Berlinale Panorama 2016: Nakom

by on 02/15/2016

Flattr this!

© Rasquaché Films

© Rasquaché Films

Wer als Jugendlicher in eine große Stadt fernab der Heimat zieht, als Erster in der Familie zu studieren beginnt und einen völlig neuen Alltag lebt, der wird wahrscheinlich als anderer Mensch zurückkehren. Wenn er überhaupt zurückkehrt. So weit, so universell die Geschichte von Nakom, dem allerersten ghanaischen Film im Programm der Berlinale. Bei dem Stichwort ‚Ghana‘ wird es dann aber auch ziemlich speziell. Der alte Stereotyp vom archaischen Dorf ohne Elektrizität, fließendes Wasser und Handy-Empfang wird afrikanischen Gesellschaften schon lange nicht mehr gerecht. Dass die Unterschiede zwischen Land und Stadt dort gewaltig klaffen, ist aber auch nicht zu leugnen.

Wer also wie so viele Studenten in Berlin mit der Differenz zwischen dem anonymen Leben der Großstadt und der sozialen Kontrolle im heimatlichen Hinterpusemuckel hadert, wird in Idrissu (Jacob Ayanaba) eine Identifikationsfigur finden. In der Hauptstadt Accra führt er ein vergnügliches Leben – inklusive Freundin und exzellenter Noten im Medizinstudium – bis eines Nachmittags das Handy klingelt und ihn die Nachricht vom plötzlichen Tod seines Vaters erreicht. Umgehend muss Idrissu nach Hause kommen, um an der Beerdigung teilzunehmen und seine neue Rolle als männliches Oberhaupt des Haushalts anzutreten. „Einmal ein Dorfjunge – immer ein Dorfjunge“, meint seine Freundin dazu, und: „ich werde nicht ewig warten.“

In der öffentlichen westlichen Wahrnehmung lässt sich Westafrika (um von einzelnen Staaten gar nicht erst anzufangen) zumeist auf einige grobe Stichworte reduzieren: Fußball und Ebola, Dreieckshandel, Spam-Mails, Biafra-Krieg, der zunehmende Einfluss von Terrororganisationen und immer wieder Armut und Hunger. Für eine alte Nebenfach-Ethnologin fühlt es sich da wie ein kleiner Sieg an, dass der ghanaische Film im Festivalprogramm all das eben nicht in den Mittelpunkt stellt. Natürlich müssen sich Idrissu und sein Familienclan zahlreichen, auch existenziellen Problemen stellen. Aber dabei keine Spur von sauertöpfischem Betroffenheitskino. Die Regisseurinnen Kelly Daniela Norris und TW Pittman schauen nicht aus der Außenperspektive auf ihre Figuren, sondern ziehen uns stets an der Seite ihres Protagonisten mitten hinein in ein Geschehen, das sich quasi natürlich zu ergeben scheint. Kein dramatischer Spannungsbogen prägt Nakom, eher das Neben- und Hintereinanderweg des alltäglichen Lebens, wie es auch in anderen Gesellschaften, Dörfern, Familien passiert. Soziale Familienstrukturen, die das Überleben zu sichern vermögen, ein friedliches Miteinander von Christen und Muslimen.

© Rasquaché Films

© Rasquaché Films

Was sich dabei aber tatsächlich mehr und mehr zuspitzt, ist die Zerrissenheit Idrissus. Als traditionell geprägter Dorfjunge will er für das Wohlergehen seiner Familie sorgen, Erwartungen erfüllen und Sicherheit geben. Als moderner, gebildeter Mann aber will er Arzt werden, irgendwann nach Amerika gehen und von den Frauen seiner Familie um Himmels Willen nicht als „Master“ angesprochen werden. Es ist genau dieser innere Widerspruch der jungen Generation, die eines der Kernprobleme Afrikas ausmacht:  es mag zwar ein großer Bildungshunger existieren, aber wer das Geld hat, um ihn zu stillen, geht früher oder später weg. Wer bleibt, hat selten die Macht Veränderungen herbeizuführen. In Nakom kennen zwei jüngere Geschwister Idrissus dieses Problem nur zu gut. Seine blitzgescheite Schwester Damata (Grace Ayariga), für deren Schulbildung das Geld nicht reicht, und der jüngere Bruder Kamal (Abdul Aziz), der es in einem Moment der Frustration auf den Punkt bringt: „Arbeit gibt es hier genug, aber kein Geld.“

Vier Monate dauerte der On Location-Dreh zu Nakom im gleichnamigen ghanaischen Dorf, wobei Elektrizität im Übrigen als Mangelware galt. So erklärt sich auch der raue Stil des Films: oft wackelt die Handkamera und besonders in den Nachtszenen erfüllt ein digitales Rauschen den Bildkader. Es ist aber gerade dieser spürbare Grad an Improvisation, der dieses kleine Werk zu einem umso eindrücklicheren Erlebnis macht. Idrissu und seine Familie bleiben keine Fremden, deren Leben mit der Welt des gemeinen Berlinale-Publikums nichts gemein hat. Sie bleiben auch keine ‚repräsentativen Afrikaner‘. Sie sind einfach Figuren.

Nakom auf der offiziellen Berlinale-Website

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* 7+3=?

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.