Berlinale Forum 2016: Homo Sapiens

by on 02/12/2016

Ein Kino in einer Einkaufspassage wie sie in jeder Stadt der Welt stehen könnte. Die kleine Tafel am Eingang kündigt an: Twilight – Breaking Dawn, die Komödie Jack & Jill, den Animationsfilm Arthur Christmas. Niemand steht an. Niemand kauft Popcorn und Limonade, niemand läuft auch nur an dem Kino vorbei. In der selben Einkaufspassage eine kleine Bühne, ein rosa Plüschhase liegt dort herum und wackelt traurig mit dem Ohr. Keine Kinder in Sicht.

Für Homo Sapiens hat der österreichische Regisseur Nikolaus Geyrhalter Orte überall auf der Welt besucht, die verlassen sind. An denen sich Naturkatastrophen ereigneten oder Unfälle, an denen sich die Natur ihren Raum langsam zurückerobert. Dabei herausgekommen ist ein sonderbares Mischgebilde: „Dokumentarische Form“ steht im Berlinale-Programm, in dem der Film in der Forums-Sektion untergebracht ist. Zugleich ist Homo Sapiens aber auch visuelles Essay. Und nicht zuletzt beschwört er die Atmosphäre von postapokalyptischen Science Fiction-Filmen herauf, von The Road bis zu alten surrealen Experimenten à la Paris Qui Dort von René Clair. Nur, dass eben überhaupt keine Menschen mehr in dieser Welt anzutreffen sind. Homo Sapiens zu schauen, fühlt sich an, als würden Jahre nach dem Aussterben der menschlichen Rasse Aliens auf dem Planeten landen und ihn erforschen. Und dabei lässt ihre Absenz die Menschen umso präsenter erscheinen.

© NGF

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Das frei assoziative Schwelgen, das sich bei der Sichtung des Filmes ergibt, lässt sich für seine Entstehungsgeschichte viel weniger feststellen. Nikolaus Geyrhalter filmt zwar in starren, langen Einstellungen tatsächlich existierende Orte ab, trotzdem wohnen wir aber zweifelsohne einer Inszenierung bei. Die unterschiedlichen, teils schwer zugänglichen und nicht ungefährlichen Schauplätze setzen eine akribische Planung des Drehs voraus. Teils sind es nur wenige Stunden am Tag, an denen die klimatischen Bedingungen die Begehung der Orte überhaupt zulassen. Die Materialfülle ordnet der Regisseur in thematischen Blöcken an und unterbricht sie durch kurze Schwarzblenden. Natur, eingestürzte Brücken und Straßen, zugewachsene Bahntrassen, fixiert in symmetrisch komponierten Bildern. Regen. Eine einst funktionierende Infrastruktur und Verwaltung lässt sich erahnen, wenn die Kamera sich plötzlich in verlassenen Krankenhäusern wieder findet, in Krematorien, Gefängnissen oder in Schulen. Einige Läden im toxischen Landstrich von Fukushima sehen aus, als wären die Angestellten einfach noch nicht zur Arbeit erschienen. Oft scheinen die Orte hastig und übereilt verlassen worden zu sein. Wie ein Archäologe beginnt der Zuschauer sich dann zu fühlen, wenn er diese Orte wiederentdeckt. Ein offenes Fenster im Klassenraum: mag es jemand am Morgen der Katastrophe noch geöffnet haben oder hat der Wind es später aufgedrückt? Oder die Evakuierung der Krankenhäuser: mag sie unkompliziert vonstatten gegangen sein? Ob Tage später erste Banden auf der Suche nach Wertgegenständen durch die aufgegebenen Wohnungen gestrichen sind?

Nikolaus Geyrhalter greift in das Vorgefundene nicht nur durch die sorgfältige Auswahl seiner Kameraperspektiven ein. Er lässt Wind wehen, um zumindest etwas Bewegung und Spannung in die Räume zu bringen, setzt von Zeit zu Zeit auch künstliche Lichtquellen ein. Dieses Vorgehen wiederum führt dazu, dass auch der Ton bearbeitet werden muss, wenn sich keine Spuren menschlicher Anwesenheit darin wiederfinden lassen sollen. Das Ergebnis ist ein Amalgam aus Archivaufnahmen und vor Ort extra aufgenommenen Klängen. Fast wie ein Klangteppich aus Ambientmusik oder ein besonders elaboriertes ASMR-Video auf Youtube.

Was der Zuschauer aus diesem Erleben macht, bleibt ihm völlig selbst überlassen. Es ist möglich, sich gänzlich in Homo Sapiens fallen zu lassen, völlig die Zeit zu vergessen und in den Bildern zu schwelgen, vielleicht auch für fünf Minuten wegzudämmern. Dank der völligen Abwesenheit von Sprache wird es aber genauso ermöglicht, sich in die verknäultesten Gedankengänge zu vertiefen oder akribisch die Details in den Bildern zu erforschen. Oder einfach für einen Moment die anthropozentrischen Befindlichkeiten fahren zu lassen und diesen Planeten als Teil eines Kontinuums zu verstehen. Als einen Ort, der existierte, der existiert und existieren wird. Mit oder ohne uns.

Homo Sapiens auf der offiziellen Berlinale-Website

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