Berlinale Wettbewerb 2016: Cartas da Guerra

by on 02/15/2016

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Nimmt man die Tram in den westlichen Stadtteil Lissabons und lässt sich weder von den göttlichen Pasteis, noch dem überlaufenen Torre de Belém ablenken, dann gelangt man irgendwann an das Museu do Combatente, an dessen marmorner Außenwand in endlosen Reihen die Namen gefallener portugiesischer Soldaten aufgelistet sind. Cartas da Guerra fühlt sich so an, als sei der Regisseur Ivo M. Ferreira mit dem Finger die Liste entlanggefahren und habe nach Gutdünken bei einem Namen angehalten. Das Gefühl täuscht jedoch: der Film basiert auf dem Buch D’Este Viver Aqui Neste Papel Descripto, Cartas da Guerra des portugiesischen Schriftstellers António Lobo Antunes.

Der ehemalige Medizinstudent war während des Kolonialkriegs mit Angola 1970 in die Armee eingezogen worden und musste als Militärarzt in dem westafrikanischen Staat praktizieren. In dem Buch, das erst nach dem Tod der Mutter von den gemeinsamen Töchtern veröffentlicht wurde, ist der fast tägliche Briefwechsel zwischen Lobo Antunes und seiner damals schwangeren Ehefrau dokumentiert. Ivo M. Ferreira nimmt sich dieser Briefe in seinem Film an, ohne dezidiert zu erklären, was er da tut. Die Grundsituation erschließt sich gewiss schnell – ein junger Mann in Uniform wird sichtbar – eine Frauenstimme beginnt aus dem Off seinen ersten Brief vorzulesen, offenbart so beiläufig Ort und Zeit der Handlung. Die realen Hintergründe der Geschichte lösen sich hingegen in den Schwarzweißbildern auf, in der Abwesenheit von Zwischentiteln, Erzählerstimmen oder anderen Kunstgriffen.

© Berlinale

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Wer sich mit António Lobo Antunes auskennt (in meinem Fall sind die Kenntnisse leider nur rudimentär), wird den Schriftsteller aber auch ohne deutliche Erklärung durch Cartas da Guerra schimmern sehen. Nicht nur, weil seine eigenen Texte das Drehbuch bilden, sondern weil in den monochromen und dabei unendlich reichhaltigen Bildern eine barocke Melancholie mitschwingt, eine portugiesische Saudade, wie sie Lobo Antunes eben so meisterlich beherrschte. Der junge Arzt, das stellt sich schon nach wenigen Sätzen heraus, ist kein großer Patriot oder gar Mann des Militärs – er ist viel eher ein Poet. Dementsprechend schöngeistig fällt auch die Perspektive aus, die der Film einnimmt. António (Miguel Nunes) beschreibt die Schrecken des Krieges; Leiden und Sehnsucht nach der Heimat, der Geliebten Maria José (Margarida Vila-Nova) und dem ungeborenen Kind sind ihm anzumerken. Genauso gern ergeht er sich aber auch in Beschreibungen des fremden Landes, der üppigen Natur und seines unermüdlichen fleischlichen Begehrens.

Die direkte Rede der Figuren in Cartas da Guerra bleibt eher der Ausnahmefall. Stattdessen trennen sich manchmal Ton- und Bildebene voneinander; Ivo M. Ferreira zeigt dann beispielsweise das Camp der Soldaten in einem nächtlichen Hinterhalt unter Beschuss, während Maria daheim in ihrer Küche Antónios Liebesschwüre liest. Regisseur und Kameramann verstehen zweifelsohne etwas von ihrem Handwerk – ihre Aufnahmen sind von bestechender Klarheit und … Diese elegische Ästhetisierung erscheint durchaus gerechtfertigt, schließlich macht Ferreira von Anfang an deutlich, dass es sich bei seinem Film um die Perspektive einer individuellen Wahrnehmung handelt, nicht um ein umfassendes Bild von Afrika und dem Krieg. Und doch haften Cartas da Guerra auch problematische Züge an. Weil die Angolaner eben doch ein wenig zu stimmlos den Kolonialherren gegenüberstehen. Weil die Bilder bei aller Grausamkeit eben doch vor allem in ihrer exotistisch anmutenden Schönheit überzeugen und dazu einladen, sich an der ambivalenten Poesie des Augenblicks zu ergötzen. Da wirkt es vielleicht nicht direkt wie Kriegsverherrlichung, aber eben doch wie eine ziemlich billige Pose, wenn António irgendwann schreibt, dass er Che zu verstehen beginnt. Normalerweise ist eine genervte Geste geboten, wenn es heißt: „Das Buch war besser als der Film.“ Vielleicht empfiehlt es sich aber in diesem Fall tatsächlich, lieber nur die Briefe von António Lobo Antunes zu lesen.

Cartas da Guerra auf der offiziellen Berlinale-Website

TRAILER CARTAS DA GUERRA from O SOM E A FÚRIA on Vimeo.

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