Berlinale Forum Expanded 2016: Invention

by on 02/14/2016

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Ein dunkler Raum, Statuen aus glattem, kühlen Marmor. Die Kamera gleitet langsam auf die Form einer steinernen Frau zu, die sich halb nackt auf einem Diwan räkelt. Die ambient-artige Musik klingt aus und wir finden uns in Stille wieder. Dann ein harter Schnitt – Toronto, Kanada. Langjähriger Wohnort des Künstlers Mark Lewis, der im Forum Expanded der Berlinale 2016 seinen neuen Film Invention zeigt. Ein Film, mit dem sein Macher an große Traditionen anschließen will. An die Stadtportraits der 1920er Jahre zum Beispiel: Berlin: Die Sinfonie der Großstadt oder Dziga Vertovs Der Mann mit der Kamera. Mittlerweile schreiben wir jedoch ein neues Jahrtausend, und so braucht Invention einen Twist, der der bloßen Moderne ein Schnippchen schlägt.

Lewis filmt nicht nur in Toronto. Seine Schauplätze liegen auch in der größten Stadt Brasiliens: São Paulo; außerdem im Pariser Louvre, wo der Film inmitten der Marmorstatuen beginnt. Indem er seine drei Schauplätze zueinander in Beziehung setzt, verändert Mark Lewis unseren Blick auf sie. Das Museum wird gewissermaßen zu einer eigenen Stadt – wohingegen die Straßen plötzlich selbst anmuten wie öffentliche Ausstellungsräume. Die Assoziation drängt sich förmlich auf: legendäre Architekten der Moderne haben den Städten ihren Stempel aufgedrückt: Oscar Niemeyers Bauten stehen in São Paulo, Mies van der Rohe hat mit dem Dominion-Center ein gläsern und metallenes Ungeheuer von einem Gebäudekomplex in das Stadtzentrum gesetzt. Aber auch all die namen- und gesichtslosen Bauten entwickeln sich in der Wahrnehmung des Zuschauers Stück für Stück in Ausstellungsobjekte. Wenn in einer animierten Sequenz im Louvre Lichter über die Marmorstatuen flackern und fast die Anmutung einer Bewegung heraufbeschwören – und wenn dann in der nächsten Einstellung die Schatten der Passanten an einer Betonhauswand entlang tanzen, dann ist alles Kunst, Exponat, eine Laterna Magica gewissermaßen – im alltäglichen Raum.

© Berlinale

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Der so entstehende kinematographische Effekt ist es, auf den Mark Lewis abzielt. Der Künstler hebt in der Besprechung seines Werkes die Parallelen zwischen der Geschichte der modernen Stadt und der Geschichte des Kinos hervor. Beiden Phänomenen wohne der Gedanke einer Utopie inne: der modernistische Glaube nämlich, selbstbestimmt eine bessere Zukunft kreieren, erbauen zu können. So erklärt es sich auch, dass in letzter Konsequenz nicht die Städte und Statuen im Louvre die Protagonisten von Invention sind, sondern keine Geringere als die Kamera höchstselbst. Entfesselt schwebt, kreist, schraubt sie sich durch den Raum als hätte Gaspar Noé seiner Kamera aus der Eingangsszene von Enter the Void eine Zeitlupe verpasst. Sie durchmisst den Raum, erforscht ihn, denkt gar nicht daran, sich auf Perspektiven zu limitieren wie wir sie etwa aus dem konventionellen Hollywoodkino kennen. „Es ist, als würde die Kamera den Blick auf die Welt erlernen“, erklärt Lewis im Q&A nach der Projektion, und: „vielleicht ist die Kamera gar nicht für uns da, sondern für sich selbst.“

Fast romantisch mag dieser Ansatz klingen, der Zuschauer muss dabei aber leider auf der Strecke bleiben. Mark Lewis liegt nämlich nicht nur die Kamera am Herzen: „Wie oft können wir schon einfach da sitzen, sehen und nachdenken, ohne uns sagen zu lassen wie wir schauen sollen?“, fragt er nach der Vorführung seines Films ins Publikum hinein. Nun, über die Kamera in Invention lässt sich vieles sagen – aber nicht, dass sie dem Zuschauer die Freiheit zum Schauen lässt. Vielmehr oktroyiert sie ihm ihre Perspektive auf. Rückblende: zurück im ersten Ausstellungsraum des Louvre, wo sich die steinerne Frau auf dem Diwan räkelt. Zeitlupenartig langsam fährt die Kamera um sie herum, dann näher heran, schwelgt mit voyeuristischem Blick in ihren Formen und der eigenen Bewegungsfreiheit. Es ist ein animiertes Set, zusammengesetzt aus unzähligen Fotos. Wäre dies kein auf die Leinwand der Berliner Akademie der Künste projizierter Film, sondern eine interaktive Website, könnte der User sich frei durch diesen animierten Raum bewegen, entscheiden wo er hinschaut und wie lange. Hier wird er jedoch zum Sklaven der nicht immer zuschauerfreundlich gesinnten Kamera und ihrer erzwungenen Perspektiven. Später im Film wird sie an der Außenwendeltreppe eines Hochhauses herab gleiten, uns den Betonpfeiler in ihrer Mitte zeigen und der freien Sicht über die Stadt konsequent den Rücken kehren. Man wünscht sich an dieser Stelle in Homo Sapiens zurück, den Essayfilm des Österreichers Nikolaus Geyrhalter, der in diesem Jahr im Forum gezeigt wird und dem Zuschauer in langen fixen Einstellungen wunderschön detaillierte Ansichten verlassener Orte kredenzt. Auch seine Bilder sind inszeniert, selbstverständlich. Im Gegensatz zu Lewis Aufnahmen laden sie jedoch zum freien Schauen ein, zum assoziativen Entdecken, Erforschen, eigenen Denken. Invention ist wie jede andere montierte Einstellungsfolge ebenfalls nicht das genuine Werk einer Kamera, sondern die intentionierte Inszenierung eines Regisseurs.

Gemächlich setzt die Musik wieder ein, die Kamera streift durch die Straßen São Paulos, bis sie abrupt an einem Unfallort zum Stehen kommt: ein Fahrradfahrer liegt blutend am Boden, Gäste aus dem angrenzenden Club nähern sich ihm erschrocken und neugierig. Es ist der Beginn eines Spielfilmes, in dem der Lernprozess der Kamera gewissermaßen endet. Ein in seiner Offenheit doch konsequentes Ende für einen inkonsequenten Film.

Invention auf der offiziellen Berlinale-Website

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