B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin und mein Wunsch nach einer Zeitmaschine

by on 02/09/2015

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© Berlinale

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Manchmal wünschte ich mir so sehr, dass in meiner Wohnung eine voll funktionstüchtige Zeitmaschine stünde. Zugegeben: die Entscheidung für eine bestimmte Zeit und Destination fiele mir sicher arg schwer. Woodstock stünde ganz oben auf der Liste, das Berlin der Goldenen Zwanziger Jahre oder ein original von Beethoven bestrittenes Konzert. Was sich schon an dieser kurzen Aufzählung zeigt: Zeitreisen assoziieren wir besonders gern mit Musik, dem Soundtrack einer Ära quasi. Schon die ersten Klänge eines Liedes vermögen es, uns umgehend in die Vergangenheit zu katapultieren.

Und so ist es nur verständlich, dass Jörg A. Hoppe und Klaus Maeck ihre Zeitreise ins Westberlin der 1980er Jahre ebenfalls anhand von Musik aufziehen. Auch so eine Ära, die unbedingt auf meiner Reiseliste stünde. Diese kleine westdeutsche Enklave – vollständig von der Mauer umgeben und Zufluchtsort aller Wehrdienstverweigerer – zog sie geradezu an, die exzentrischen Typen. Billige Mieten, besetzte Häuser, ungenutzte Freiräume trugen dazu bei, dass in diesem abgeriegelten Experimentierlabor eine spannende Szene gedieh, in der schon Joy Division als Mainstream galt. Westberlin in den 80er war bevölkert von Künstlertypen wie Blixa Bargeld und Nick Cave, der in einem Zimmer nahe des Nollendorfplatzes hauste. Die Ärzte und Die Toten Hosen machten von sich reden, Jörg Buttgereit drehte verrückte Filme, Tilda Swinton fuhr mit dem Fahrrad die Mauer entlang und ab und zu schaute David Bowie vorbei. Gemeinsam zog man durch die Nächte, tanzte und nahm Drogen, prügelte sich mit der Polizei, und wenn all das zu langweilig wurde, ging es ab in „das Disneyland für Depressive“ – den Osten.

© Berlinale

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Unser Reiseleiter durch die seltsam unwirkliche Stadt ist Mark Reeder, ein hagerer, blasser Engländer aus dem grauen Manchester, der wegen seiner Leidenschaft für deutsche Musik im grauen Berlin als Plattenverkäufer und Bandmanager arbeitete und seine Vorliebe für das Tragen von Uniformen im Alltag auslebte – weil sie so praktisch seien. So wird Lost & Found zu Lust & Sound. Mit seiner Super 8-Kamera hielt er stets drauf: bei Straßenschlachten, durchtanzten Clubnächten oder weirden Performances. Sein Leben muss ein Rausch gewesen sein, so wie das aller Anderen auch. B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin reanimiert diesen Spirit, lässt ihn in grobkörnigen Farben, amateurhaften Reißschwenks und wackeligen Bildern auferstehen. Die Regisseure ziehen ihr Konzept kompromisslos durch: selbst wenn einige wenige Interviews aus späteren Zeiten Auskunft geben, hören wir davon stets nur die Tonebene und bleiben optisch in den 80ern verhaftet. So entwickelt der Film einen solchen Sog, dass wir uns am Ende kurz schütteln und fragen müssen, wo wir jetzt gerade noch mal sind. Wie heißt es so schön? Wenn du dich an die Achtziger erinnern kannst, warst du nicht dabei.

B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin ist vieles nicht. Zum Beispiel ist er keine Dokumentation über die Normalbürger der Stadt und obwohl er die Mauer thematisiert, interessiert er sich nicht für Politik und Gesellschaft. Ganz im Gegenteil: dem über und über mit Graffiti besprühten Betonmonstrum wird sogar ein Ständchen zum Geburtstag gesungen. Sein Blick auf das kleine Universum der Szene ist kein Nostalgischer oder zu Ich-Bezogener, sondern eher ein Subjektiver, liebevoll Zugewandter und manchmal auch Ironischer und Radikaler. „Wer sich am kommerziellen Musikgeschmack orientiert, dient der Reaktion“, steht auf einem Schild, das Blixa trotzig in die Kamera hält. Wir sehen hier eben den B-Movie.

Als die Drogen schließlich Überhand nahmen, der Punk zu Techno wurde und die Mauer zu wackeln begann, nahm dieses aufregende Kapitel in der Geschichte Berlins langsam sein Ende. Ihren Reiz hat die Stadt deswegen trotzdem noch lange nicht verloren. Ich bleibe also gern auch in der Gegenwart hier, so lange das mit der Zeitmaschine noch nicht klappt. Als Trost schaue ich B-Movie: Lust & Sound in Berlin und halte es da ganz mit Farin Urlaub: „der Film war geilomat.“

B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin auf der offiziellen Berlinale-Website

Blixa Bargeld – Lust & Sound in West-Berlin from scenes from on Vimeo.

3 Responses to “B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin und mein Wunsch nach einer Zeitmaschine”

  • OS. says:

    Mark aber hat selber nichts gedreht, das ist alles Material von Dritten aus der Zeit oder Fernsehen oder ca. 5% reenancted. Bowie war längst weg. Es fehlt auch einiges, besonders die Kehrseite, die Drogenopfer und Verzweifelten, besonders gegen Ende der 80er, wovon es kaum Bilder gibt. So sieht alles wild und lebendig aus, war es aber nicht nur. Besonders bestand die Szene nicht nur aus den immer wieder denselben, gezeigten Protagonisten, weil es von ihnen viel Bildmaterial gibt, oder sie für etwas stehen, sondern insbesondere aus all den Anderen, die in solchen Filmen oder Büchern nur selten bis nie vorkommen. Vergessen hier auch Filmidee Geber und Co-Produzent Heiko Lange, der neben Cutter Alexander von Sturmfeder mit den härtesten Job hatte: suchen schneiden ok finden. (ein Zeitzeuge und B-Movie Prod. Assistenz)

  • Andreas says:

    Habe lieder keine Karten bekommen 🙁
    Wo ist der Film, nach der Berlnale, zu sehen?
    Grüße,
    Andreas

    • cutrin
      cutrin says:

      Lieber Andreas, „B-Movie“ hat leider noch keinen deutschen Kinostart. Bei Interesse können Sie beispielsweise die Website des Films (http://www.b-movie-der-film.de) oder seine Facebook-Page verfolgen, da werden Sie sicher auf dem Laufenden gehalten.

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