Berlinale Panorama 2016: Sufat Chol (Sand Storm)

by on 02/12/2016
© Vered Adir

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Zu Beginn von Sufat Chol erhält Layla (Lamis Ammar) ihre aktuellen Prüfungsergebnisse von der Uni. „Na, sind es etwa nur 90 von 100 Punkten?“, zieht sie der Vater (Haitam Omari) wegen ihres enttäuschten Blickes auf. „Nein, es sind 63 Punkte.“ Da versteinert das Gesicht des Vaters. Der Rahmen, in dem sich seine Tochter und die übrigen Frauen der Familie verhalten dürfen, ist eng begrenzt. Zu schlecht darf sie nicht sein, aber zu gut bitte auch nicht. Im Nachhinein werden wir diese Szene als Beklemmung verheißendes Omen zu deuten wissen.

Die israelische Regisseurin Elite Zexer hat mit Sufat Chol ein Drama über die Dynamiken innerhalb einer Familie gedreht, die in einem Beduinendorf in der südisraelischen Wüste lebt. Große Veränderungen stehen hier bevor. Der Vater Suleiman heiratete zum Missfallen seiner Frau Jalila (Ruba Blal-Asfour) ein zweites Mal: eine Jüngere. Unter großem Brimborium soll die Eheschließung begangen werden, und dann sind da auch noch die Sorgen mit Layla. Die Tochter kommt langsam ins heiratsfähige Alter, denkt aber gar nicht daran, sich einen akzeptablen Mann aus dem Dorf auszusuchen. Stattdessen hat sie sich an der Uni in einen Jungen verliebt, der einer anderen Ethnie angehört.

Dreh und Angelpunkt der Geschichte sind hier die Frauen der Familie, denen es auf den ersten Blick nicht unbedingt schlecht geht. Immer wieder nehmen wir beispielsweise die Perspektive der kleineren Schwester Tasnim ein, die mit unbedecktem Haar und in Jeans als kleiner Tomboy herumtollen und bei den Männern sitzen darf und mit Vorliebe die Anderen ausspioniert. Für Layla will der Vater hingegen unbedingt die Schulbildung gewährleisten, bevor sie verheiratet wird. Und Jamila führt immerhin ein respektables Leben in einem der größten Häuser im Dorf. Im Laufe von Sufat Chol fallen diese scheinbaren Privilegien Eines nach dem Anderen in sich zusammen. Sie stellen sich lediglich als Wohlwollen des schwachen Vaters heraus, der unter dem Druck der Traditionen und gesellschaftlichen Konventionen kaum eigene Werte vertreten kann. Und so bleibt Layla und Jamila nichts anderes übrig, als ihre eigenen Grabenkämpfe beiseite zu legen und eine verhaltene Allianz zu formen.

© Vered Adir

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Elite Zexer beweist ihr Können als sensible Beobachterin, wenn es darum geht, den Frauen in Sufat Chol zumindest in einem kleinen Rahmen ihre Selbstbestimmung zuzugestehen. In einer besonders gelungenen Szene wird die zuvor in stundenlanger Schwerstarbeit handgewrungene Wäsche zu einer natürlichen Barriere, die Leinen voll flatternder Stoffe zu einem Sichtschutz für Lalya und ihren Freund, aber auch zu einem Hindernis, das Suleiman daran hindert, bei der Ankunft von den Flitterwochen ohne Weiteres sein Grundstück zu befahren. Ein kleiner Triumph, aber immerhin ein Zeichen. Immer wieder sehen wir die Frauen im Film auch ohne Kopftuch, wenn sie am Abend beieinander sitzen oder sich am Morgen zurecht machen. Sie sind keine verschleierten Marionetten, sondern voll ausdifferenzierte Figuren. Auch die zuerst als Fremdkörper erscheinende Zweitfrau bleibt kein völlig kryptisches Wesen ohne eigene Stimme. Und doch, so bitter die Erkenntnis ist: Elite Zexer verschließt nicht die Augen davor, dass alle weibliche Solidarität der Welt noch nicht ausreicht, um einen fundamentalen Wandel zu kreieren.

Vor allem Jalila leidet unter den Zuständen in ihrer Familie. Als Hausfrau ist sie es, der in der Erziehung der Kinder der schwarze Peter zugeschoben wird. „Papa sagt, ich darf das“, beschweren sich die jüngeren Töchter bei ihr, und als sie Layla vor der Beziehung mit dem fremden Jungen warnt, funkelt die böse zurück: „Vater wird das für mich regeln.“ Wie sehr sie sich täuscht, ahnt Jalila da bereits, tiefe Sorgenfalten zeichnen sich in ihrem schönen Gesicht ab. Sufat Chol ist ein durchaus schmerzhafter Film, ein Niederschmetternder auch. Jedoch in der feinfühligen Erzählperspektive, im emphatischen Blick auf seine Protagonistinnen und vielen reichen Momenten schimmert auch eine zaghafte Hoffnung auf Besserung durch.

Sufat Chol auf der offiziellen Berlinale-Website

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