American Ultra – Blut, Neon und Absurdität

by on 10/12/2015
© Concorde Filmverleih GmbH

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Es ist kein Spoiler, zu verraten, dass der Protagonist aus American Ultra ein Schläferagent der CIA ist. Schon der Trailer kündigt Jesse Eisenberg und Kristen Stewart in einer Kifferkomödie an, die keine ist. Weil die Kiffer plötzlich aus ihrem Kleinstadttrott gerissen werden und Killermaschinen und Drohnen auf den Fersen haben. Knackige anderthalb Stunden Länge hat der neue Film von Nima Nourizadeh aufzuweisen, und das ist gemessen an den derzeitigen Sehgewohnheiten reichlich effizient. Der erste Mord geschieht trotzdem erst nach einer knappen halben Stunde. Es ist ein Doppelmord. Begangen mit einem handelsüblichen Löffel.

Wofür American Ultra die erste halbe Stunde braucht? Da müssen wir beispielsweise erfahren, dass Eisenbergs Figur Mike unter intensiven Panikattacken leidet, dass er sich einfach nicht dazu aufraffen kann, seine Kleinstadt zu verlassen, und dass er sogar einen gemeinsamen Pärchenurlaub in Hawaii deswegen platzen lässt. Dass er auf den richtigen Moment für einen Heiratsantrag wartet, sich Geschichten über einen abenteuerlustigen Affen ausdenkt und jeden Tag im örtlichen Supermarkt an der Kasse steht. Nicht zu vergessen das viele Gras, das das Leben eigentlich erst lebenswert macht. Und das alles, obwohl wir eigentlich schon ganz genau wissen, worauf das hier hinauslaufen wird. Als endlich der erste Kampf Mann gegen Männer über die Bühne gegangen ist, bricht bei Mike und seiner Freundin Phoebe die große Panik aus: denn sie wissen noch nicht, was wir wissen.

Wir haben sie an diesem Punkt schon gesehen, die menschenleeren, sterilen Flure eines gesichtslosen CIA-Gebäudes in Virginia, in dem gerade Personalveränderungen das Machtgefüge auf den Kopf gestellt haben und zwielichtige Operationen eingeleitet werden: innerhalb von 24 Stunden soll Mike ausgeschaltet werden, weil er ein Risiko darstellt. Sauber, schnell, ohne Spuren zu hinterlassen. Dass jemand seine mörderischen Agentenfähigkeiten neu aktivieren könnte, diese Möglichkeit kommt Operationsleiter Adrian Yates (Topher Grace) gar nicht in den Sinn. Es ist dies nicht unbedingt das originellste Szenario, das das anarchische Chaos in American Ultra endlich in Gang setzt. Und das wird im Laufe des Films zum Problem: Nima Nourizadeh will einen unheimlich kultigen Film abliefern, das ist ihm in jeder Szene anzumerken: schrullige Einfälle will er unterbringen, viel Blut und Neon, aber dabei auch die Romantik nicht vergessen und unterschwellig am besten gleich noch ein paar nachdenkliche Fragen über den Wert des Menschen, über Loyalität und Gewalt stellen.

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Um all diese Ziele zu erreichen, wählt er keinen schlechten Ansatz: Nourizadeh schafft in American Ultra einen völlig isolierten Raum: eine beliebige Kleinstadt im Nirgendwo, die im Laufe der Story tatsächlich auch noch abgeriegelt wird. Dazu eine völlig abstruse Geschichte und zwei verplante Protagonisten entsprechend dem Wir-gegen-den-Rest-der-Welt-Prinzip. Bonnie und Clyde wurde zur Kultlegende, weil der Film nicht nur aus spektakulären Schießereien bestand, sondern auch etwas Gehaltvolles über seine Gesellschaft aussagen konnte. American Ultra hinterlässt keinen so bleibenden Eindruck: zu sehr aus dem luftleeren Raum gegriffen wirkt die Handlung oft, zu karikaturhaft sind die Figuren gezeichnet, als dass wir ihnen ihre tiefgründigen Momente wirklich abnehmen könnten.

Noch dazu hat Max Landis wirklich schon bessere Drehbücher abgeliefert: „Warum wollen Sie nicht, dass ich sterbe?“, fragt Mike seine Verbündete, die CIA-Mitarbeiterin Lasseter (Connie Britton) an einer Stelle. „Darum“, lautet ihre wenig inspirierte Antwort, und eine ähnliche Antwort würde man erwarten, fragte man den Regisseur nach seinen Intentionen für diesen Film. Das ist schade, denn American Ultra ist kein Totalausfall. Seine Darsteller, allen voran die erstaunlich gewachsene Kristen Stewart, überzeugen und wenn Jesse Eisenberg verwirrt lallend darüber nachdenkt, was gerade mit ihm geschieht, verwandelt er sich in die figurgewordene Kleinigkeit, die die Wörter Kiffer und Killer voneinander unterscheidet. Nima Nourizadeh fordert uns nicht gerade direkt dazu auf, aber es lohnt sich, einen Blick über die Kurzweiligkeit des Films hinaus zu riskieren: in seiner Abstrusität ist American Ultra nämlich genau das: sehr amerikanisch. Nur in einem Land mit ähnlich absurden Regeln und Gesetzen wie den USA kann ein derartiger Film angesiedelt sein. Einem Land, in dem Waffen so leicht zu bekommen sind, dass Szenarien à la Spring Breakers kaum jemanden wirklich verwundern. In dem aber Überraschungseier und Wunderkerzen verboten sind. In seinem alten Leben als Kiffer-Loser tut Mike so etwas Verbotenes, wie so oft: er kauft illegale Feuerwerkskörper, sie sollen den Heiratsantrag an Phoebe zu einem unvergesslichen Moment machen. Als sie dann wirklich explodieren, in einer stilisierten Szene, die mit ihrer Musik, den blinkenden Lichtern und Rauch tatsächlich von Harmony Korine stammen könnte, läuft alles ganz anders als geplant. Aber für uns ist das trotzdem nichts so recht besonderes mehr. Wir haben uns an die Absurditäten schon lange gewöhnt.

Kinostart: 15. Oktober 2015

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