Berlinale Panorama 2016: Jonathan

by on 02/13/2016

Ich hab da eine etwas steile These. Die ergab sich so, als ich im Urlaub in den Bergen nach ein paar Tagen neurotische Züge entwickelte, weil ich den Horizont nicht sehen konnte. Wer dauerhaft mit so eingeschränktem Blickfeld leben muss, schlussfolgerte ich, der passt auch nach und nach sein Denken dieser Wahrnehmung an. Vielleicht mag ich deswegen auch den deutschen Film nicht sonderlich, weil sich ganz Deutschland manchmal einfühlt wie ein von allen Seiten in Bergmassive eingeschlossenes Tal.

Als Jonathan begann, war ich hoffnungsvoll. Dichtes Waldgrün, sonderbare Kamerawinkel, durch die Regentropen sich aus der Tiefenschärfe heraus im Bild zu materialisieren schienen, dann der Titel in großen weißen Lettern. Es sah verspielt aus und innovativ, nicht so nüchtern und trocken wie der deutsche Film es mir einmal zu oft angetan hat. Dann geht die Kamera hinaus aus den Nahaufnahmen und das Setting wird deutlich. Ein Bauernhof, eingebettet in einem tiefen Tal. Es hätte mir eine Warnung sein sollen. Diesen bewirtschaftet Jonathan (Jannis Niewöhner), 23 Jahre alt, gemeinsam mit seiner Tante Marthe (Barbara Auer). Eine zusätzliche Last ist sein schwer krebskranker Vater Burghardt (André Hennicke), den Jonathan aufopferungsvoll pflegt, obwohl er zunehmend jähzornig und stur seine Fürsorge sabotiert. Während also seine Freunde der Reihe nach ihre Studienzeit im fernen Berlin zu planen beginnen und die Uhr sich außerhalb des Tals munter weiterdreht, wird Jonathans Welt immer kleiner. Die Stimmung der Hofbewohner untereinander ist gelinde gesagt schwierig. Er sitzt im Funkloch, buchstäblich.

© JeremyRouse

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Der Regisseur Piotr J. Lewandowski hätte sich an dieser Stelle dazu entscheiden können, die Geschichte eines jungen Mannes zu erzählen, der sich erfolgreich von seinen Fesseln emanzipiert und ein neues Leben beginnt. Oder auch die Geschichte eines Mannes, dessen Potential tragisch an seinen Lebensumständen zugrunde geht. Oder meinetwegen hätte er eine Science-Fiction-Story daraus machen und ein Alien schicken können, das die gesamte Chose vaporisiert. Wirklich, ich hätte mich nicht beschwert. Stattdessen hat er sich dafür entschieden, die Geschichte einer Figur zu erzählen, deren Engstirnigkeit, Konservatismus und Selbstmitleid uns als Sensibilität verkauft werden soll. Das allerdings auf so platte Weise, dass es den meisten Zuschauern hoffentlich auffällt.

Um sich vor seinen zankenden Verwandten, den schwelenden Familiengeheimnissen und der nie enden wollenden Arbeit zu verstecken, hat sich Jonathan einen Rückzugsort in einer Scheune gebaut. Hier gibt es warmes Licht, eine Hängematte, hirnmatschweiche Singer-Songwriter-Mucke im Hintergrund und einen Schreibtisch, an dem er aus dünnen Holzlatten Lampenschirme designt. Visueller Mittelpunkt des Raumes ist jedoch die Projektion eines sepiastichigen Fotos: Jonathans Mutter, seit Jahren tot, lächelt bezaubernd von der Wand herab. Der sie durch den Projektor umgebende Schein im Nostalgie-Retrolook lässt sie zur Heiligen werden, zur durch ihren frühen Tod idealisierten Marienfigur, unerreicht und unbefleckt. Das Kontrastprogramm zum versehrten, unnahbaren und ruppigen Vater. Die wahre Tragik in Jonathan liegt darin. Dass der Film es nämlich nicht im Geringsten schafft, solche alten Dichotomien – der gebeutelte männliche Held und das angebetete Bild von einer Frau – aufzubrechen.

© JeremyRouse

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Eines Tages steht Anka (Julia Koschitz) auf der Matte wie aus dem Nichts materialisiert. Sie ist aus der Großstadt; eine Pflegekraft, von irgendjemandem geschickt, um Jonathan unter die Arme zu greifen. Ab sofort übernimmt Anka also die Aufgaben, die einer Frau auf dem typischen Bauernhof der 1950er Jahre eben so zustehen: sie kocht und putzt, übernimmt die Pflege des Vaters und steht genau zum richtigen Zeitpunkt nackt in kalten Flüssen herum, damit der arme Mann endlich wieder die schönen Seiten des Lebens sehen kann. Dabei gibt sie Weisheiten von sich wie: „Entzündungen kriegen nur chronisch untervögelte Frauen.“ Ah ja.

Es gibt Momente, in denen Piotr J. Lewandowski den zaghaften Willen zeigt diese Figurenkonstellationen aus der Mottenkiste aufzubrechen. Jonathans Freund, der so überschwänglich von seinem Berliner Studentenleben fantasiert, dass es unmöglich ernst gemeint sein kann, scheint ein selbstreflexives Element im Drehbuch zu sein, genau wie die wiederholt dazwischen montierten Nahaufnahmen von krabbelnden Insekten. Und einmal darf sogar Anka vorsichtig Ironie durchblitzen lassen, um Jonathan seine eingeschränkte Denkweise bewusst zu machen. Das ändert aber nichts daran, dass ihre einzige Funktion ist, ihn aufzumuntern, zu motivieren und zu unterstützen. Dass sie an Konflikten nicht sichtbar wachsen darf, sondern schlicht ins Auto steigt und sich wieder in die Großstadt verabschiedet, als es kompliziert wird. Dass Jonathan immer wieder gewalttätige Züge an den Tag legt – manchmal stumpf gegen Gegenstände, manchmal auch gegen Menschen beiderlei Geschlechts – und dieses Verhalten völlig konsequenzlos als logische Folge seiner Unsicherheit und absolut tolerabel inszeniert wird. Dass der Film Lebenswürfe durch Jonathans Perspektive hindurch skandalisiert, die heute wirklich keinen denkenden Menschen mehr hinter dem Ofen hervor locken. Dass in entscheidenden Szenen eine weibliche Figur nach der anderen rekonstruiert oder aus dem Bild verbannt wird, um ja den unter großem Aufwand wiederhergestellten Männerbund nicht zu stören. Unglaublich, dass hinter dem Filmtitel 2016 als Produktionsjahr steht.

Jonathan auf der offiziellen Berlinale-Website

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