A Most Violent Year – Golden glänzen die Fassaden

by on 03/10/2015

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© SquareOne/Universum

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Brooklyn lange vor der Gentrifizierung, die Subway eine einzige Graffiti-Leinwand und Ort regelmäßiger Überfälle, eingeschlagene Fensterscheiben und verlassene Industriegelände, eine lethargische bis korrupte Polizei, die Kriminalitätsstatistik geht durch die Decke. Dass New York City Anfang der 80er Jahre ein hartes Pflaster war, davon zeugen noch heute beeindruckende Fotostrecken wie die von Bruce Davidson.

Unter diesen Gesichtspunkten mag es vielleicht verwundern, dass The Most Violent Year so unverschämt gut aussieht. Der Thriller ist im New York des Jahres 1981 angesiedelt, dem Jahr mit den meisten Verbrechen seit dem Beginn offizieller Aufzeichnungen. Der Filmemacher J.C. Chandor beweist mit dieser dritten Regiearbeit, dass er offensichtlich alles kann: in Der große Knall – Margin Call dirigierte er ein ganzes Ensemble, in All Is Lost inszenierte er eine wirkungsvolle One-Man-Show und nun stellt er Oscar Isaac und Jessica Chastain in ein perfekt durchgestyltes Stück Erzählkino der Luxusklasse. Isaac schlüpft in die Rolle des Einwanderers Abel Morales, der es im Heizöl-Sektor zu ansehnlichem Erfolg gebracht hat. Aber die Konkurrenz schläft nicht: seine Tanklaster werden überfallen, der Staatsanwalt Lawrence (David Oyelowo) ist ihm wegen Korruptionsvorwürfen auf den Fersen und seine eiskalte Frau, Tochter eines bekannten Gangsters, will die Bedrohungen auf ihre ganz eigene Weise bekämpfen. Sein eigener Vorsatz, im Geschäft stets auf legale Mittel und Wege zu setzen, wird so immer schwerer einzuhalten.

Ich bin in A Most Violent Year hauptsächlich wegen der hochklassigen Personalien gegangen, die in den Film involviert sind. Meine Bedenken galten dem Titel – aber wer erwartet, hier Gewalttaten und körperliche Abscheulichkeiten im Überfluss serviert zu bekommen, wird seine Erwartungen nicht erfüllt sehen. Was ich als Pluspunkt verbuche, dürften viele Zuschauer dem Thriller durchaus übel nehmen: er erfordert vor allem Geduld. J.C. Chandor setzt nicht auf Tempo und actiongeladene Schauwerte, sondern vorrangig auf eine sehr langsame und genaue Erzählweise. Minute für Minute arbeitet er den Tagesablauf Morales ab, lässt ihn morgens joggen gehen und für seine Firma leben, bis er am Abend heimkehrt in das neue Riesenhaus, das er mit Frau und Kindern bezogen hat und von dessen glatten Oberflächen jegliche Wärme abzuperlen scheint. Dabei ist es vor allem der visuelle Stil, der der Gemächlichkeit trotzt und den wertschätzenden Zuschauer nicht hängen lässt. Goldenes Licht fließt in die Kamera und verspricht eine strahlende Zukunft, nur um in der nächsten Szene schon dick, milchig und fast sepiafarbend käseglockig über der Stadt zu hängen. Jessica Chastain sieht aus wie aus dem neusten Armani-Lookbook ausgeschnitten und das Setdesign wirkt ebenfalls wie aus dem Hochglanzkatalog.

© SquareOne/Universum

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Aber all die schönen Bilder, die elaborierte Kameraführung und das perfekte Licht zeugen in A Most Violent Year nicht von Selbstverliebtheit à la Anton Corbijn. Sie dienen vielmehr dazu, uns Zuschauer vor allzu einfachen Schlüssen zu bewahren. Früher war alles besser, scheint der Retrolook uns einzuflüstern. Eben nicht, halten Filmtitel und Sujet dagegen. Die Geschichte mag für uns leicht nachvollziehbar sein, eigentlich zeigt uns J.C. Chandor aber eine ungeheuer komplexe Situation. Keine Figur ist hier definitiv Held oder Antagonist, keine Frage endgültig mit ja oder nein zu beantworten, kein Problem durch eine simple Lösung zu befrieden. Jeder Versuch einer Strategie scheitert an unvorhersehbaren Konsequenzen, die sich jeder Kontrolle entziehen.

Die Straßen New Yorks mögen sicherer geworden sein, so wie die meisten Großstädte der westlichen Hemisphäre. Aber die Welt? Sie ist für den Einzelnen unübersichtlich, kaum zu fassen. Immerhin waren Gut und Böse früher noch gut erkennbar verteilt, möchte man aufstöhnen. Aber waren sie das eigentlich jemals? Die aktuell so gern gelebte Neuauflage des Biedermeier spricht dafür: wenn Zusammenhänge uns zu überfordern beginnen, ziehen wir uns lieber zurück, bis es am Ende nur noch für vermeintliche Weisheiten reicht wie die vom kleinen Mann, der sprichwörtlich immer auf der Strecke bleibt. A Most Violent Year bildet eine solche Situation ab. Eine Welt, in der der amerikanische Traum in sich zusammenzufallen droht, in der nicht klar ist, ob der Erfolg tatsächlich der eigenen harten Arbeit entspringt oder vielleicht doch nur Glück und Beziehungen. Eine Welt, in der der Traum vom besseren Leben trotzdem nicht aufhört zu schimmern wie die golden beschienenen Fassaden Manhattans von der gegenüberliegenden Seite des Hudson Rivers aus gesehen.

Kinostart: 19. März 2015

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