Aloha – Misstraue dem ersten Urteil!

by on 07/13/2015

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© 20th Century Fox

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Die Geschichte lehrt manchmal, erste Urteile nicht allzu ernst zu nehmen. Auch die Filmgeschichte lehrt das. Meine liebste Anekdote zu dieser Lektion ist L’avventura. Der Film von Michelangelo Antonioni wurde 1960 in Cannes ausgebuht, heute gilt er zu recht als Meisterwerk. Wird ein Film kollektiv verrissen, bin ich deshalb immer erst einmal skeptisch. Stichwort Aloha – Die Chance auf Glück. Die neue Romantische Komödie von Cameron Crowe. Ewig verschoben, dann doch noch in den US-Kinos gestartet, bei den Kritikern beinahe einstimmig durchgefallen. Jetzt steht der deutsche Termin an und die Sensationsgier hat mich in die Pressevorführung getrieben. Ist Aloha nun wirklich so schlimm wie alle sagen? Vielleicht sogar noch schlimmer? Oder hat einfach mal wieder niemand den Film verstanden, bis ich komme und erkläre… na, lassen wir das lieber. Die Form dieses Textes ist auch so schon anmaßend genug. Also, schauen wir doch mal. Was hatten die amerikanischen Kollegen denn eigentlich an dem Film auszusetzen?

„Even if this were well made in a technical sense, it would still be a weird heap of patriotism, astronomy, and Hawaiian folklore, piled atop a pat and predictable love story.“

(Gwynedd Stuart für den Chicago Reader)

Schellenwald für Cameron Crowe. Aber eigentlich betrachtet Stuart die ganze Sache nur falsch herum. Viel eher wurde in Aloha nämlich die Liebesgeschichte auf einen ganzen Haufen anderer Themen und Befindlichkeiten drauf gestapelt. So kann der Film als romantische Sommerkomödie vor exotischer Kulisse verkauft werden und fährt vielleicht ein wenig mehr Geld ein als eine trockene Abhandlung über die Heuchelei der selbsternannten Weltpolizei. Der mit dem US-Militär kooperierende Bauunternehmer Brian Gilcrest (Bradley Cooper) kommt wegen eines Großprojektes nach Hawaii, wo ihm die Pilotin Lisa (Emma Stone) als Wachhund zur Seite gestellt wird. Niemand wird groß überrascht sein, wenn sich zwischen den beiden nach anfänglichen Schwierigkeiten eine Romanze entwickelt. Und dann ist da noch Brians Ex Tracy (Rachel McAdams), die hier mittlerweile mit ihrem Ehemann (John Krasinski) und den beiden Kindern lebt und plötzlich ihre alte Schwäche für Brian wiederentdeckt. Ok, so viel zur Liebesgeschichte. Dass diese im Grunde nur eine nette, sommerfrische Verpackung ist, wird bald deutlich. Aber apropos exotische Kulisse.

© 20th Century Fox

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„Don’t be fooled by the gorgeous Hawaiian setting, glossy sheen or star-studded cast … Looks are deceiving. „Aloha“ is a wreck and squanders every ounce of talent those A-listers possess. You’ll be embarrassed for them.“

(Dana Barbuto für The Patriot Ledger)

Ich fürchte fast, so richtig hat Barbuto nicht hingeschaut. Die Zeit, in der wir in Aloha eine berauschende Inselkulisse betrachten dürfen, ist nämlich reichlich knapp bemessen. Ein paar historische Aufnahmen von tropischen Stränden werden eingangs schnell von Bildern militärischer Operationen abgelöst. Soviel zur Idylle. Wir sehen keine Badegäste am Strand, keine bunten Cocktails und selbst wenn die Protagonisten einmal ein spektakuläres Gebirge überfliegen oder durch eine vor lauter frischem Grün fast implodierende Landschaft laufen, sind sie stets mit nichts anderem beschäftigt als sich selbst. Sie drehen sich dann in ihren Dialogen im Kreis, um ihre eigenen nichtigen Beziehungsprobleme und Animositäten. Cameron Crowe hüllt Wiesen in dichten, mystischen Nebel und macht so deutlich: es geht ihm gerade darum, nicht Hawaii zu zeigen. Denn wenn es nicht um ihre eigenen Vorteile geht, interessieren sich auch die Figuren nicht für ihre Umgebung. „Schau dir an, wie gestresst ich schon auf Hawaii bin“, stellt Tracy einmal außer Atem fest. „Kannst du dir vorstellen, wie gestresst ich woanders wäre?“ Dass die Schauspieler im Kontext dieser artifiziell abgedrehten Inszenierung haltlos overacten, scheint nur konsequent. Emma Stone ist beim Salutieren stets einen Ticken zu zackig, Bradley Coopers Lächeln ist viel zu weiß und breit, Alec Baldwin mimt den cholerischen General und Bill Murray als Hybris-Milliardär ist… nun ja, er ist eben Bill Murray. Natürlich wirkt lediglich der Laiendarsteller Dennis Bumby Kanahele, in der Rolle seiner Selbst als Nachfahre des Königs Kamehameha I. und hawaiianischem Revolutionsführer.

Es ginge sicher ein gutes Stück zu weit, Cameron Crowe hier mit zunächst missverstandenen Inszenierungsmeistern à la Antonioni oder Sirk zu vergleichen. Aloha – Die Chance auf Glück mag nicht unbedingt ein großes Meisterwerk sein. Gerade zu Beginn braucht der Film einige Anlaufzeit, bis er mang zu gewollter, unbeholfener Einfälle seinen roten Faden aufnimmt. Mit fortschreitender Laufzeit gewinnt er aber an Selbstvertrauen und Charme. Immer weiter gleitet die Geschichte in Absurditäten ab und immer klarer wird dabei, dass wir im Grunde einer groß angelegten Satire beiwohnen.

© 20th Century Fox

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„The movie serves up a taste of genuinely fraught and realistic native Hawaiian concerns, only to smushily sandwich them between thick slices of white people’s well-meaning-ness, hokeyness and lovelorn dilemmas. Lei-lei land becomes la-la land.“

(Brian Gibson von der Vue Weekly)

Und auch mit Gibson stimme ich nicht überein. Richtig, Aloha spricht real existierende Probleme der Staatshoheit über die Inselgruppe Hawaii an. Allerdings begräbt er sie nur willentlich unter einer Überdosis white whine, um das eigentliche Dilemma zu verdeutlichen. So kann es dann auch sein, dass –ACHTUNG, SPOILER – in einer Anhäufung kreischender Absurditäten ein milliardenschwerer Satellit innerhalb von Minuten mithilfe eines alten Laptops zerstört und so ganz nebenbei die US-Armee und die Welt vor einer nuklearen Katastrophe gerettet werden kann – (SPOILER ENDE) und dass sich trotz dieser Hammer alle nur für ihre Beziehungskisten interessieren. Cameron Crowe rafft all diese weiße Selbstbezogenheit zusammen und schleudert sie seinem Publikum erbarmungslos ins Gesicht. Nur dass das Publikum vorzieht, davon lieber nichts zu bemerken. All die blindwütigen Verrisse zusammengenommen: wie viele davon setzen sich tatsächlich mit den aufgerufenen Problemen in Hawaii auseinander? Und wie viele bemitleiden sich letztlich doch nur selbst ob der ach so wertvollen Lebenszeit, die sie in Aloha verloren haben? Da haben wir’s doch.

Kinostart: 20. August 2015

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