Fünf Gedanken zu Guardians of the Galaxy

by on 08/04/2014
© Marvel

© Marvel

Statt einer Konsumkritik, die der Frage nachgeht, ob ihr, liebe Leser, Guardians of the Galaxy sehen sollt, möchte ich diesmal fünf Gedanken formulieren, die mir während des Screenings durch den Kopf gingen.Es fällt mir nämlich zunehmend schwer, Kritiken über Comicverfilmungen zu verfassen. Irgendwie sind sie sich doch alle ziemlich ähnlich und um Unterschiede genauer zu analysieren würde ich mir deutlich mehr Zeit nehmen wollen als mir für diesen Text zu Verfügung steht. Ich vermute, dass es den Kritikern zu Hochzeiten bestimmter Genres wie dem Western oder dem Film Noir vielleicht ähnlich ging. Aber ich greife vor…

 

  1. 1. Die Comicverfilmung ist der neue Western

Die Comicverfilmung gehört zu jenen Genres, die besonders stark durch narrative und ästhetische Regeln geprägt bzw. kodiert sind, vergleichbar vielleicht mit dem Western oder auch dem Film Noir. Da ich mich mit Cowboys jedoch besser auskenne als mit Detektiven, bleibe ich mal bei ersteren. Als der klassische Hollywoodwestern seine Blüte erlebte, also in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wirkten die Filme auf ihr Publikum sicher ebenfalls vornehmlich wie Unterhaltungskino. Erst im Rückblick haben sich zahlreiche Kulturwissenschaftler_innen eingehender damit beschäftigt und im Vergleich der Filme untereinander gesellschaftspolitische Subtexte herausgearbeitet. Je mehr Comicverfilmungen ich angucke, desto mehr beschleicht mich das Gefühl, dass uns dies auch eines Tages mit Spiderman und Co. gelingen wird. Es braucht vielleicht einfach den Abstand einiger Jahre oder Jahrzehnte, um sie im zeit- bzw. kulturgeschichtlichen Kontext zu begreifen.

Während ich bei anderen Filmen sehr deutliche zeitgeschichtliche Bezüge entdecken konnte (siehe auch meine Texte zu Iron Man 3 und The Return of the First Avenger), gelang es mir bei Guardians of the Galaxy nicht, eine Brücke zwischen Fantasie und Realität zu schlagen. Neben dem unleugbaren Unterhaltungsfaktor des Spektakels, blieb die neueste Marvel-Verfilmung ungewohnt platt.

© Marvel

2. Sind wir heute schneller von Begriff oder einfach nur faul?

Guardians of the Galaxy bombardiert sein Publikum mit einer irrsinnigen Informationsflut. Wer die Comics nicht gelesen hat, sieht sich nicht nur mit einem unbekannten Universum und seinen Regeln, sondern auch mit einer Vielzahl fremder Lebensformen konfrontiert. In den ersten Filmminuten kam mir der Gedanke, dass meine Großeltern – sehr gebildete und kluge Menschen – nie und nimmer in der Lage wären, dieses Übermaß an Input zu verarbeiten. Was mutet der Film seinem Publikum doch heutzutage zu?! Da ist so wenig, an dem wir uns festhalten können, so wenig Orientierungshilfe. Mehr noch als andere Comicverfilmungen verzichtet Guardians of the Galaxy auf eine Exposition, die den Zuschauer mit der fremden Welt vertraut machen könnte. Figuren jeglicher Coleur – im wahrsten Sinne des Wortes – treten auf. Bedrohliche pseudopolitische Konflikte offenbaren sich, die sich mir zu Beginn nicht einmal im Ansatz erschlossen. Ein böser Mann will alle tot machen – das war so in etwa mein anfänglicher Informationsstand.

Das Interessante ist, dass es mir egal war. In vollem Vertrauen darauf, dass der Film mir schon Erklärungen liefern werde bzw. dass eine fundierte Kenntnis der vorliegenden Welt für das Verständnis des Films gar nicht notwendig sei, ließ ich mich einfach weiter mit verrückten Figuren, abgefahren Settings und Gags beballern.

Noch einmal zurück zu meinen Großeltern: Nicht nur, dass sie mit Sicherheit Schwierigkeiten hätten, die Masse an neuen und vor allem sehr fremden Informationen zu verarbeiten, sie hätten an dieser Form des blinden Filmgenusses („Ich kapier nix, aber ich schau einfach mal weiter hin“) vermutlich auch keine Freude. Was also sagt die Popularität von Comicverfilmungen über uns als Publikum aus? Sind wir schneller von Begriff oder im Gegenteil gar nicht mehr am intellektuellen Durchdringen einer Geschichte interessiert?

© Marvel

© Marvel

3. Ein Waschbär darf alles.

Ach, wie niedlich doch dieser Waschbär in Guardians of the Galaxy ist. Und zugleich so frech! Rocket erobert die Herzen seiner Zuschauer im Sturm und ist wohl für viele das Highlight dieser Comicverfilmung. Auch für mich. Aber irgendwann stellte ich mir die Frage, was es eigentlich bedeutet, dass wir uns so für einen humanoiden Waschbären begeistern können. Ich versuchte mir vorzustellen, wie Rocket als menschliche Figur funktioniert hätte und die Antwort war einfach: Gar nicht! Im zweiten Schritt wurde mir klar, dass man einem tierischen oder fantastischen Charakter, insbesondere wenn er so niedlich ist wie Rocket, alles in den Mund legen kann, ohne dass jemand daran Anstoß nimmt. Im Falle des Waschbären ist dies noch moderat, aber ich bin mir sicher, aus seinem Mund wären auch die sexistischsten und politisch unkorrektesten Sprüche noch schreiend komisch gewesen.

Eigentlich ist Rocket ein ziemlich fieser Geselle, der beispielsweise nur zum Spaß einem Behinderten seine Beinprothese abschwatzt. Das Publikum grölt – was für ein Gag! – aber eigentlich ist die ganze Aktion ziemlich abgründig. Niemand könnte sich für Rocket begeistern, wenn er nicht so putzig klein und flauschig wäre. Wie gesagt hat mich dies im Kontext von Guardians of the Galaxy weniger gestört, da Rockets Äußerungen noch immer recht moderat sind. Doch verdient diese Tendenz – politisch und moralisch zweifelhafte Äußerungen verniedlichten Figuren in den Mund zu legen – unsere kritische Aufmerksamkeit.

 

© Marvel

© Marvel

4. Eine Frau kann sich nicht opfern.

Außer bei Lars von Trier. Aber den lasse ich hier mal außen vor, denn zum Thema Comicverfilmungen hat er meines Wissens nach noch nichts beigetragen. In den meisten Filmen jedenfalls ist das Opfer immer noch dem Mann vorbehalten. Frauen dürfen heute physische Stärke zeigen, manchmal gar den bösen Männern überlegen sein und kräftig austeilen. In den seltensten Fällen aber können sie dem männlichen Helden der Geschichte das Wasser reichen. Es ist ein unausgesprochenes Gesetz, dass der „gute“ Mann nicht nur stärker als der „böse“ Mann, sondern auch als „seine“ Frau ist. Die Frau nämlich ist in den seltensten Fällen ein eigenständiges Wesen, sondern wird – ja, auch in den Comicverfilmungen – gerne in Beziehung zu einem Mann definiert.

Guardians of the Galaxy bildet hier keine Ausnahme, sondern rennt vielmehr freiwillig in die obig beschriebe Klischeefalle. Gamora (Zoe Saldana) ist zwar eine durch Gehirnwäsche abgerichtete Kriegerin, doch würde auch sie diesen Film nicht ohne den männlichen Helden überleben, der – wie sollte es auch anders sein – sein Leben nur zu gerne für sie riskiert.

© Marvel

© Marvel

5. Was ist Gewalt?

Guardians of the Galaxy hat eindeutig ein jüngeres Zielpublikum als andere Comicverfilmungen und das nicht nur wegen des niedlichen Waschbären. Vielmehr gibt sich die Inszenierung auffällig große Mühe, Gewaltanwendungen ihrer schmerzhaften Folgen zu berauben. Der Film ist auf der einen Seite übermäßig brutal. Ständig geraten Leute in aggressive Konflikte, schlagen sich gegenseitig die Köpfe ein und schießen wild um sich. Raumschiffe explodieren, Häuser stürzen zusammen – die Zahl der Opfer müsste hier in die Millionen gehen. Und doch fließt kein Tropfen Blut. An einer Stelle sehen wir, wie gelbe Flüssigkeit aus einer außerirdischen Lebensform spritzt, doch wirkt dies auf Grund der Farbe nicht sonderlich bedrückend. In einer anderen Szene wird ein menschenähnliches Wesen an seiner Nase emporgehoben. Wir hören ein garstiges „Ratsch“, was eine schmerzhafte Verletzung markiert, doch ein harter Schnitt befördert uns in die nächste Szene, bevor wir die Folgen dieser Gewalttat beäugen können.

Die saubere, folgenlose und scheinbar weitgehend schmerzfreie Gewalt in Guardians of the Galaxy ist über die Maßen befremdlich und noch befremdlicher, wenn wir sie im Kontext des hohen Unterhaltungsfaktors der Inszenierung betrachten. Ohne hier den Moralapostel spielen zu wollen: Wollen wir wirklich darüber lachen, wie Lebewesen Schmerzen zugefügt werden?

 

Was glaubt ihr?

 

Pressespiegel auf film-zeit.de

4 Responses to “Fünf Gedanken zu Guardians of the Galaxy”

  • Alex says:

    Hallo Sophie – mit #4 und #5 hast du absolut recht. #5 ist ja zum Glück spätestens seit dem letzten Jahr und den Zerstörungsstürmen von „Man of Steel“ und Co auch in den USA ein Thema – „PG13 Violence“ lautet das Stichwort. Das Rating-System ist in den Staaten wirklich unfassbar kaputt und das führt zu solchen Auswüchsen. Zu #4 kann man nur sagen, dass „Guardians“ mit drei nennenswerten weiblichen Charakteren (Gomora, Nebula und Nova Prime) ja sogar beinahe den Bechdel-Test besteht (wobei Gomora und Nebula im Endeffekt wohl doch nur über Thanos reden) – aber die Rollenbilder trotzdem zu großen Teilen aufrecht erhalten werden.

    Über #1 kann nur die Nachwelt entscheiden, ich würde dir aber prinzipiell zustimmen. Das gleiche kann ich allerdings nicht zu #2 und #3 sagen.

    Gerade bei #2 bin ich geradezu entgegengesetzer Meinung. Mal ausgeklammert, dass „Guardians“ auch als gutes Beispiel fungieren könnte für transmediales Erzählen (Teile der Geschichte werden eben in anderen Medien erzählt, z. B. Comics, aber auch etwa der „Avengers“ Film), fand ich es gerade gut, dass mir hier ein SF-Universum präsentiert wurde, dass eindeutig mehr Dimensionen hatte als nur die, die für diese spezielle Geschichte notwendig waren. Wenn bei dir nur „Typ will Planeten plattmachen“ übrig bleibt, ist das völlig okay. Mehr muss man ja auch für den Film gar nicht wissen. Man bekommt aber unbewusst mit, dass anscheinend gleichzeitig noch viele andere Stränge laufen. Und das würde ich eher als reichhaltiges Worldbuilding/Storytelling sehen denn als Manko.

    Und zu #3 würde ich einfach sagen, dass ein Charakter wie Rocket meiner Meinung nach auch funktionieren würde, wenn er kein Waschbär wäre (der gar nicht so niedlich ist, finde ich – wenn hier jemand niedlich ist, dann Groot). Charaktere, die schlaue Sprüche reißen, aber irgendwie abgefuckt und unnötig grausam/brutal sind – die man aber als Zuschauer trotzdem irgendwie mag – gibt es doch in der Filmgeschichte genug, oder? Ich denke da vor allem an unzählige Action- und Gangsterfilme, aber auch an Figuren wie Tyler Durden.

  • Thomas says:

    Also ich sehe da keine so riesigen Ähnlichkeiten zwischen Comicverfilmungen, das ist doch genau wie bei Literaturverfilmungen. Anna Karenina ist halt anders als Dracula als Saphirblau. Und „American Splendor“, „Sin City“, „Oldboy“, „Die Schlümpfe“, „Der bewegte Mann“, „Gemma Bovery“, „Art School Confidential“ und „Blau ist eine warme Farbe“ unterscheiden sich ähnlich stark. Das Problem ist, dass bei Comicverfilmung viele immer gleich an Superhelden denken. Man stelle sich vor, wie man über „Literatur“ denken würde, wenn man davon ausginge, dass alle Bücher sich darum drehen, dass zwei 16jährige sich verlieben, die Werwolf, Zauberer, Krebskranke und ähnliches sind. Comics sind eine Kunstform, nicht das Tummelfeld von Typen in langer Unterwäsche.

    • filmosophie says:

      Ok, vielleicht hätte ich das spezifizieren müssen, denn ich meinte tatsächlich Superheldenverfilmungen und nicht Comics im Allgemeinen, zu denen – ganz richtig – auch Filme wie „Blau ist eine warme Farbe“ gehören. Sehr guter Hinweis. Bei den Superhelden stehe ich aber zu meiner Theorie!

  • quadzar says:

    Interessanter Text, auf jeden Fall konträr zum Großteil der Meinungen (also begründet, ich meine konträr nicht um des Dissens willens).

    Dem Punkt mit der Gewalt kann ich aber nicht so zustimmen. Wenn man sich MoS anguckt, dann wirkt die Gewalt so schockierend, weil Zack Snyder mit seinem Auswasch-Filter unbedingt „Realismus“ produzieren wollte. Was bei Superman sinnlos ist. Bei Batman geht das noch (bedingt), aber Superman ist eine eher mythisch-idealisierte Figur, die in den 70ern zum Niesen in unbewohnte Galaxien fliegen musste, so viele Superkräfte hatte, dass er sogar Mini-Supermänner aus seinen Händen schießen konnte und vor ein paar Jahren das Universum wieder ins Leben singen (!) musste, als ein Schurke mit einer Formel allen Lebewesen bewiesen hatte, dass Identität und Leben eine Illusion ist und das Universum wegen der Konzentration negativer Energie implodierte. Zack Snyder wollte so etwas realistischer machen, aber wenn man ein solches Wesen realistischer machen will, endet man am Ende mit einem Genickbruch und zerstörten Städten (Alan Moores Watchmen haben „Realismus“ in Superhelden schließlich schon ziemlich auf den Punkt gebracht).

    Die Marvel-Filme kommen mit der Gewalt besser weg, weil sie den Realismus aus dem Fenster schmeißen, was meiner Meinung nach die beste Strategie für Superheldenfilme ist. Diese Filme sind wie Cartoons und ich denke durchaus, dass die PG13-Kundschaft wegen der „wackyness“ der Filme diese Formen der Gewalt nicht als für die Realität angebracht sehen.

    Aber ich muss die Guardians of the Galaxy immer noch erst sehen (Sonntag endlich). Dass dieser Film dir so typifiziert erscheint, hat mich ein wenig überrascht. James Gunn hat schließlich auch Super gedreht, was einer meiner Lieblingsfilme im Genre ist und alle Konventionen auf den Kopf stellt (und dabei bitterböse und sehr emotional zugleich ist). Deswegen hätte ich trotz Hollywood mehr erwartet von den Guardians. Aber ich werds ja sehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.