Arrival – Science-Fiction im eigenen Kopf

by on 11/17/2016

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© Sony Pictures Releasing GmbH

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Mit Arrival hat Denis Villeneuve einen Alien-Invasion Film gedreht, mit großem Budget und allem Pipapo. Nur für Aliens interessiert er sich dabei nicht. Es scheint in letzter Zeit ein nicht ausformulierter Trend unter Filmemachern zwischen Kunst und Genre zu sein, Konventionen zu filetieren, sie ihres Kerns zu entledigen. Werner Herzog hat mit Salt and Fire gerade einen Öko-Katastrophenfilm abgeliefert, der nicht im Geringsten auf das actionreiche Tempo und die Effekte kommt, die man bei einem Katastrophenfilm erwarten würde.

Und nun eine Alien-Invasion, bei der man sich den Aliens erst nach gut einem Drittel des Films gemächlich nähert. Eines Tages tauchen plötzlich Raumschiffe auf der ganzen Erdkugel verteilt auf. Insgesamt zwölf an der Zahl schweben weithin sichtbar über dem Erdboden. Obwohl nichts von ihnen ausgeht – keine Strahlung, keine Töne, keine merkliche Absicht zum Angriff – bringen sie das Weltgefüge gehörig durcheinander. Zuerst einmal lernen wir aber die Linguistin Dr. Louise Banks (Amy Adams) kennen, die vom Militär damit beauftragt wird mit den fremdartigen Wesen innerhalb der Raumschiffe zu kommunizieren. Wir sehen alarmierte News-Reportagen. Autos, die sich auf Parkplätzen in ihrer Hektik gegenseitig die Seitenspiegel zerkratzen. Bloß heraus aus der potentiellen Schusslinie! Menschen auf der Flucht in riesige moderne Gebäude, die selbst anmuten wie unvermittelt in der Welt gestrandete Objekte aus einer anderen Galaxie. Kalt die Farben, distanziert beobachtend die Einstellungen von Villeneuves Kamera. Während die Panik sich täglich steigert, passiert erst einmal – nichts.

So hat es zumindest von Außen den Anschein. Gemeinsam mit Louise nähern wir uns in einer kreisförmigen Flugbewegung dem Militärcamp in Montana, das in direkter Nachbarschaft zu einem der Raumschiffe errichtet wurde. Einige Blutabnahmen, Impfungen und Psychotests später steht ihre erste Kontaktaufnahme bevor. Und hier erreicht Arrival im Grunde seinen Höhepunkt. Es sind gar nicht so sehr die Aliens, die auf der Erde ankommen. Eher die Erdlinge, die sich den fremden Besuchern nähern. Unter dicken Anzügen und Helmen versteckt, die das Weltall ikonographisch auf den Erdboden holen. Denis Villeneuve lässt sich Zeit, um das erste Aufeinandertreffen anzubahnen, tastet mit der Kamera die Texturen innerhalb des Raumschiffes ab, das sich weniger als temporärer Wohnort eines fremden Spezies offenbart als letztlich vielmehr als Adapter, Schnittstelle oder Monitor, der die technische Grundlage zur Möglichkeit der Kommunikation bietet. Schemenhaft tauchen langsam riesige Ungetüme aus den Wolken auf, graue Tentakelwesen, die an versteinerte Finger erinnern, oder mit Elefantenhaut überzogene Riesen-Oktopusse. Bis zum Schluss werden sie rätselhaft bleiben. Es scheint ein Witz auf Kosten der Menschheit zu sein, dass die Raumschiffe aussehen wie riesige Linsen, durch die nur ein kluger Kopf schauen müsste, um endlich klar zu sehen.

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Stattdessen funktioniert nicht einmal die Kommunikation innerhalb der Spezies. Die Bevölkerung geht vom paranoiden Hamsterkauf-Stadium über in jenes der offenen Randale, starkes Durchgreifen wird gefordert, auf Regierungsebene weigert man sich mit den Feinden zusammenzuarbeiten. Inmitten des Chaos Louise, deren Denkarbeit von Erinnerungen erschwert wird: ihre Tochter ist im Teenageralter an Krebs gestorben und sie wird die Gedanken an das Kind nicht los. Flashbacks weben sich in den Stoff der Geschichte ein, in denen das Licht je nach Louise’ Gefühlslage warm oder bläulich kalt ist, die Kamera stets nah bei ihr, die starke Schärfentiefe versetzt alles in ein weiches Wabern. Diese offensichtlichen Durchbrechungen der villeneuve’schen Distanz zählen nicht zu den starken Momenten von Arrival. Sie überzeugen nicht, wirken in ihrer Inszenierung, als hätte ein überaus nüchterner Mensch versucht den gängigen Erwartungen an menschelnde Szenen zu entsprechen. Und doch sprechen sie auch wieder für Denis Villeneuve, weil er sie nicht nur doch letztlich sinnvoll in das narrative Gefüge einbettet, sondern auch die Grundstimmung des Films nicht von ihnen dominieren lässt.

Es gibt diese Lernmethode, bei der man sich einredet, sich nur an die Lösung eines Problems erinnern zu müssen. Die bloße Kraft der Gedanken, die davon ausgehen, dass die Lösung bereits existiert, man nur darauf kommen muss, erleichtert das Denken, reichert es um eine gesunde Portion Optimismus an. Arrival ist im Grunde die Verfilmung dieses Prinzips. Eine Auffassung von Science-Fiction, die sich weniger dem exotisierenden Spektakel verschreibt als dem sense of wonder, der im eigenen Geist entsteht.

Kinostart: 24. November 2016

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