Begegnungen mit dem Cinefest Hamburg

by on 11/23/2015
© Katrin Doerksen

© Katrin Doerksen

Die Räder des Rollkoffers klackern über den Pflasterstein auf meinem Weg zum Hamburger Busbahnhof. Das ruft ein Schmunzeln und ein Augenrollen zugleich hervor, denn der Rollkoffer war heute schon einmal Thema. Für einige Tage habe ich in der Hansestadt den cinegraph-Kongress besucht, der gemeinsam mit dem dazugehörigen Filmfestival cinefest im Hamburger Metropolis-Kino einen jährlichen Anlaufpunkt für Filmhistoriker, Wissenschaftler und Cineasten bildet.

Mein erstes Mal auf dem Kongress – und diesmal nicht in journalistischer Funktion, sondern in erster Linie als Studentin im Rahmen eines Forschungsseminars. Menschen im Hotel – Filmische Begegnungen in begrenzten Räumen heißt das diesjährige Thema. Paneldiskussionen, Buchpräsentationen, begleitende Ausstellungen und ein umfassendes Filmprogramm stehen auf dem Plan.

Aber zurück zum Rollkoffer: dieser werde, so Tobias Haupts in seinem Vortrag über leere Hotels in den Filmen der Berliner Schule, zum Symbol von Effizienz, Produktivität: er beinhaltet unterwegs das Nötigste, das Unverzichtbare, und sein Klackern wird zum international bekannten Erkennungsmerkmal. Mich persönlich kann man mit Filmen der Berliner Schule jagen – und so ist es umso erstaunlicher, dass der Vortrag mich tatsächlich interessiert: weil Haupts seinen Vortrag nah an den Filmen entlang hält, weil sein Thema in der kurzen Zeit greifbar ist und der Topos des Hotels sich wunderbar dazu eignet, mir Skeptikerin verständlicher zu machen, warum zur Hölle in den Filmen der Berliner Schule immer alles so grau und dröge aussehen muss.

Es ist nahezu unmöglich, die Inhalte des cinegraph-Kongresses in gebündelter Form wiederzugeben, zu vielschichtig die Diskussionen und Fragen, zu vielfältig die Subthemen. Das verrät allein schon ein Blick auf die Themenliste: von Kostümen in den Hotelfilmen der NS-Zeit über den Schlagerfilm der 1970er Jahre bis hin zum Hotelmotiv in den Filmen Wes Andersons ist alles dabei. Und trotzdem fallen allen Teilnehmern am Ende der drei Tage noch genügend andere Fragen und Aspekte ein. Der cinegraph ist aber ohnehin kein Ort, um Themen abschließend zu diskutieren. Dafür ist weder genügend Zeit, noch ist die Gruppe der Teilnehmer in ihrer Zusammenstellung besonders für zielführende Diskussionen angelegt. Er ist stattdessen vor Allem ein Ort der Begegnungen. Zum Beispiel:

Zwischen Filmhistoriker_Innen und – wissenschaftler_Innen.

Der cinegraph ist in erster Linie ein filmhistorischer Kongress. Als Geisteswissenschaftlerin, die seit Jahren am Institut der FU eine theoretische, philosophische Linie gewohnt ist, verwundern die Methoden vieler Vorträge mich ein wenig. Zum Beispiel ist da die große Frage: ist der Hotelfilm denn nun ein eigenes Genre oder nicht? Während die Historiker eher zu einem Ja tendieren und mit Produktionskategorien argumentieren, kann ich nur verwundert den Kopf schütteln. Was ist mit den Affektpoetiken? Die (zugegeben noch nicht allzu verbreitete) kappelhoff’sche Linie der FU hat uns eingeimpft: ein Genre ist keine abgeschlossene, immer gleiche Plätzchenform. Stattdessen setzt es sich aus bestimmten Modi zusammen, die beim Zuschauer einen bestimmten Affekt auslösen – und zwar zunächst einmal auf ganz grundlegender somatischer Ebene. Horror – Ekel, Melodrama – Trauer. Einem Hotelfilm kann ich so einen Modus nicht abschließend zuweisen. Das Problem ist ähnlich wie bei Definitionsversuchen der Science-Fiction: es gibt zu viele Modi, die in unterschiedlichen Hotelfilmen zum Tragen kommen. The Shining ist nicht Menschen im Hotel ist nicht Der Letzte Mann von 1955 – ein Heimatfilm mit schmachtender Romy Schneider vor malerischem Bergpanorama. Und vom sogenannten Hanseaten-Trash Das gelbe Haus vom Pinnasberg oder die 36 Eros-Brüder von St. Pauli (großartig!) wollen wir gar nicht erst anfangen.

© Katrin Doerksen

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Zwischen alt und jung.

Am Abend ein Film zu viel und dann noch über einem Glas Wein verquatscht – schon fallen mir am nächsten Tag in den ersten Paneldiskussionen beinahe die Augen zu. Und das vor allem bei den älteren Vortragenden, die zum Großteil die gleiche Unart haben wie die meisten Studenten in meinen Seminaren: sie lesen einfach ihre Texte ab. Und das im schlimmsten Fall in nur leidlich unterdrücktem Dialekt, ohne Betonung, von Punkt und Komma ganz zu schweigen. Einige der jüngeren Vortragenden machen das nicht anders. Aber immerhin sind ihre Themen oft viel weniger abstrakt. Sie gehen ihre Themen eher mithilfe anschaulicher Analysen an, bringen Filmstills und Ausschnitte mit und lassen hinterher in den Diskussionen tatsächlich auch Kritik gelten.

Zwischen Filmwissenschaftsstudenten der Uni und Medienwissenschaftsstudenten der Fachhochschule.

Zwei Studentengruppen sitzen im diesjährigen cinegraph. Wir Filmwissenschaftler im Master von der FU Berlin – und die Medienwissenschaftler im Bachelor von der Uni Potsdam und der Fachhochschule. Für die älteren Semester mögen wir alle schlicht die dummen Studenten sein – für uns selbst ist der Unterschied zwischen den Gruppen frappierend. Die Medienwissenschaftler wuseln euphorisch in jedes Thema hinein und bekommen so zwar eine Diskussion in Gang, die bleibt allerdings meist oberflächlich und durchsetzt von persönlichen Anekdoten, die niemanden so recht interessieren. Wir FiWis haben hingegen eines sofort verinnerlicht: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Und so entwickeln sich ein paar spannende Ideen in den bebrillten Köpfen, aber es herrscht eben auch oft das große Schweigen im Walde.

Zwischen altem Filmmaterial und einer völlig entwöhnten Zuschauerschaft.

Der Letzte Mann von F.W. Murnau auf großer Leinwand mit Live-Begleitung: das ist ein Fest, wer würde mir da nicht zustimmen? Aber was, wenn man zu diesem Zeitpunkt bereits einen langen Kongresstag und zahlreiche Diskussionen hinter sich hat, zu wenig Schlaf und bereits einen anderen Schwarzweißfilm auf unbequemen Kinosesseln? Dann richten sich die heutigen Sehgewohnheiten gegen den eigenen Anspruch und man beginnt ob der langsamen Inszenierung alle fünf Minuten auf die Uhr zu schauen. Für Faszination ist trotzdem ein wenig Platz: als wir Hotel Berlin von Peter Godfrey sehen wollen, eine Rarität aus der Nachkriegszeit, gibt es Probleme mit der ohnehin schon schwer lädierten 16mm-Kopie. Die Tonspur will nicht so recht. Und als der Vorführer die Spule ein zweites Mal starten will, brennt vor unseren Augen auf die Leinwand projiziert der Film durch – das Material kräuselt sich in Sekundenschnelle zusammen und das ist in Zeiten des digitalen Filmens eine wirkliche kleine Sensation. Das ganze Kino hält kurz den Atem an – aber betroffen ist glücklicherweise nur ein Standbild zu Beginn der Filmrolle – und schließlich kann die Projektion inklusive Tonspur starten. Licht aus – Film ab. Schlafen kann ich auch noch am nächsten Tag im Fernbus nach Berlin. Falls ich das Klackern des Rollkoffers aus dem Kopf bekomme.

© Katrin Doerksen

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