lediglich anzudeuten, dass auch dieser Mensch ein Produkt seiner Geschichte ist.

Nach einem kleinen Zeitsprung übernimmt Antonia Campbell-Hughes die Rolle der Natascha Kampusch und steht ihrer jungen Vorgängerin in nichts nach. Auch hier beeindruckte mich das intensive Spiel, insbesondere in den schrecklichen Szenen von Misshandlung und Vergewaltigung. Ich habe einfach Respekt für eine Künstlerin, die sich traut, derart an ihre emotionalen Grenzen zu gehen und dabei stets überzeugend bleibt. Was jedoch ihre reale Tortur angeht, bin ich etwas skeptisch. Für die Rolle der gefangenen Natascha Kampusch hat Campbell-Hughes ganz offensichtlich stark abnehmen müssen. Bis auf die Knochen abgemagert tut allein ihr Anblick weh. In ihren schlimmsten Momenten, nackt und kahlgeschoren, erinnert sie in ihrer kauernden Haltung wahrhaftig ein wenig an Gollum. Zwar genügt hier ein Blick, um das Martyrium ihrer Figur zu verstehen, doch stellt sich mir persönlich hier auch die Frage nach den Grenzen legitimer Rollenvorbereitung.

Kameramann Michael Ballhaus, im Übrigen Ehemann von Sherry Hormann, fängt die sechs Quadratmeter große Lebensrealität von Natascha Kampusch eindrucksvoll ein. Ihr Kellerverlies wurde für die Dreharbeiten in Originalgröße nachgebaut. Trotz der Enge gelingt es Ballhaus den Raum aus verschiedenen Perspektiven zu filmen und ermöglicht dem Zuschauer somit einen umfassenden Einblick in die kleine Welt der Hauptfigur.

Auch dramaturgisch hat mich 3096 Tage überzeugt. Die Entwicklung der beiden Charaktere war für mich überzeugend. Vor allem Kampuschs Kampf mit sich selbst. In dem Versuch, ihr Leid erträglicher zu machen, fügt sich Natascha in die Anordnungen Priklopils, beginnt sich aber selbst für ihre Unterwürfigkeit zu hassen. Dennoch bricht sie nie vollkommen, sondern entwickelt trotz der anhaltenden Erniedrigungen eine starke Persönlichkeit, die es ihr schließlich ermöglicht, zu fliehen.

So weit so gut. 3096 Tage ist glaubwürdig und gut gemacht. Aber reicht das? Ungefähr nach einer Stunde Laufzeit beschlich mich plötzlich ein Fluchtinstinkt. Ich wollte einfach nicht mehr sehen, wie das Mädchen gepeinigt, geschlagen, vergewaltigt wird. „Ich hab es doch jetzt verstanden“, dachte ich mir. Wozu diese Folter auf 110 Minuten ausdehnen? Wozu ist das gut, außer vielleicht für den schon angesprochenen Voyeurismus? Natascha Kampusch selbst hat eng mit den Filmemachern zusammengearbeitet, sowohl mit Bernd Eichinger, bevor dieser verstarb, als auch mit Sherry Hormann. Insofern ist davon auszugehen, dass sie mit dem Ergebnis einverstanden ist. Und doch bleibt bei mir die große Frage nach dem Mehrwert. Wieso müssen wir uns diese Geschichte, die wir doch alle kennen, ansehen? Nur damit wir endlich erfahren, ob Wolfgang Priklopil Natascha wirklich vergewaltigt hat und ob sie sich „angemessen“ dagegen gewehrt oder zugestimmt hat? Hat mich das zu interessieren? Hat das irgendjemanden zu interessieren?

© Constantin

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Es wurde viel diskutiert über die Glaubwürdigkeit der jungen Frau, welche Art von Verhältnis sie zu ihrem Peiniger wirklich hatte. Ich sehe das so: Wenn ein zehnjähriges Mädchen entführt und eingesperrt wird, jeglichen Kontakt zur Außenwelt verliert, dann wird ihr Peiniger auch zu ihrer Bezugsperson. Nur weil sie sich in bestimmten Situationen nicht wehrt, bedeutet dies noch lange nicht, dass ihr kein Unrecht geschieht. Dies ist übrigens eines der häufigsten Missverständnisse, wenn es um Vergewaltigungen geht. Als bräuchte es immer ein „nein“, um eine Handlung als unrechtmäßig zu definieren. Ich brauche aber keinen Film, um das zu verstehen!

Warum diese Geschichte noch einmal erzählen? Warum derart explizit? Hilft das wirklich dabei, ein Bewusstsein für die komplexe Situation des Opfers zu schaffen oder wird Kritikern hier nur neues Futter gegeben? Und ist es überhaupt moralisch vertretbar, ein derart persönliches Schicksal so detailliert zum Produkt der Unterhaltungsindustrie zu machen?

Ich finde nicht. Für sich genommen, die wahre Begebenheit ausklammernd, ist 3096 Tage ein guter Film. Als Gesamtpaket muss ich jedoch sagen: Das hätte nicht sein müssen!

Kinostart: 28. Februar 2013

Pressespiegel auf film-zeit.de

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