Anime Nere – Das Karma des Mafialebens

by on 11/26/2015

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© Xenix Filmdistribution

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Schwarze Schatten ist der deutsche Titel des hierzulande recht wenig beworbenen, dafür aber auf Festivals hochdekorierten Anime Nere. Der Film von Francesco Munzi handelt oberflächlich von den Geschehnissen innerhalb einer Mafiafamilie. Wer gleich an Der Pate denkt, liegt falsch. Der hat zwar auch die Familia im Mittelpunkt, aber Anime Nere gibt dieser zuschaden der genretypischen, mafiösen Intrigenspiele die Hauptbühne. Dem Zuschauer solls aber nicht schaden, im Gegenteil.

Schwarze Schatten ist wohl auch eine angebrachte Übersetzung, wenn auch kein korrekte: Anime Nere bedeutet „Schwarze Seelen“, was auch im englischen Titel Black Souls so übersetzt wurde. Ich denke aber, dass Schwarze Schatten die Handlung noch besser beschreibt: Es geht nicht um verdorbene Seelen, sondern um ein latentes Böses, das sich wie ein Schatten über einen Mafia-Clan der in Kalabrien agierenden ‘Ndrangheta legt.

Der Film wurde vom gleichnamigen Roman von Gioacchino Griaco adaptiert, der selbst in dieser Region aufwuchs. Schön stelle ich mir das nicht vor, denn das, was Francesco Munzi zeigt, suggeriert ein Leben der Perspektivenlosigkeit und Auslieferung gegenüber den alles kontrollierenden Familien. Zu einer solchen gehört auch der junge Leo (Giuseppe Fumo), der gern gegen den Willen seines schafehütenden Vaters Luciano (Fabrizio Ferracane) in das Familiengeschäft einsteigen möchte. Bald wischt er einer verfeindeten Familie eins aus, indem er auf ein zugehöriges Lokal schießt. Im Dunkeln, wenn keiner da ist.

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Der Vorlauf der Tat ist fast schon komisch: Leo zieht ein paar Lines mit seinem Kumpel, der im Fluchtauto Schmiere stehen muss. In voller Montur, mit Schutzweste und allem drum und dran. Ich kann es Leo nicht so richtig verübeln, dass er sein Leben mit so einer impotenten Tat hochdramatisiert, denn das kleine Kaff in dem er lebt, hat außer Schafen nichts zu bieten. „Flüchtend“ verzieht er sich nach Mailand, wo seine beiden Onkel Rocco (Peppino Mazzotta) und Luigi (Marco Leonardi) Geschäfte betreiben, Ersterer vollkommen illegal, Letzterer hinter der Fassade einer großen Baufirma.

Die sehen Luciano als einen naiven Drückeberger, der in seiner Freizeit Bußgebete spricht und vom Familienfilz nichts wissen will. All seine Gebete bringen aber nichts, denn dieTat seines Sohnes bringt Komplikationen mit sich: Seine Brüder kommen zurück nach Haus, um mit verfeindeten Familien Brot zu brechen. Diese Familien sind aber für den Tod des Patriarchen und Vaters der drei Brüder verantwortlich, und nun sollen sie vor diesen Leuten kriechen? Nein, Rocco und Luigi haben einen Plan.

Von Anfang an ist klar, dass derlei Machtspiele nur eine untergeordnete Bedeutung haben. Wie schon in Gomorrha von Matteo Garrone tritt eher das Leben der Figuren an sich in den Mittelpunkt. Und dieses Leben ist nicht glamourös, sondern zu einem Großteil eher von archaischen Ehrvorstellungen, Enttäuschungen über die nie zugegebene Nutzlosigkeit dieser für die heutige Zeit und Langeweile geprägt. So eine Kombination, gepaart mit Waffenzugang und Gewaltbereitschaft kann nur ein Ergebnis hervorrufen.

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Ein kontinuierliches Ergebnis, das sich selbst als Voraussetzung dient und Roccos und Luigis Plan nur als einen weiteren Baustein nimmt. Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähle ihm von deinen Plänen. Diese Unausweichlichkeit zeigt Francesco Munzi in neorealistisch simplen Bildern, die auch dann noch draufhalten, wenn der Spannungsbogen einer Szene nicht mehr gespannt ist und die Verzweiflung zum Vorschein kommt. Keine Musik, keine Einstellungen voller goldener Schnitte und sonstiger Ästhetisierungen.

Denn das, was in Anime Nere passiert, hat keine Schönheit. Der Tod des Vaters hat eine Kette von Ereignissen hervorgerufen (oder nur weiterbefördert), der die ganze Familie in den Abgrund reißt. Dieser schwarze Schatten wird generational weitergegeben und das war der Grund für Lucianos Ausstieg. Als eine Art mit Kassandra gepaarter Hiob muss er für die Sünden anderer Büßen und miterleben, wie sein nicht besonders heller Sohn das Karma der Familie willentlich aufnimmt.

Luciano hat erkannt, dass Pläne und Intrigen nichts bringen, dass Aufhören und sich ergeben das einzig Richtige ist. Anders aber als bei Hiob und mehr wie bei Kassandra, wartet am Ende nicht unbedingt eine Erlösung oder eine göttliche Intervention.

Kinostart: 26.11. (scheinbar nur in ausgewählten Kinos)

 

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