Berlinale Wettbewerb 2016: Chi-Raq

by on 02/18/2016

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© Lionsgate

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Wie immer geht es auch auf der Berlinale 2016 arg politisch zu, besonders in den Wettbewerbsfilmen. Soy Nero war Soldaten gewidmet und Michael Moore marschierte in seinem Dokumentarfilm Where To Invade Next in europäische Staaten ein. Und dann gab es da noch diesen von Amazon finanzierten Streifen. Die sich neu auftuenden Produktionsbedingungen für Filme sorgen im Fach überall für Diskussionen: wenn durch ihre Streamingdienste näher an den Zuschauer gebundene Riesen wie Netflix und Amazon die Domäne der Studios aufrollen, wer profitiert dann hauptsächlich davon? Dürfen Filmemacher dann wieder mehr Risiken eingehen? Oder ist es der endgültige Todesstoß für Unabhängigkeit und Kreativität?

Chi-Raq von Spike Lee ist ein erstes Argument für die Pro-Seite. „This is an Emergency“, dieser Schriftzug erscheint zuallererst in roten Lettern auf der Leinwand, ein aus den Silhouetten von Feuerwaffen zusammengepuzzleter Umriss der Vereinigten Staaten von Amerika folgt, und schließlich ertönt die scheppernde Stimme von Rapper und Hauptdarsteller Nick Cannon. Sein Song „Pray 4 My City“ stimmt umgehend rhythmisch und thematisch auf das Folgende ein. Für seinen neuen Film hat Spike Lee die antike griechische Satire Lysistrata von Aristophanes neu adaptiert und in das Chicago der Jetztzeit verlegt. Wieso dann „Chi-Raq“? Weil in der Windy City Krieg herrscht, und Lee ist sich nicht zu schade, diesen Zustand mit brachialen Mitteln zu verkünden. Flaggen und Waffen erscheinen wie in Propagandavideos aus dem Nahen Osten in Standbildern auf der Leinwand, während Einblendungen die Fakten sprechen lassen: Über 2500 Mordopfer in den ersten 10 Monaten des Jahres 2015 in Chicago – mehr als gefallene Soldaten im Irak.

© Parrish Lewis

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Für Amerika kommt dieser Film genau zum richtigen Zeitpunkt. Als das Black Lives Matter-Movement im Land endlich wieder Protestierende auf die Straßen treibt und der kämpferische, auf ihre eigenen Wurzeln verweisende Song „Formation“ der Popgöttin Beyoncé für krude Rassismusvorwürfe derjenigen Weißen sorgt, die in ihren Vorgärten noch die Flagge der Konföderation wehen lassen. Es geht Spike Lee darum, die Waffengewalt in ganz Amerika anzuprangern, sein Film ist jedoch ganz deutlich auf Chicago konzentriert. Dort haben seit seiner Veröffentlichung Anfang Dezember 2015 wesentlich mehr Zuschauer pro Kinoleinwand den Film geschaut als in anderen Gegenden. Und das ist auch kein Wunder, denn bei aller Kritik ist Chi-Raq in jedem Moment die Liebe zu seiner Stadt anzumerken. „Too many heartaches in my city / But I got faith in my city“, rappt Nick Cannon. Er spielt in dem Film eine der zentralen Rollen: Chi-Raq, den Anführer einer der untereinander bis aufs Blut verfeindeten Gangs. Es ist nicht ungewöhnlich, dass im Süden Chicagos, in Englewood, Menschen auf den Straßen erschossen werden. Aber als es eines Tages die siebenjährige Patti durch einen Querschläger trifft, wollen die Frauen der Gangmitglieder die Gewalt nicht mehr dulden. Wie bei Aristophanes schließen sie sich zusammen, um einen Sexstreik auszurufen, und damit die Männer gewissermaßen auszuhungern – bis sie sich bereit erklären die Waffen niederzulegen. Anführerin der Bewegung ist natürlich Lysistrata (Teyonah Parris), Chi-Raqs Freundin, in einer exzellenten Besetzungsentscheidung unterstützt von ihrer belesenen Nachbarin Miss Helen, gespielt von Angela Bassett.

Spike Lee verarbeitet die griechische Vorlage geschickt, um zu zeigen, dass ihm die aktuellen Probleme seiner Stadt am Herzen liegen, und lässt dabei auch noch die Frauenrechtlerin Leymah Gbowee eine Brücke schlagen, deren Aufruf zum Sexstreik einen großen Beitrag zur Beendigung des Bürgerkriegs in Liberia leistete und die daraufhin den Friedensnobelpreis gewann. Außerdem ist es erstaunlich, wie schnell das antike Versmaß mit dem Rap-Slang eine Symbiose eingeht. Besonders Samuel L. Jackson verweist zwischendurch immer wieder auf die Bühnenhaftigkeit der Inszenierung, wenn er als Dandy gekleidet im Bild erscheint, elegant den Gehstock schwingt und zwinkernden Auges das Geschehen kommentiert. Und natürlich kommen Lysistrata und ihre Mitstreiterinnen auf ihre folgenschwere Streikidee in einem Straßencafé namens Deus Ex Machina. Der ausgelassene Spaß am satirischen Umgang mit der Hip-Hop-Pose täuscht aber dennoch nicht über die Ernsthaftigkeit der Lage hinweg. Ironisch triefend beginnt zum Beispiel Patties Beerdigungsszene mit weiß gewandeten Tänzern in der Kirche und dem geborenen Sektenfürst-Darsteller John Cusack als politisierter Pfarrer. Im nächsten Augenblick stößt er aber in seinem Monolog schon stakkatoartig die Verfehlungen der Gang-Mitglieder von Englewood, das Versagen der Sozialpolitik und die Hörigkeit gegenüber der Waffenlobby heraus und bringt so die träge Masse in die nötige Wallung.

Natürlich ist Chi-Raq dabei ohne Ende polemisch. Und natürlich kann man solchen Filmen immer irgendetwas vorwerfen. Streitbar ist zum Beispiel das auch in der Vergangenheit oftmals hinterfragte Frauenbild von Spike Lee. Was die Einen bei den weiblichen Figuren als selbstauferlegten Verzicht trotz großer Freude am eigenen Körper verstehen, interpretieren Andere als rückständig: schließlich sei all die halb nackte Haut letztlich doch ein Mittel, um sie auf ihre Optik zu reduzieren und der Sexstreik gleichzeitig eine Entscheidung, die den Frauen implizit ihre Lust abspreche. Vor allem ist Chi-Raq aber im Wettbewerb der Berlinale (wenn auch außer Konkurrenz) eine willkommene Abwechslung nach all dem üblichen trockenen Problemgewältze, den gefühlten Lehr- und Thesenfilmen. Weil ihm nicht nur seine Botschaft wichtig ist, sondern er dabei auch noch ordentlich auf die Pauke haut.

Chi-Raq auf der offiziellen Berlinale-Website

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