Berlinale Wettbewerb 2016: Des nouvelles de la planète Mars

by on 02/18/2016

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Philippe Mars (François Damiens) könnte im Grunde recht zufrieden sein. Gut, er ist geschieden, aber seine Exfrau ist ihm nicht Spinnefeind, die Kinder machen sich gut in der Schule, er hat einen Job und eine Wohnung, ab und zu gibt es ein Fahrstuhl-Schwätzchen mit den Nachbarn, so what’s to complain?

Wie immer in seinen Filmen erzählt Dominik Moll in seinem neusten Streich Des nouvelles de la planète Mars (News from Planet Mars) aus dem Leben einer Figur, für die irgendwie alles nicht so richtig läuft, wie sie sich das vorgestellt hat. Es gäbe wohl genügend Leute, die abends von der Arbeit kämen, sich gemütlich auf Philippes Couch setzen und sich mit ihrem kleinen Glück zufrieden geben würden. Wenn Philippe jedoch in seine Tagträume abgleitet, dann sieht er sich als Astronauten durch das Weltall schweben, denn unten auf der Erde scheint sich alles gegen ihn verschworen zu haben.

© Michael Crotto

© Michael Crotto

Mit Des nouvelles de la planète Mars hat Dominik Moll eine schwarze Komödie abgeliefert, die trotz ihrer gebeutelten Figuren so lockerleicht daherkommt, dass sie im Wettbewerb der Berlinale nur außer Konkurrenz laufen kann. Eine Brüssel-Korrespondentin kommt darin vor, die durch eine Wette dazu verdonnert wurde, irgendwie das Wort „Gurke“ in ihrem TV-Bericht unterzubringen, eine Tupperdose voller Frösche wird der Sezierung im Biologieunterricht entrissen und ein nerviger Chihuahua geht über den Jordan. Was witzig klingt, bedeutet für Philippe aber in erster Linie: Kontrollverlust, Störfaktoren, Chaos. Er begeht während des Filmes seinen 49. Geburtstag – doch wenn man Moll Glauben schenken darf, dann sagt das Alter im Grunde herzlich wenig über die Lebensfähigkeit einer Person aus. Philippe ist vielleicht der „normale“ Erwachsene im Haus. Das rettet ihn aber noch lange nicht vor dem Gefühl der kosmischen Leere und Verlorenheit. Tochter Sarah (Jeanne Guittet) ist da ganz anders. Sie verbringt den kompletten Tag mit Lernerei, um irgendwann nicht so zu enden wie ihr Vater. „Looser“ nennt sie ihn. Und sogar der pubertäre Sohn Grégoire (Tom Rivoire) entdeckt plötzlich mit dem Vegetarismus einen neuen Sinn in seinem Leben. Die Geister seiner Eltern erscheinen ihm nach ihrem Unfalltod in den unpassendsten Momenten – und dann taucht auch noch Jérôme (Vincent Macaigne) vor der Tür auf, der irre Arbeitskollege, der Philippe mit einem Beil das linke Ohr abgesäbelt hat – und lässt sich so einfach nicht abwimmeln.

Dominik Moll ist ein deutsch-französischer Filmemacher, Des nouvelles de la planète Mars ist aber zur Hälfte auch eine belgische Ko-Produktion und reiht sich damit ein in einen Trend der überaus erfreulichen Überraschungen aus unserem Nachbarland. Im vergangenen Jahr war zum Beispiel Jaco van Dormaels Das Brandneue Testament ein Highlight der Quinzaine des Réalisateurs in Cannes und auch auf der aktuellen Berlinale überrascht in der Sektion Panorama Bouli Lanners mit seinem Neo-Western Les premiers, les derniers. Gemein ist diesen Filmen, dass sie zwar von durchaus realistischen Szenarien ausgehen und diese auf den ersten Blick auch überaus dröge ins Bild setzen (entsättigte Farben und triste Settings, juchhe), dass sie es sich dann aber auch nicht nehmen lassen, mit surrealistischen oder gar märchenhaft magischen Brüchen zu spielen, um nicht einfach zum fünfzigsten Mal den gleichen Film über zerrissene Figuren und Alltagsbefindlichkeiten abzuliefern. Philippe Mars dabei zuzusehen, wie ihm alles entgleitet, entwickelt sich zu einem großen Spaß – und die Wettbewerbsfilme außerhalb der Konkurrenz zunehmend zu den eigentlichen Gewinnern der Berlinale 2016.

Des nouvelles de la planète Mars auf der offiziellen Berlinale-Website

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