Alles Steht Kopf – Was in deinem Hirn vorgeht, wenn du nicht hinguckst

by on 06/29/2015

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© Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH

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Wer hat noch alles eine unbegründete, vollkommen irrationale Angst vor Clowns? Ja? Bin ich doch nicht allein? Gut, so komisch das klingt, aber dann kann es durchaus sein, dass irgendwo in eurem tiefsten Unterbewussten ein dicker, fetter Clown liegt und schnarcht. Zumindest so lange, bis jemand vorbeikommt, ihn aufweckt und hoch lockt ins Bewusstsein, wo er dann sein Unwesen treiben kann. Das klingt seltsam? Warte, wie ist es dann mit einem imaginären Freund, der zu gleichen Teilen aus Zuckerwatte, Katze und Elefant… ach, lassen wir das. In einem Kopf geht manchmal Seltsames vor.

Zumal in einem Kinderkopf. Nach dem Kinderzimmer, der Restaurantküche, dem Meer und dem mittelalterlichen Schottland ist Pixar nun genau in jene Sphäre vorgedrungen. Und das stelle ich mir als schwieriges Unterfangen vor, denn schließlich haben wir zwar alle einen Kopf, können aber nur schwerlich in Einen hineinschauen, es sei denn, wir sind Neurobiologen_Innen. Pixarfilme schauen wir dafür mit einer ganz bestimmten Erwartung: ein bisschen was fürs Herz soll es sein, dazu unterhaltend, klug, in jeder Altersklasse zu goutieren. Ein Film, auf den sich alle einigen können. Mit dem sich jeder identifizieren kann. Und wenn wohl etwas unser Aller kleinster gemeinsamer Nenner ist, dann das menschliche Gehirn, das zumindest in seinen Grundstrukturen bei jedem ähnlich funktioniert. In Alles Steht Kopf von Pete Docter und Ronaldo Del Carmen wird es zur nächsten bunten, magischen Filmwelt erhoben und von kleinen, bunten Figuren bevölkert – anthropomorphen Emotionen, namentlich Freude, Kummer, Wut, Ekel und Angst.

Speziell sprechen wir hier im Übrigen von Rileys (im Original gesprochen von Kaitlyn Dias) Kopf. Sie ist ein elfjähriges Mädchen aus Minnesota mit einer Leidenschaft für Eishockey und lebt eine recht unbeschwerte Kindheit. Mit anderen Worten: die stets positiv-optimistische Joy (Amy Poehler) hat in ihrem Kopf das Sagen, während die übrigen Emotionen eher unauffällig im Hintergrund ihren Job machen. Bis eines Tages die Eltern eine schwerwiegende Ankündigung machen: die ganze Familie wird nach San Francisco umziehen. Riley muss ihre Freunde und ihr Team hinter sich lassen, ab sofort in einem kleinen Häuschen in einer engen Straße wohnen und damit klarkommen, dass ihr Vater permanent nur mit der Arbeit beschäftigt ist. Nicht gerade einfach für den Kopf einer Elfjährigen.

© Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH

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Die meiste Zeit spielt Alles Steht Kopf ungefähr an dem Ort, an dem sich bei uns der präfrontale Kortex befindet. Hier sitzen die Emotionen in einer Schaltzentrale, beobachten wie auf einem riesigen Bildschirm Rileys Umgebung und reagieren auf sämtliche Reize. Die Erfahrungen, die Riley sammelt, kommen hier in Form kleiner, bunter Kugeln angerollt, werden den Tag über gesammelt und am Abend verarbeitet: manche werden zu Kernerinnerungen, die Rileys Persönlichkeit ausmachen. Manche werden ins Langzeitgedächtnis weitergeleitet, in dem sie höchstwahrscheinlich irgendwann verblassen.

Die Zeichner bei Pixar haben sich alle Mühe gegeben, um einmal mehr ein originelles Setting zu designen, müssen gleichzeitig aber auch dem Spagat stand halten, sich ein Stück weit an wissenschaftliche Fakten zu halten. Ihre Möglichkeiten sind deswegen eingeschränkt – und so unterscheidet sich Alles Steht Kopf optisch durchaus von anderen Werken der Animationsschmiede. Docter und Del Carmen können weniger darauf setzen, den Zuschauer durch visuelle Detailverliebtheit bei der Stange zu halten und deshalb fallen manche Szenen unterhaltsamer aus als andere. So richtig in Gang kommt die Geschichte erst, als Joy und Sadness (Phyllis Smith) durch einen Unfall aus dem Headquarter fliegen und durch das ganze Hirn ihren Weg zurück finden müssen. Eine Parallelmontage wechselt nun zwischen Rileys Erlebnissen und der gefährlichen Reise im Kopf ab und schließlich kann Pixar endlich wieder beweisen, dass es seine Klaviatur beherrscht. Wir machen die Bekanntschaft mit liebenswert schrillen Wesen der Imagination, dringen in Gefilde des Hirns mit ganz eigenen Regeln vor und kurze Einblicke in die Schaltzentralen von Mutter und Vater sorgen für Lacher, die jedem vertraut vorkommen dürften, der ab und zu im Kreise seiner angespannten Familie am Esstisch Platz nimmt.

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Mit Alles Steht Kopf dringt Pixar aber auch vor zu seinem eigenen Kern. Nicht nur befinden wir uns hier in einem Kopf, also dem Ort, an dem ursprünglich solche verrückten Ideen entstanden wie Jene von einem kleinen Clownfisch, der im Indischen Ozean auf die Suche nach seinem Sohn geht. Im Grunde schälen die Drehbuchautoren hier auch die emotionale Struktur frei, die jedem Pixarfilm zugrunde liegt und die Kinder und Erwachsene gleichermaßen zu berühren weiß. Spaß, Kreativität und gute Laune stehen an erster Stelle, sie machen die liebenswerte Persönlichkeit der animierten Werke aus und verleiten uns dazu, sie immer und immer wieder zu schauen. Aber ohne die salzige Prise, die die Süße ergänzt, wäre das Karamell nur halb so schmackhaft. In Oben muss Carl erst das Gefühl des ‚Alles ist zu spät‘ ertragen, bevor er entdeckt, dass es nie zu spät ist. In Findet Nemo ist es der frühe Tod der Mutter, der Vater und Sohn erst zusammenrücken lässt und Wall.e wäre nicht Wall.e ohne die Erfahrung jahrelanger Einsamkeit. Unter diesem Aspekt betrachtet ist Alles Steht Kopf die Abstraktion eines Erfolgsrezepts und in seiner Grundidee genauso wenig neu wie die im Film verarbeiteten Erkenntnisse aus Neurologie und Psychologie, über die sich augenblicklich unzählige Texte im Netz ereifern, als hätten sie mindestens den heiligen Gral der Kindererziehung entdeckt.

Es gibt in Alles Steht Kopf eine Szene im Fantasieland von Rileys Hirn. Für Joy und Sadness wird es hier gefährlich, denn sie durchlaufen die Stadien der Imagination: Abstraktion und Dekonstruktion, schwupps, verschwindet auch die dritte Dimension und plötzlich sind sie nicht einmal mehr figurativ. Und obwohl diese Szene ganz bezaubernd ist, hoffe ich, dass sie nicht wie ein unheilvolles Omen die weitere Entwicklung von Pixar heraufbeschwört. Nachdem sich das Studio in seinem neusten Film (zugegeben sehr gekonnt) auf eine sichere Bank zurückgezogen und seine eigene Erfolgsformel zur Geschichte gemacht hat, will ich in Zukunft mal wieder was Neues sehen. Obwohl ich mich bei der Sache mit dem gruseligen Clown schon sehr verstanden gefühlt habe.

Kinostart: 01. Oktober 2015

Pressespiegel auf film-zeit.de

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