Alles was wir wollen – Und was wollen wir eigentlich?

by on 01/07/2014
© Beatrice Möller

© Beatrice Möller

Von dem Ritual, sich pünktlich zu Silvester einen regelrechten Roman voller guter Vorsätze zusammenzuschustern, halte ich bekanntlich nicht so viel. Um Veränderungen herbeizuführen ist kein Jahreswechsel nötig und mit den meisten Vorsätzen ist es nach ein, zwei Wochen ohnehin Essig. Trotzdem bietet diese Phase des Jahres immer die besondere Perspektive, in die Zukunft zu schauen, denn Silvester erinnert uns mit all seinen Rückblicken auch immer wieder unerbittlich daran, dass Abschnitte vorbeigehen müssen, damit Neue beginnen können. Manchmal ist das sehr erbaulich und motivierend – oft aber auch ziemlich beängstigend. Für mich sind die nächsten zweieinhalb Jahre noch relativ klar planbar – danach vernehme ich allerdings nur dichten Nebel und hinterhältige schwarze Löcher. Aber zum Glück bin ich nicht die Einzige, der es so geht.

In ihrem Dokumentarfilm Alles was wir wollen portraitiert Beatrice Möller drei junge Frauen – Claudia, Mona und Marie-Sarah – an der Schwelle zum vierten Lebensjahrzehnt. Sie stecken mitten in den Problemen, die tausende junge Frauen mit ihnen teilen: Müsste ich mittlerweile nicht schon eine Wahnsinnskarriere hingelegt haben? Sollte ich langsam auf das Ticken meiner biologischen Uhr hören oder will ich eigentlich gar keine Familie? Und verflucht noch eins, war ich nicht gerade selbst noch ein Kind? Sie stellen sich diese Fragen, während sie versuchen, ihren Jobs nachzugehen, regelmäßig die Miete zu zahlen, Beziehungen zu führen, Freundschaften zu pflegen und sich auf die eine oder andere Art selbst zu verwirklichen. Und dann sind da die Mütter der drei Frauen, die in einer Mischung aus Be- und Verwunderung dastehen, weil sie doch in dem Alter damals so völlig andere Leben führten. Bessere? Schlechtere? Oder einfach andere?

© Beatrice Möller

© Beatrice Möller

Nachdem ich Alles was wir wollen gesehen hatte, bin ich zu meiner eigenen Mutter gegangen und habe ihr gesagt: „Solltest du mal wieder Schwierigkeiten haben, meinen Lebensstil nachzuvollziehen, dann schau dir diesen Film an.“ Nun, er wird ihr weder erklären, wie ich ticke, noch wie eine ganze Generation denkt. Diesen Anspruch stellt Beatrice Möller nicht und sie könnte ihn mit ihrer Herangehensweise auch gar nicht erfüllen. Schließlich stammen die drei Protagonistinnen mehr oder weniger aus ihrem persönlichen Umfeld und bewegen sich in der vielzitierten Blase, in der auch ein Großteil meiner eigenen Freunde und Bekannten sich aufhalten: junge Frauen aus Großstädten, umfangreiche Bildung hinter sich gebracht und Arbeit (natürlich ohne langfristigen Vertrag) im Kultursektor gefunden. Es wäre schlicht zu viel gesagt, dass Alles was wir wollen mit dieser geringen Spannbreite ein Bild der Frauen einer ganzen Generation zeichnet. Von Belang ist dieses Werk aber trotzdem schon deshalb, weil einem auf Anhieb mindestens fünf junge Menschen einfallen, die sich in ganz ähnlichen Situationen befinden wie die Frauen im Film.

© Beatrice Möller

© Beatrice Möller

Dabei wählt die Regisseurin eine sehr sympathische und entspannte Art von Dokumentarfilm, um die Leben der drei Protagonistinnen unmittelbar erfahrbar zu machen. Sie verzichtet gänzlich auf manipulative Stilmittel wie eine erklärende Stimme aus dem Off oder extradiegetische Musik und verlässt sich stattdessen voll und ganz auf die starken Persönlichkeiten vor der Kamera. Der Plan geht auf: obwohl Claudia, Mona und Marie-Sarah keine Menschen mit einer realityshowreifen Vergangenheit sind, sehen wir ihnen unheimlich gern dabei zu, wie sie uns an Orte ihres Alltags führen, aus ihrem Leben erzählen und dabei scheinbar einfach sie selbst sind.

© Beatrice Möller

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Die kontinuierliche Bewegung in der oben schon erwähnten Blase bringt es mit sich, dass man nur allzu schnell Lebensentwürfe verurteilt, die den eigenen Vorstellungen nicht entsprechen. Für Claudias Eltern ist es zum Beispiel nicht immer leicht zu verstehen, dass ihre Tochter ihre Karriere nicht möglichst effizient vorantreibt. Junge Akademikerinnen sind hingegen schnell mal dabei, eine Frau, die sich früh für Kinder entscheidet, als naives Heimchen am Herd abzutun. Als Beatrice Möller mit der Arbeit an Alles was wir wollen begann, konnte sie nicht ahnen, wo sich Claudia, Mona und Marie-Sarah einmal hin entwickeln würden. Über vier Jahre begleitete die Regisseurin die drei Frauen und am Ende stehen sie allesamt an völlig verschiedenen Lebensstationen. Dem Dokumentarfilm tut das nur gut, denn indem er verschiedene Wege ohne Kommentar zeigt, enthält er sich einer unterschwelligen Wertung und behält einfach bis zum Ende all die aufgebaute sympathische Entspanntheit, obwohl durchaus schwierige Themen verhandelt werden. Einmal stellt sich Mona eine Frage, mit der ich mich auch immer wieder herumschlage: Wie viele unserer Entscheidungen treffen wir, weil wir sie wirklich wollen, und wie viele, weil wir glauben, sie wollen zu müssen? Diese Frage lässt sich sogar auf den vermeintlich freieren Lebensweg anwenden. Der Satz Alles was wir wollen ließe sich demnach gar nicht so klar formulieren, so genau wissen wir schließlich gar nicht, was wir wollen. Aber so schlimm ist das nicht. Wenn ich nämlich beim Schauen von Beatrice Möllers Film eines verstanden habe, dann das: es geht nicht nur mir so. Wie beruhigend. So ein bisschen.

Kinostart: 06. März 2014

Alles was wir wollen/Everything we want _ TRAILER from Beatrice Moeller on Vimeo.

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