Berlinale Wettbewerb 2016: Fuocoammare

by on 02/14/2016

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Samuele ist erst 12 Jahre alt, aber beim Arzt jammern kann er schon wie ein Großer. Manchmal fällt ihm das Atmen schwer und dann findet der Augenarzt auch noch heraus, dass er unter einem sogenannten „Trägen Auge“ leidet. Es kann rein technisch betrachtet zwar einwandfrei sehen, sendet aber die Signale kaum noch weiter ans Hirn. Der Regisseur Gianfranco Rosi ist ein Virtuose der wirkungsvollen Montage, aber manchmal hat eben auch so einer oben drauf noch Glück.

Das träge Auge, es lässt sich wunderbar als Metapher lesen – dabei war es purer Zufall, dass es während der Dreharbeiten bei Samuele diagnostiziert wurde. Bei Fuocoammare (Fire at Sea), einem der beiden Dokumentarfilme im Offiziellen Wettbewerb der Berlinale 2016, geht es nicht um das Portrait eines 12-jährigen Italieners, so charismatisch er auch sein mag. Worum es eigentlich geht, ist genau genommen gar nicht so ohne Weiteres zu sagen. Stellte man sich Filme bildlich als Kreise vor, so hätte Gianfranco Rosi in seinem letzten Werk Sacro GRA den äußeren Ring beschrieben (genauer den Autobahnring um die italienische Hauptstadt Rom) und nun den Mittelpunkt eines Ganzen. Den Brennpunkt, um es noch etwas plakativer zu benennen. Samuele bewohnt eine kleine, karge Insel im Mittelmeer, die seit ein paar Jahren fast täglich ihren Auftritt in den abendlichen Nachrichten hat. Aufgrund ihrer Lage nicht allzu weit entfernt vom afrikanischen Kontinent ist Lampedusa einer der beliebtesten Anlaufpunkte für die Schlepper, die täglich hunderte Menschen in meist viel zu instabilen Booten nach Europa übersetzen. Diese prekäre Lage verlangt der Insel und ihren Bewohnern einiges ab: sie müssen nicht nur die nötige Verwaltung stemmen, sondern auch das Elend vor der eigenen Haustür ertragen, das der Teil Europas ohne Mittelmeerküste zum blinden Fleck kultivieren kann.

© Berlinale

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Und so ist Fuocoammare streng genommen kein Film über Flüchtende, auch wenn das aktuelle Thema bei der stets um politische Relevanz bemühten Berlinaledirektion sicher gern gesehen wäre. Um Politik geht es Gianfranco Rosi aber dezidiert nicht. Es geht ihm um das Sichtbarmachen, das pure Zeigen. Deswegen gibt es in seinem Film auch keine Erklärstimme oder vergleichbare Eingriffe. Die Kamera folgt einfachen Leuten: Samuele und seinem besten Freund, die mit selbstgebauten Schleudern mit Vorliebe auf Kakteen schießen, denen sie vorher rudimentäre Gesichter geschnitzt haben. Oder zur Großmutter, die strickend im Sessel von alten Zeiten erzählt. Wie die meisten Männer Lampedusas sind auch Samueles Vorfahren allesamt Fischer. Wie hart das Leben und Überleben auf See sein kann, ist ihnen bewusst. Große Melancholie liegt folglich darin, wenn die Frauen der Insel in einer Radiostation anrufen, die auf Wunsch Schlager für die einsamen Fischer, Ehegatten und Söhne auf dem Meer spielt. „Fuocoammare“ heißt einer davon, noch so eine glückliche Metapher.

Man könnte an dieser Stelle die berechtigte Frage stellen, wieso Gianfranco Rosi von halbwüchsigen Kindern erzählt, von Schlagerradios und den Erinnerungen alter Frauen. Vor allem in der zunehmend ins Feindselige kippenden Stimmung in Deutschland werden auf diese Weise schnell Assoziationen an Kommentarspalten der sozialen Netzwerke wach, in denen es viel zu oft heißt: „Wir müssen doch auch mal an uns denken, Europa hat genug eigene Probleme, das wird man doch noch sagen dürfen.“ Warum kommen in Fuocoammare die Flüchtenden nicht zu Wort, warum werden sie nicht als Individuen inszeniert? An dieser Stelle kommt das so wichtige Motiv des trägen Auges ins Spiel. Lampedusa wird in Rosis Film gewissermaßen zu Europa in a nutshell. Mit Leuten, die im Angesicht der Krise einen unverzichtbaren Beitrag leisten (der Arzt Dr. Pietro Bartolo hält im Film das einzige Plädoyer für Verantwortungsgefühl und Menschlichkeit). Aber eben auch mit Leuten, die die Tatsache kaum in ihren Alltag eindringen lassen, dass sich vor ihrer Haustür eine humanitäre Katastrophe ereignet. Die deswegen keinesfalls von Grund auf schlecht sind, sich aber eben auch gefallen lassen müssen, zum Gegenstand einer kontroversen Auseinandersetzung zu werden. Für Samueles träges Auge immerhin gibt es eine Heilung: er muss die gesunde Seite abdecken, sich zum Sehen zwingen. Fuocoammare ist für diesen Lernprozess ein guter Anfang.

Fuocoammare auf der offiziellen Berlinale-Website

Kinostart: 28. Juli 2016

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