Der „ongoing moment“ in American Honey

by on 10/12/2016

Flattr this!

© Universal Pictures

© Universal Pictures

American Honey beginnt mit einem Mädchen in einer Mülltonne. Wie der Debütroman The Girls von Emma Cline, der dieses Jahr für Aufruhr sorgte. In dem Buch ist die Protagonistin die Außenseiterin, die in einem Park von Weitem einer Gruppe Mädchen beobachtet, zu der sie gehören will. Die Sonne strahlt auf sie herab, bringt ihre langen Haare zum Leuchten, als sie in ausgeklügelter Teamarbeit Reste aus der Tonne fischen und lachend davonstieben. 1960er Jahre, reiche Vorstadt, Kalifornien. In American Honey ist es die Protagonistin, die in der Tonne steht. Die Sonne scheint, aber eher erbarmungslos denn wärmend. 2016, Muskogee, Oklahoma.

Die Britin Andrea Arnold hat American Honey gedreht, der wie so viele Filme der letzten Jahre bereits im Titel ankündigt, etwas Essentielles über die Vereinigten Staaten auszusagen. Den Sound dazu steuert Rihanna bei: „We found love in a hopeless place…“, so erschallt ihre Stimme zuerst in einem neonfarbenen, glatt polierten Supermarkt und eine Gruppe junger Leute beginnt ausgelassen zu tanzen bis die Security kommt, sie in einen Bus steigen und abfahren. Noch eine Parallele zu The Girls, dieser Bus voller Verlorener. Jake in Gestalt Shia LaBeoufs ist ihr Anführer, ein langer Zopf baumelt über seine Schulter, lässt ihn noch weiter neben der Spur aussehen. Aber das ist auf jeden Fall besser als das, was Star (Sasha Lane) zuhause erwartet – mit einer abwesenden Mutter, kleinen Geschwistern, ohne Geld, dafür mit einem übergriffigen Typen ohne Ambitionen sich vom Sofa zu erheben. Ein hopeless place, indeed.

Also will sie zu den seltsamen Wesen im Bus gehören, wie fünf Jahrzehnte vor ihr Evie aus The Girls, nur dass die aus geordneten Verhältnissen stammt und das ärmliche Leben romantisiert. Kommt man schon aus der Gosse, fällt dieser Gedankenspagat nicht so leicht. Im Bus aus American Honey läuft deswegen schon lange nicht mehr die Hippie-Duhwab-diduh-Musik wie noch im The Girls der späten Sechziger Jahre. Weltfremd wäre das. R’n’B, Hip-Hop: Rihanna, Juicy J, E-40. Harte Texte, in denen es manchmal um Sex und Macht geht, aber vor allem um Geld, ums Geld verdienen – oder im umgangssprachlichen Englisch treffender ausdrückt: Geld machen. All die weißen Millionäre, die diese Texte singen – und die weißen Gossenkinder, die diese Texte singen, sie unterwerfen sich diesem kapitalistischen Ritual der Imitation schwarzer Signifikanten, kennen die Texte, die Posen, die Codes. Sie performen sie gemeinsam, um sich für ihre nächste Schicht aufzuputschen. Das Businessmodell: sie fahren im Bus von Stadt zu Stadt, um unter der Leitung ihrer Chefin Krystal (Riley Keough) Zeitschriftenabos unter die Leute zu bringen. Niemand kauft noch Zeitschriften. Es geht um Geschichten. Bei den Reichen gilt es an das schlechte Gewissen zu appellieren. Dann ist die Geschichte vom Jungen aus armen Verhältnissen gut, der sich mit dem Verkaufsjob sein Studium finanziert. Bei den Armen gilt es zu signalisieren: Ich bin einer von euch. Der eigene Klassenstatus wird sich neu angeeignet, sogar ausgestellt, um Kapital daraus zu schlagen. Eine Strategie für das unterste Ende der Nahrungskette im Prä-Trump-Amerika. Aber so wie sich American Honey anfühlt, könnte Trump auch schon längst Präsident sein. „Everybody got choices / these niggas be hatin’, I already know / but I never go broke / Imma stay gettin’ money.“

© Universal Pictures

© Universal Pictures

Nach ihrem noch deutlich an Kitchen Sink-Dramen orientierten Fish Tank versuchte sich die Britin Andrea Arnold zuletzt am literarischen Stoff Wuthering Heights – Emily Brontes Sturmhöhe, bei dem sie bereits ein größeres Interesse an Stimmungen und Atmosphäre erkennen ließ als an ausgeklügelten Handlungsbögen. American Honey ist lang, reiht Szene an Szene, begleitet die Entwicklung seiner Hauptfigur zumeist eher in wortlosen Gesten, Nahaufnahmen, Beobachtungen ihres zunehmend sicheren Auftretens in der Gruppe. Irgendwann singt auch sie alle Liedtexte auswendig mit. Der zentrale Unterschied zu Arnolds vorherigen Filmen liegt in der amerika-typischen Form des Roadmovies. Die Figuren sind nicht mehr schicksalhaft an einen Ort gebunden. Die Vorwärtsbewegung ist ihre einzige Chance, wenn sie auch nicht weniger eine Geißel ist. Krystal – eine spannende Figur, ist sie doch im Grunde eine von ihnen, nur hat sie einen skrupelloseren Geschäftssinn – betont das häufig genug: sie habe schon einmal ein Mädchen, das sich nicht ihren Regeln unterwarf, mitten in der Wüste aus dem Bus werfen lassen.

Als Touristen auf einem ausgelassenen Roadtrip fühlen sich die Figuren in American Honey also sicher nicht, auch wenn Andrea Arnold ihnen immer wieder ein wenig Ausgelassenheit gewährt, eine Pause in der Nachmittagssonne, ein Abend am Lagerfeuer. Es entsteht dann ein körniger, rau gesättigter Look, fast als hätte sie auf Filmmaterial gedreht. Die Kamera schaut aus dem Fenster des Busses, erfasst Weiten, einzelne Gebäude, Ölbohrtürme, ab und zu ein Fastfood-Restaurant. Es sind Bilder wie sie vielleicht Robert Frank heute in seinen berühmten Band The Americans aufnehmen würde. In einem sehr lesenswerten aktuellen Essay zur Reisefotografie legt Gideon Lewis-Kraus dar, dass Franks Fotografien die erste Antithese zu den Schnappschüssen der Touristen seien, denen es darum ginge, stets den perfekten Moment einzufangen. Frank hätte den Auslöser auch im vorherigen Augenblick betätigen können oder danach, die Reise heilige jeden Augenblick als Teil ihres Ganzen. Diese Idee eines „ongoing moment“ steckt auch in American Honey. Die kollektiv bekannten Bilder haben die individuellen Erinnerungen längst überschrieben. Deswegen muss Andrea Arnold ihre Figuren keinem klassischen Erzählmuster unterwerfen, sie keinem geschlossenen Ende zuführen. Auch wenn wir von ihr nur Momentaufnahmen sehen, hat es eine Bedeutung, dass Star in diesem Moment in diesem Bus auf dieser einen Straße nach Kansas City unterwegs ist.

Kinostart: 13. Oktober 2016

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* 8+0=?

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.