Anomalisa – Die Menschlichkeit der Puppen

by on 11/09/2015

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© Paramount Pictures Germany

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Jeder kennt das: Die Chipkarte passt noch in den Kartenschlitz, aber das Lämpchen leuchtet trotzdem nicht grün, trotz mehrerer Versuche bleibt die Hotelzimmertür verschlossen. Das Wasser läuft viel zu heiß aus der fremden Dusche und der Anruf beim Zimmerservice beschert uns erst einmal das schläfrige Tüdelü der Warteschleifenmelodie. Wir kennen diese und ähnliche Situationen nur allzu gut, trotzdem sehen wir sie in Filmen nie. Es musste erst ein animierter Stop-Motion-Film daherkommen, um uns im Kino wieder etwas menschlichen Alltag zu zeigen.

Nach Filmen wie Synecdoche, New York oder Drehbüchern wie dem zu Being John Malkovich konnte Charlie Kaufman einfach kein Geld für seinen neuen Film auftreiben. Und so musste eine Kickstarter-Kampagne herhalten, die ihm ein letztlich immer noch lächerlich kleines Budget einbrachte. Ein Beweis dafür, dass das Kino nicht auf spektakuläre Schauwerte, Effekte und Action jedweder Form angewiesen ist, um zu faszinieren. Anomalisa heißt der entstandene Stop-Motion-Film, und er erzählt eine sehr schlichte, novellenartige Geschichte. Nämlich jene des Schriftstellers Michael Stone (mit der Stimme von David Thewlis), der für eine Nacht nach Cincinnati fliegt, um dort einen Vortrag über Kundenservice zu halten: sein Ratgeberbuch über dieses Thema ist ein Bestseller, überall steigert es Quoten und Verkaufszahlen. Aber der Erfolg hat Michael nicht glücklich gemacht. Seine Ehe, so verrät ein liebloser Anruf bei Frau und Sohn, scheint eingefahren, seine Welt trist und eintönig, er ist einsam. Und noch dazu sehen seltsamerweise alle Menschen um ihn herum so aus wie er. Sie sprechen sogar mit fast der gleichen Stimme. Diese Eintönigkeit bricht erst auf, als er durch einen Zufall Lisa (gesprochen von Jennifer Jason Leigh) kennenlernt. Sie hat eine eigene Stimme, ein eigenes Gesicht, sogar eine Narbe, die ihrem Äußeren einen unmittelbaren Wiedererkennungswert gibt. Michael traut seinen Augen nicht. Er muss Lisa haben.

© Paramount Pictures Germany

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Dieses vorsichtige Kennenlernen zweier Figuren, diese schon unzählige Male im Kino miterlebte Situation, diese erste Hälfte des Films hat trotz (oder gerade wegen ihrer Schlichtheit) eine unheimliche Kraft. Anomalisa beginnt in einem Flugzeug über den Wolken, zeigt den Flughafen, die Taxifahrt zum Hotel, den Eincheck-Prozess und den Weg zum Zimmer. Nebensächlichkeiten, die in jedem konventionellen Erzählfilm gerafft oder gleich ganz übersprungen werden. Charlie Kaufman macht aus diesen Details die eigentliche Attraktion. Seine Figuren mögen sich bedingt durch die Stop-Motion-Technik etwas mechanisch bewegen, die Eigenheiten, die ihnen der Regisseur jedoch durch ihre Dialoge und Ticks mitgibt, lässt sie alltäglicher, echter, ja, menschlicher wirken als so manchen Darsteller im Live Action-Movie. Wir erkennen uns in den Gedanken und Situationen wieder, beim erzwungenen Smalltalk mit dem Taxifahrer, in Gesprächen, die unkontrolliert aus dem Ruder laufen, bei schüchtern unperfektem Puppensex, inklusive (leider nur männlichem) Geschlechtsteil und wabbeligen Bäuchen.

Es gibt hinter dieser hübsch erzählten Episode aber durchaus noch größere Ambitionen in Anomalisa. In der zweiten Hälfte entwickelt der Film auch eine alptraumhafte, kafkaeske, Dimension. Weder die einzigartige Lisa, noch Michaels eigene Ratschläge scheinen ihn wirklich aus seinem Loch herausziehen zu können. Seine Grundprobleme bleiben bestehen. Charlie Kaufman bietet dafür verschiedene Interpretationsansätze an: er betrachtet die Konventionen des Geschichtenerzählens, aber auch die Kultur, die im von Michael selbst optimierten Kundenservice ihren Höhepunkt erreicht: eine Kultur des unhinterfragten Konsums, des festgetackerten Lächelns, der glattpolierten Höflichkeit. Ein wenig verliert der Film an dieser Stelle seine besonders feine, ruhige Beobachtungsgabe, deutet zu viel an und löst zu wenig auf. Ich beginne den unvollkommenen Alltag zu vermissen, der überhaupt erst geradewegs in die Krise führte.

Kinostart: 21. Januar 2016

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