7 Psychos

by on 11/21/2012

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© DCM

Nach seinem Instant-Kulthit Brügge sehen … und sterben liefert Martin McDonagh mit 7 Psychos nach. Bei seinem neuen Film wissen wir nie so ganz, ob er Quentin Tarantino, Guy Ritchie oder manchmal Quentin Dupieux imitieren will. Die Antwort: Alle und keinen und eigentlich nur Martin McDonagh.

Brügge sehen…und sterben war 2010 ein sofortiger Erfolg für den ursprünglichen Theaterregisseur McDonagh und glänzt mit bitterschwarzem Humor und Charakteren, die diesen Namen auch verdienen. 7 Psychos geht vom Humor her in eine ähnliche Richtung, befasst sich aber eher mit der Dekonstruktion als der bloßen Erzählung einer wahnsinnig unterhaltsamen Geschichte. Die Geschichte allein ist nämlich smarter Gangsterfilm-Standard und an sich nur minimal unterhaltsam.

In 7 Psychos geht es um Marty (Colin Farrell), einen erfolglosen und alkoholisierten Drehbuchautor, der mit seinem nächsten Skript schon viel zu lang hinterherhängt. Der Name des Skripts lautet „7 Psychopaths“, was für Marty ein Problem darstellt, denn er hat bisher nur einen einzigen Psychopathen erfunden. Durch seinen Freund Billy (Sam Rockwell) erfährt er von einem wirklichen Psychopathen, der theatralisch die örtlichen Mafiosi umlegt und Marty fortan als Anstoß für weitere Inspiration dient. Billy, der mit seinem guten Freund Hans (Christopher Walken) hauptberuflich Hunde stiehlt und später den Finderlohn einstreicht, hat derweil einen kleinen Shih-Tzu gestohlen. Pech nur, dass der dem wahrhaftig psychopathischen Gangsterboss Charlie (Woody Harrelson) gehört. Bald schon wird Martys Leben mit mehr inspirierenden Psychopathen angereichert, als ihm lieb ist.

Das Werbeposter zu 7 Psychos zeigt sieben Menschen vor poppigem Grün. Einige von ihnen, darunter Christopher Walken, Sam Rockwell, Tom Waits und Woody Harrelson, sehen aus wie die titelgebenden Psychopathen, während Colin Farrell eher als der publikumsrepräsentierende Normalo daherkommt. Auch Abbie Cornish und Olga Kurylenko sind auf dem Poster vertreten, obwohl ihre Rollen nur sehr klein sind. Sogar der kleine Shih-Tzu darf dabei sein, der der deutschen Version ihren „verrückten“ Filmuntertitel bescherte (7 Psychos und 1 Shih-Tzu). Ich mache es kurz.

Das Posterdesign gleicht demjenigen zu Guy Ritchies Snatch – Schweine und Diamanten fast aufs Haar (inklusive Hundehaar). Bei dem oben beschriebenen Story-Setup ist das auch kein Wunder, hätte er doch genausogut aus der Feder von Guy Ritchie stammen können. Auch Quentin Tarantino dürfte einigen bei der Trailersichtung und der Aussicht auf Genrereflexion einfallen. Ich kann das Marketing gut verstehen. Schliefllich lässt sich 7 Psychos trotz seiner oberflächlichen Stilähnlichkeit zu Tarantino und Ritchie mit jeder verstreichenden Minute weniger mit irgendetwas bisher dagewesenem vergleichen.

Es wird recht schnell klar, dass es sich bei Marty eigentlich um Martin McDonagh selbst handelt (Christopher Walken scheint das fehlende „n“ einmal sogar mitzusprechen). Bei 7 Psychos handelt es sich eigentlich nicht um eine Geschichte, sondern um so etwas wie ein filmisches Symbol für den Schaffensprozess an sich. Schlau klingende Menschen sagen dazu „meta“, „intertextuell“ oder einfach nur „postmodern“. Diese Postmodernität äußert sich anfangs zum Beispiel durch eine schwer an Tarantino erinnernde Sequenz, in der zwei Gangster minutenlang vor sich hinbrabbeln, nur um auf eine ganz bestimmte Art unterbrochen zu werden. Oder sie äußert sich im Filmtitel, der ganz offensichtlich an Sieben Samurai (Akira Kurosawa) und Die Glorreichen Sieben (John Sturges) erinnern will.

Trotzdem ist der Film anfangs eine  recht schlichte Geschichte um einen Drehbuchautor und seinen quirligen Freund, die in etwas verwickelt werden, das trotz seiner Lächerlichkeit scheinbar zu groß für sie ist. Die wirkliche Qualität von 7 Psychos beginnt etwa ab der Hälfte. Ab diesem Zeitpunkt dreht sich alles nur noch um das Drehbuch, das in wechselnden Perspektiven von Hans, Billy und Marty gemeinsam ausgearbeitet wird.

Martys Ansprüche an das Drehbuch fließen in den Film und machen es für den Zuschauer unmöglich, den weiteren Plot vorhersehen zu können.  Wenn eine bestimmte Richtung eingeschlagen wird und wir uns gerade daran gewöhnt haben, ändert sich diese Richtung ein paar Szenen später noch einmal, nur um uns am Ende daran zu erinnern, dass nicht alles nach Schema F laufen muss. In der Pressevorstellung fiel während der Credits der Projektor aus. Ich konnte nicht beurteilen, ob das noch zum Film gehört. Wie ein echter Psychopath ist 7 Psychos vollkommen unberechenbar. Der Film wirkt wie ein schamanischer Traum, den Martin McDonagh einmal geträumt haben muss.

Am Anfang der Kritik habe ich Quentin Dupieux erwähnt. Dessen Film Rubber spielte mit dem Serienkiller-Genre, schaffte es aber nicht über eine lustige Aneinanderreihung bekannter und dekonstruierter Klischees hinaus. In seiner Atmosphäre ähnelt 7 Psychos diesem Film sehr. Der große Unterschied ist, dass seine Meta-Aspekte hinter den liebevoll inszenierten Figuren zurücktreten müssen.

Jeder der sieben Psychopathen, sogar der, der nur in Martys Drehbuch existiert, hat eine ausführliche Hintergrundgeschichte und Eigenheiten. Es ist diese Liebe zum Detail, die die von scharzem Humor durchflutete Mordgeschichte gegen Ende zu einem mehrschichtigen Märchen über das Wunder der Freundschaft werden lässt. Ab der Hälfte der Geschichte wird das Beziehungsnetz zwischen Marty, Billy und Hans immer dichter. Christopher Walken, Sam Rockwell und der im seelenlosen Total Recall verunglimpfte Colin Farrell nehmen ihre Rollen an wie perfekt passende Handschuhe, die einem einzigen, herzigen Wesen gehören.

Der hollywoodsche Zwang zum blutigen Showdown in solcherlei Gangsterfilmen ist für Marty eine Krux, die er in seinem Drehbuch gern buddhistisch vermeiden würde. Auch wir wollen hier niemanden sterben sehen, schon gar nicht auf eine übertrieben theatralische Weise, die nur dem Showwert dient.So hoffte auch ich, dass der von Billy so sehr erhoffte inspirationelle Showdown doch nicht kommt. Gewalt ist im wirklichen Leben nichts Schönes, nichts Spannendes. Ob ihr diesen Showdown wollt, ob er kommt und ob ihr auch Tage später noch daran denkt, findet ihr am Besten selbst heraus.

KINOSTART: 6. Dezember 2012

Pressespiegel auf film-zeit.de

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