A Long Way Down – Suizid für die ganze Familie

by on 03/30/2014

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© DCM Filmverleih

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Nach Stephen King, Jane Austen und Nicholas Sparks scheint nun auch Nick Hornby einer dieser Schriftsteller zu sein, dessen Bücher reihenweise auf Zelluloid transportiert werden. Bei dem Namen Nick Hornby denken die meisten wohl an die Bücher, die Filme zu den Büchern oder die Bücher zu den Filmen von beispielsweise High Fidelity oder About a Boy. Die neuste Visualisierung eines seiner Bücher und damit bereits die sechste, stellt A Long Way Down dar, zu dem Hornby auch das Drehbuch schrieb. Mein Lieblingsbuch und -film von Hornby ist seit je her High Fidelity und das, so viel kann ich bereits vorweg nehmen, hat sich auch nicht geändert nachdem ich A Long Way Down gesehen habe.

Erst neulich ist mir wieder eingefallen warum ich Jack Black mal lustig fand, fragte ich mich doch lange Zeit bei jeder Neuerscheinung einer seiner Filme warum sich das Leute angucken. Als ich mir wieder einmal High Fidelity anschaute, wurde mir klar, dass Jack Black seit diesem Film immer den selben Charakter spielt, ähnlich wie Jonny Depp mit Jack Sparrow. In gewisser Weise profitiert Jack Black noch heute von der Rolle, die er in High Fidelity verkörperte. Genauso wird mein Bild von John Cusack auf Ewig ein positives bleiben, egal was er noch so für Filme verbrechen mag. High Fidelity ist nicht nur ein großartiges Buch, der Film schafft, was viele Romanverfilmungen nicht schaffen, er funktioniert als Film. Ob Leseratte oder Cineast, bei einem sind sich beide sicher: die Erwartungen eines guten Buches erfüllt nur eine sehr geringe Anzahl an Filmen. Ist A Long Way Down also eine gute Romanverfilmung oder sogar ein Film, der ohne literarische Vorkenntnis funktioniert?

Als A Long Way Down erschien, war mir Hornbys Schaffen bereits bekannt und ich verschlang den Roman innerhalb weniger Tage. Neun Jahre später kommt die Verfilmung in die Kinos und mir fiel beim erneuten Lesen des Buches auf, dass ich es weitaus besser in Erinnerung hatte als gedacht. Die Enttäuschung über den Film war allerdings umso größer. Am Silvesterabend treffen sich die vier Protagonisten JJ, Martin, Maureen und Jess auf einem Dach, jeder in dem Vorhaben in den Tod zu springen. Der Wunsch nach Selbstmord reicht für die vier aus, um eine private Selbsthilfegruppe zu gründen. Das Vorhaben wird gemeinschaftlich auf den Valentinstag verschoben und ein Pakt ausgehandelt, den Suiziden bis dahin aus dem Weg zu gehen. Eine schlichte Suche nach individueller Erfüllung treibt die ungleiche Gruppe jedoch noch einmal zusammen, wobei die Motivation der Charaktere in etwa so tiefschürfend ist wie die des Blechmanns, des Löwen und der Vogelscheuche in Der Zauberer von Oz. Demütigung, Hilflosigkeit, Aufmerksamkeit und Liebe reichen dem Film anscheinend vollkommen aus um die Handlungen der verzweifelten Akteure zu rechtfertigen. Stellt man den Vergleich zum literarischen Vorwerk an, so sollte einem auffallen, dass den Hauptfiguren so ziemlich alles genommen wurde, was sie zu interessanten, nachvollziehbaren Figuren macht. Punktete das Buch mit viel schwarzem Humor und tiefgründigen, detaillierten Monologen jedes Charakters, so versucht der Film mit der oberflächlich traurigen Miene eines Schauspielers die selbe Stimmung zu erzeugen. Die vier Hauptdarsteller Pierce Brosnan, Toni Collette, Aron Paul und Imogen Poots schaffen es auch nicht, dem Film mehr Tiefe zu verleihen und so bleibt er ein gewöhnliches Musterbeispiel an immer gleichen Erzählstrukturen in Filmen. Dramaturgisch bewegt sich das ganze auf dem Level einer typischen „romantic comedy“ mit den klassischen Spannungsbögen an den klassischen Stellen. Als ich vor kurzem im Fernsehen zufällig bei dem Film Der Auftragslover vom selben Regisseur Pascal Chaumeil hängen blieb, wurde mir klar, dass er die gleiche Struktur aufwies wie A Long Way Down. So eine Art dramaturgischer Lückentext, in den man Namen und Konflikte beliebig eintragen kann, um möglichst viele ähnliche Filme zu produzieren. Ich übertreibe: Dieses Prinzip hat dieser Film nicht erfunden, er ist nur ein weiteres Beispiel.

Das Thema Selbstmord wurde im Buch mit viel trockenem, englischem Witz erzählt und stieß vielen übel auf, besaß aber durch die Mischung aus Ironie und Ernst einen erfrischend bissigen Charakter. Der Film behandelt das Thema äusserst substanzlos und versucht damit einem breiten Publikum zu gefallen. Das ganze Konzept schreit förmlich nach Massentauglichkeit. Der Film bewirbt sich als Romanverfilmung von Nick Hornby und vergleicht sich so automatisch mit den vorhergehenden Adaptionen. Zusätzlich vereinen 007, der Typ aus Breaking Bad, die Frau, die sich schon bei About a Boy versucht hat umzubringen und eine junge attraktive Newcomerin den seichten Humor eines Sonntagnachmittagfilms zu einer perfekten Werbestrategie für anspruchslose Filmgucker von jung bis alt. Der Film fliegt an Problemen vorbei und hinterlässt einen faden Nachgeschmack an Schulterzucken. Menschen, die sich wirklich mit dem Thema Selbstmord auseinandersetzen möchten oder ernsthaft Suizidgedanken haben, können mit dem Film wenig anfangen. Er spricht die an, die von Suizid mal in der Zeitung gelesen haben und Interesse mit Unterhaltung verwechseln. Und trotzdem schafft er es in vereinzelten Szenen doch kurz zu unterhalten, wenn man wenig erwartet und versucht Probleme des Alltags, die einem im Kopf rum schwirren, zu vergessen.

Wenn ich in ein paar Jahren an Aron Paul oder Imogen Poots denke, wenn sie, so Hollywood will, groß rausgekommen sind, werde ich wohl kaum wie in Jack Blacks Fall an eine Nick Hornby Verfilmung denken. Ich will aber auch nicht zu hart sein, das ist bestimmt auch nicht der Anspruch des Films. A Long Way Down versucht sich nicht ernsthaft mit dem Thema Suizid auseinanderzusetzen oder es philosophisch neu zu interpretieren, er könnte aber all denen gefallen, die leichte Unterhaltung suchen oder einen Film mit Großeltern und Eltern gucken möchten, sich aber auf keinen Film gemeinsam einigen können.

Kinostart: 03.04.2014

Pressespiegel auf film-zeit.de

Für Themeninteressierte und Hornbyliebhaber:

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