All Is Lost – Die Hoffnung stirbt zuletzt

by on 01/07/2014
© Universum

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All Is Lost. Alles ist verloren. Nichts bleibt. Ich kann mir im Nachhinein nicht erklären, wie ich auf die Idee kommen konnte, hinter diesem Titel verberge sich ein Feel-Good-Movie, einfach nur weil Robert Redford mitspielt. Es gibt wohl kaum einen Film, der mich so bedrückt hat, bei dem ich das Fallen des Vorhangs aus innerer Not heraus derart ersehnte wie bei All Is Lost. Ich kann wahrlich nicht behaupten, der Film habe mir „gefallen“. Aber das muss er auch nicht. Trotzdem kann ich erkennen und wertschätzen, dass hier jemand ziemlich gut mit dem Medium Film umzugehen weiß.

J.C. Chandor ist ein kleines Phänomen. Sein erster Langfilm, Der große Crash, hat zwar keine Besucherrekorde aufgestellt, dafür ziemlich gute Kritiken erhalten. Chandor wurde für sein Originaldrehbuch sogar für einen Oscar nominiert. Allein der Cast lässt jeden Nachwuchsfilmer vor Neid erblassen: Kevin Spacey, Paul Bettany, Demi Moore – um nur einige wenige zu nennen.

Für seinen zweiten Kinofilm wählte Chandor eine nicht weniger prominente Besetzung: Robert Redford. Und zwar NUR Robert Redford. Man sagt ja gerne mal, ein Film sei eine „One Man Show“, aber ich habe noch keinen Film gesehen, auf den das wirklich zutraf. So sind in Moon zumindest in Erinnerungen und Videobotschaften andere Menschen als die Hauptfigur zu sehen und in Cast Away verbringt Tom Hanks auch nur eine begrenzte Zeit als einsamer Inselbewohner. All Is Lost jedoch kommt tatsächlich mit nur einer einzigen Figur aus. Dementsprechend gibt es keine Dialoge. J.C. Chandor lässt seinen namenlosen Protagonisten nicht aus dramaturgischen Gründen vor sich hin brabbeln und beschränkt das Voice Over auf ein Minimum. Nur in den ersten Minuten hören wir die innere Stimme des Mannes, der im Laufe des Films mit seinem Segelboot untergehen wird. Seine Worte sind unkonkret, vielleicht ein wenig verwirrt und traurig. Und dennoch: Trotz der säuselnden Musikuntermalung gelingt es Chandor irgendwie, unangenehmen Pathos zu vermeiden.

Dies trifft im Übrigen auf den gesamten Film zu. Die Musik wird zurückhaltend eingesetzt, so dass sie die Ereignisse auf der Leinwand stets unterstützt, ohne sie übertrieben zu dramatisieren. Eine künstliche Dramatisierung der Ereignisse ist ohnehin unnötig, denn der Zuschauer hält hier von Anfang an den Atem an. Kaum hat uns das Voice-Over darauf vorbereitet, dass wir gleich Zeuge eines schrecklichen Unfalls werden, sehen wir auch schon wie der einsam auf dem Indischen Ozean segelnde Protagonist mit seinem Boot von einem Container gerammt wird. Zunächst kann er das Loch flicken, doch der nächste Sturm wird dem Schiff dennoch zum Verhängnis. Obwohl wir wissen, dass der Mann kentern wird – schließlich haben wir zu Beginn seinen Abschiedsbrief gehört – halten wir aus unerfindlichen Gründen an der Vorstellung fest, der Film könne doch anders enden. Da ist diese irrationale Hoffnung, die mich persönlich auch stets bei Romeo & Julia befällt, obwohl ich doch ganz genau weiß, dass sie sterben werden und es keine, aber auch gar keine Chance gibt, dass diese Geschichte anders ausgeht.

Interessanterweise ist es eben diese Hoffnung, die auch den Protagonisten antreibt. Über lange Strecken reagiert er auf die lebensgefährliche Situation mit einer schier unfassbaren Ruhe. Vollkommen kontrolliert und wohlüberlegt führt er Reparaturen durch und bereitet seine vermeintliche Rettung vor. In manchen Momenten fragte ich mich, warum er nicht einfach aufgibt. Warum noch kämpfen, wenn doch alles aussichtlos, wenn alles verloren ist?! Vermutlich aus genau demselben Grund, der auch erklärt, warum ich immer wieder hoffe, Romeo & Julia würden sich schließlich kriegen: Die Hoffnung stirbt zu letzt.

All Is Lost in eine Ode an den menschlichen Überlebenswillen, packend inszeniert von der ersten bis zur letzten Minute und herausragend gespielt von Robert Redford. Dem sieht man sein Alter zuweilen etwas überdeutlich an. Die Bewegungen sind schleppend, die Langsamkeit einiger Handlungen überspannt unsere Nerven. Doch – um ein weiteres Sprichwort zu bemühen – in der Ruhe liegt die Kraft. Auch die dieses Films! Da wir wissen, dass seine Bemühungen letztlich umsonst sein werden, warten wir mit fast unerträglicher Anspannung auf die nächste Katastrophe. Zudem weckt der Mann unser Mitleid gleich doppelt: nicht nur auf Grund der Notsituation, sondern auch wegen seiner offensichtlichen Gebrechlichkeit. Dabei wissen wir sonst nichts über ihn. Keine Vorgeschichte, keine Gedankentexte. J.C. Chandor erzählt seinen Protagonisten ausschließlich über das unauffällige Interior seines Segelboots. Sehr subtil und nahezu unterbewusst entsteht in unseren Köpfen somit ein Bild seiner Persönlichkeit, dass schwer in Worte zu fassen ist.

In meinen Augen ist J.C. Chandor etwas ganz Besonderes gelungen. All Is Lost ist Kino von Anfang bis Ende. Ohne Sprache und nur über Bilder erzählt er eine spannende, ja actionreiche Geschichte, die eigens für die große Leinwand geschrieben wurde. Musik und Spezialeffekte werden zurückhaltend und niemals zum Selbstzweck eingesetzt. Der Regisseur bedient das Medium Film souverän, weiß, mit welchen Mitteln er welchen Effekt erreicht. Dasselbe Meer ist mal bedrohlich, mal wunderschön, je nachdem aus welcher Perspektive Chandor es einfängt. Wäre die Handlung nicht so bedrückend, es wäre eine wahre Freude diesem Film beizuwohnen.

Auch wenn Freude definitiv das falsche Wort ist, um All Is Lost zu beschreiben, so sei der Film doch all jenen ans Herz gelegt, die sich einmal auf ganz neue alte Weise mitreißen lassen wollen, die statt sinnlos aneinandergereihter Kampfsequenzen computeranimierter Fantasiewesen dem realistischen Kampf Mensch gegen Natur  beiwohnen und sich auf einen Film einlassen wollen, der ihnen 106 Minuten lang die Kehle zuschnüren wird. Nein, das macht keinen Spaß, aber oh, was für ein Erlebnis!

Kinostart: 9. Januar 2014

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Vier mal Schiffbruch:

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