A Bigger Splash – Ein Sekundenbruchteil, endlos ausgeschmückt

by on 03/15/2016

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© Studiocanal GmbH Filmverleih

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Fangen wir mit dem an, was zuerst da war: das Gemälde von David Hockney. Der Künstler malte A Bigger Splash 1967 – ein modernes Gebäude in Kalifornien, eine sonnenbeschienene Terrasse, im Vordergrund der Pool. Die Wasseroberfläche ist aufgewühlt, nur wer gerade vom Brett gesprungen sein muss, ist nicht zu sehen.

Zwei Jahre später kommt La Piscine in die Kinos, ein Thriller mit Alain Delon und Romy Schneider – zu diesem Zeitpunkt bereits seit sechs Jahren kein Paar mehr – Maurice Ronet und Jane Birkin. Es ist ein Film über Schöne und Reiche, die im Angesicht zutiefst menschlicher Leidenschaften jegliche Zurückhaltung fahren lassen – der vierterfolgreichste Film am französischen Box Office.

Und schließlich A Bigger Splash, das 2016er Swimmingpool-Remake von Luca Guadagnino – mit dem Titel des Hockney-Gemäldes. Wen haben wir da alles? Den Amon Göth- und Voldemort-Darsteller Ralph Fiennes als Rockmusikproduzenten Harry, der in seiner Überdrehtheit am liebsten bunte Anekdoten aus seiner langen Karriere zum Besten gibt. Die zu recht ausnahmslos von allen verehrte Tilda Swinton als androgynen Über-Rockstar Marianne, die nach einer Operation ihre Stimme verloren hat und eine Auszeit von der Karriere nimmt. Shootingstar Dakota Johnson als Harrys provokativ kokettierende Tochter Penelope, die hier endlich die Haut zeigen kann, die sie in ihrem prüden Durchbruch Fifty Shades of Grey noch verstecken musste. Und schließlich der belgische Erfolgs-Export Matthias Schoenaerts als geläuterter Filmemacher Paul, der durch die Tragödien seines Lebens das Recht erworben hat sich erwachsen zu fühlen.

A Bigger Splash 1967 David Hockney - Fair Use

A Bigger Splash 1967 David Hockney – Fair Use

Sie alle treffen sich in A Bigger Splash auf der italienischen Mittelmeerinsel Pantelleria in einer Villa nahe der Klippen. Ursprünglich sind es nur Paul und Marianne; Harry, den eine frühere Beziehung mit der Sängerin verbindet, lädt sich kurzerhand selbst ein und hat die Tochter unangemeldet im Schlepptau. Es ist – und wer SPOILER scheut, sollte an dieser Stelle das Lesen besser einstellen – in Kenntnis des 1969er Films abzusehen, dass irgendwann eine Leiche im Pool schwimmen muss, und Luca Guadagnino versteht es sein hochkarätiges Ensemble so zu dirigieren, dass sich schon früh eine eigenartige Spannung zwischen den Figuren entwickelt. Sie oszilliert unablässig zwischen überschäumender Liebe zueinander und unzähligen Vorbehalten der Art wie sie nur entstehen, wenn Menschen sich gegenseitig etwas zu gut kennen.

© Studiocanal GmbH Filmverleih

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Vieles in A Bigger Splash scheint an das diffuse Gefühl einer guten alten Zeit zu erinnern – von den Anekdoten Harrys bis zu Marianne, die am liebsten die 50er- und 60er Jahre-Kleider ihrer Mutter trägt (designt wurden die Kostüme im Übrigen von Raf Simons, der lange Jahre dafür gefeiert wurde, im Hause Dior Tradition und zeitgenössische Vision zusammenzubringen). Und auch die offensichtlichen Referenzen des Films – Hockney und La Piscine – sind in den 1960ern angesiedelt. Einer Hochzeit des europäischen Kinos – was die Autoren angeht, aber auch die Genres – und der Kunst, eine in der Retrospektive nur allzu schnell verklärte Ära. In einem Interview erklärte David Hockney einmal, dass er bei seinem Gemälde unendlich viel Zeit auf die Darstellung des Wasserspritzers verwandt habe – obwohl der doch eigentlich nur den Bruchteil einer Sekunde wiedergäbe, während das Gebäude im Hintergrund dauerhaft unverrückbar stünde. Dieser modernen Architektur wohnt ein utopisches Versprechen inne, das bis heute nicht so recht eingelöst werden konnte. Und wenn unsere Figuren aus A Bigger Splash in ihrem Ferienhaus die gute alte Zeit des Rock’n’Roll aufleben lassen, dann scheint es nahezu unausweichlich, dass auch dieses Vorhaben scheitern muss.

© Studiocanal GmbH Filmverleih

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Und noch etwas scheint derzeit unausweichlich: wer an Mittelmeerinseln denkt und an Krisen, der denkt auch an Flüchtlingsströme, kenternde Boote und überfüllte Auffanglager. Es wäre wahrscheinlich ignorant, im Jahre 2015 einen Film bei Festivals einzureichen, der an diesem Ort der Welt angesiedelt ist und nicht über den Tellerrand reicher Weißer hinausblickt. Und doch stellt sich milde Ernüchterung ein, als Luca Guadagnino am Ende alles auf diese Conclusion hinauslaufen lässt. Nicht, weil er sentimental würde und sein Anliegen in ewigen Dialogen ausbuchstabierte. Eher, weil am Ende die Symbole zu sauber aufgehen und dem Film dadurch einen unangenehm moralisierenden Dreh verpassen. Dem Splash gilt alle temporäre Aufmerksamkeit, das Haus bleibt stehen. „Man kann die Flüchtlinge ohnehin nicht noch mehr demütigen“, resigniert der Polizeichef von Pantelleria gegen Ende, bevor er Marianne nach einem Autogramm fragt und die Täter anschließend ziehen lässt. Sie lachen erleichtert, und dann schaut Marianne zu Paul herüber. Etwas Verstohlenes liegt in ihrem Blick. Sie weiß, dass sie gerade noch so davongekommen sind. Ohne Konsequenzen. Ab nach Hause. Auf Pantelleria wird sich die Lage aber weiter zuspitzen, so wie auf der Nachbarinsel Lampedusa auch. Letzten Endes erliegt man nach A Bigger Splash dem gleichen Reflex wie Marianne: Ein Lachen, ein verstohlener Blick, weitermachen. Wir wissen um die Probleme und um ehrlich zu sein auch um unsere Schuld, dem Himmel sei Dank können wir es uns aber leisten, uns nichts anmerken zu lassen.

Kinostart: 05. Mai 2016

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