American Muscle – Rache ohne Liebe zum Detail

by on 10/10/2014

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© PierrotLeFou

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Rache-Filme sind oft so etwas wie ein Guilty Pleasure und eine Katharsis: Jemanden dabei zu beobachten, wie er alte Rechnungen begleicht, meist auf physisch-gewaltsame Art und Weise, bringt eine merkwürdige und vor allem unheimliche Form der Befriedigung mit sich. Oft fehlen tiefgehende Motivationen und Hintergründe, so dass die großzügigen Gewaltdarstellungen schwarz-weiß-legitimiert sind. Das soll keine implizite Moralkritik sein, das hat seine eigene Ästhetik. Der oder die Protagonist_in wurde gefickt. Jetzt wird zurückgefickt. American Muscle von Regisseur Ravi Dhar ist so ein Film.

Es geht um den Knast-Insassen John Falcon (Nick Principe), der nach zehn Jahren endlich wieder freikommt. Nun hat er nichts als Rache im Kopf. Ins Gefängnis musste er schließlich nur, weil sein Bruder Sam (Todd Farmer) und dessen Kollegen bei einem Überfall drei Menschen umbrachten. Natürlich wurde John als ohnmächtiges Opferlamm am Tatort hinterlassen. Das geht so nicht und daher begibt er sich ohne zu zögern auf einen Rachefeldzug, nicht zuletzt um seine Frau „Darling“ (Robin Sidney) aus den Fängen seines mittlerweile reich gewordenen Bruders zu befreien.

American Muscle ist das Kind des Schauspielers und Autors John Fallon, der bisher nur Nebenrollen in Filmen wie Saw 2 und Death Race ergatterte und den Horrorfilm Trance schrieb. Was er mit American Muscle versuchte, war so etwas wie ein purer Rachefilm. Zwar gibt es hier oder dort den ein oder anderen Twist, aber letztendlich läuft es auf das von vornherein erwartete Ziel hinaus, wie bei den meisten Filmen dieser Art. Figuren treten dahinter zurück, und so ist auch nicht viel vom angebracht overactendem Cast zu erwarten. Ausnahme ist hier wohl Hauptdarsteller Nick Principe, der als gigantischer, unerbittlicher Rachebär genau der Antrieb ist, den der Film braucht.

American Muscle hebt sich von der Masse aber nicht durch Principes One-Liner, sondern durch ungewöhnliche Schnitte und Kameraeinstellungen ab. John Fallon und Regisseur Ravi Dhar wurden kreativ mit einigen ihrer Sets und verzichteten auf die bei derartigen Low-Budget-Produktionen üblichen Aufnahmen ab Hüfte aufwärts oder bloße Schuss-Gegenschuss-Taktiken. Sie waren nicht faul und der Film überrascht mit einigen Entscheidungen und Bildern, die die unzivilisierte Natur des Inhalts auf ein selbstbeobachtendes und persiflierendes Niveau heben.

© PierrotLeFou

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Was American Muscle zu Fall bringt ist also nicht fehlende Ambition, sondern unglückliches Entscheiden bei der Verwendung des dürren Budgets. Rache-Filme sind für mich immer zu großen Teilen visuell. Das heißt, dass die Hintergrundgeschichten zugunsten der essenziell rein emotional-fetischisierten Rache zurücktreten. Diese Rache ist visuell, sie soll die Härte und Wut zeigen, die die Hauptfigur in dem Moment empfindet. Solche Filme können also als so etwas wie visuelle Meditationen angesehen werden. Nur, dass es hier nicht um eine Meditation über die Harmonie geht, sondern um das „böse“ Spektrum unserer Gefühlswelt (das filmisch nur wegen der narrativen Legitimation existieren darf). So etwas muss es schließlich auch geben.

Genau an diesem Punkt kann American Muscle nicht überzeugen. Blut-Packs und Co. sind teuer, deren Platzierung auf den Darstellern in mehreren Takes noch teurer. Selbiges gilt natürlich für Explosionen und Platzpatronen. Nicht nur Indie-Produktionen greifen daher immer öfter auf CGI-Ersatz zurück. Für American Muscle hätte ich mir ein wenig mehr Handwerkszeug gewünscht. Der Zeitpunkt, wo CGI-Effekte auf gleicher Stufe wie praktische Effekte stehen, ist schlichtweg noch nicht gekommen. Sie reißen mich aus dem Film, denn sie sehen oft aus wie eine unglücklich eingestellte Photoshop-Ebene. Sie hinterlassen keine Spritzer an der Wand oder auf dem Tisch. Für eine primär physische Geschichte ist das viel zu sauber. Die visuelle Eleganz, die American Muscle bitter nötig gehabt hätte, geht also mit jedem weiteren digital erzeugten Blutspritzer und Mündungsfeuer verloren.

American Muscle sollte meiner Meinung nach aber nicht der letzte Film von John Fallon oder Ravi Dhar bleiben. Die Ambition scheint am Ende durch und ich könnte mir durchaus vorstellen, dass ein größeres Budget die genannten Probleme beheben kann (oder schlichtweg mehr Erfahrung). Ein zugegegeben ambitioniertes Abarbeiten und Persiflieren der üblichen Tropes, inklusive großzügiger Oberkörperfreiheit und schrittweiser Bedrohungssteigerung und Feindverzweiflung, könnte mit etwas mehr Mut zur Handwerklichkeit nährwertiger daherkommen.

DVD-Start: 10. Oktober 2014

 

 

 

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