Berlinale Wettbewerb 2016: Hail, Caesar!

by on 02/11/2016
© Universal Pictures

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Wäre Hollywood eine Religion, so wäre Eddie Mannix (Josh Brolin) ihr Gemeindevorsteher. Der zwar pro forma das Sagen hat, aber irgendwie auch ein überarbeitetes Mädchen für Alles ist, wenn es darum geht seine Schäfchen zusammenzuhalten. Hail, Caesar!, der neue Streifen der Gebrüder Joel und Ethan Coen, eröffnet den Wettbewerb der Berlinale 2016. Hail, Caesar! ist aber zugleich auch der Titel eines Films im Film. Er ist das große Prestige-Projekt des Jahres für Capitol Pictures, das Studio, dem Eddie verpflichtet ist: er hält alles Böse von der Filmfirma ab, die Polizei und vor allem die Klatschreporter. Hail, Caesar!: ein Sandalenfilm, hunderte Statisten an Bord, die Geschichte Jesu aus Sicht eines Römers erzählt. Starbesetzt mit Baird Whitlock (George Clooney), der zu Beginn in einer Massenszene würdevoll über die Via Appia nach Rom einreitet.

Außerhalb des Sets ist „würdevoll“ aber nicht unbedingt ein Wort, das Baird sonderlich gut beschreibt. Vielleicht ist er schon ein paar Jährchen zu lange ein Schauspielstar; ernst nimmt er jedenfalls nichts. Aber dem dramaturgischen Konzept des Coen-Films folgend – erst einmal zu den übrigen Schäfchen, die hier das Hollywood der McCarthy-Ära bevölkern. DeeAnna (Scarlett Johansson) gelingt zwar das servilste Lächeln, wenn sie mit ihrer smaragdgrünen Meerjungfrauenflosse im Mittelpunkt eines Wasserballetts von Busby Berkeley-artigen Ausmaßen schwimmt. Hinter der Kamera fällt die glamouröse Star-Aura jedoch in sich zusammen. Plötzlich ist sie in erster Linie eine gestresste Frau, die einen Mann braucht, damit ihr uneheliches Kind ihr nicht Ruf und Karriere ruiniert. Hobie (Alden Ehrenreich) ist ein Westernstar im Imagewechsel-Prozess, der am Set eines Highbrow-Liebesdramas die Zähne nicht auseinander bekommt. Und Burt (Channing Tatum) ist der wiederauferstandene Gene Kelly mit einem düsteren Geheimnis.

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Erst einmal scheint so etwas wie ein Plot für Hail, Caesar! ausgesprochen unwichtig zu sein. Die Coen-Brüder nehmen uns mit auf einen Rundgang durch die Capitol-Studios, lassen uns mal an diesem Set schnuppern und mal an Jenem. Lassen uns Spaß an Referenzen haben, renommierte Schauspiellegenden in kleinen Gastrollen (Frances McDormand, Ralph Fiennes, Jonah Hill) entdecken und Materialfetischisten wie Industriegeschichtsforscher auf ihre Kosten kommen. Dass ihr Film dabei nicht zur schlichten Nummernrevue gerät, ist der ausgesprochen geschickten Anordnung all dieser Gestaltungselemente zu verdanken. Joel und Ethan lassen im Grunde kein Genre, keinen Epochalstil und keine Konvention aus, die im Hollywoodkino einmal eine Rolle gespielt hat. Da gibt es Musical-Einlagen, Slapstick-Gags, bis zum Erbrechen wiederholte Dialogsätze und natürlich auch den Becher mit vergiftetem Inhalt, der zum Gegenstand einer Verzögerungstaktik wird – bis Baird Whitlock ihn endlich an die Lippen führt und trinkt.

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Hier setzt nun auch der Haupthandlungsstrang des Filmes ein – und für Eddie, bei dem letztlich alle Fäden zusammenlaufen, bedeutet er Überstunden: der große Star des Films: gekidnappt! Und die Klatschreporter (wunderbar in ihrer Nebendoppelrolle: Tilda Swinton) kreisen bereits wie die Geier über dem Gelände. Setzt sich Eddie ins Auto, zieht er den Hut tief ins Gesicht, ein allwissendes Voice-Over setzt ein, die Beleuchtung nimmt ab und lange Schatten kriechen über den Bildschirm. Und wenn er einen Koffer mit Lösegeld platziert und diese Geste nicht spektakulär genug ist, um Spannung heraufzubeschwören, dann muss eben die nächste Tanzszene her, um das Publikum bei der Stange zu halten. Hollywoods durchaus manipulative Blendwerk- und Unterhaltungsmechanismen wissen die Coen-Brüder ganz genau zu benennen. Was sie aber nicht davon abhält, sie auch gebührend zu feiern und in liebevoll perfektionistischer Inszenierung wieder aufleben zu lassen: das Resultat ist zum Beispiel ein vergnügt homoerotisch aufgeladener Matrosen-Stepptanz mit Channing Tatum über Tischen und Bänken. Ob als Lückenfüller, als MacGuffin, als Bruch oder entscheidendes Handlungselement: jedes Stilmittel hat seine spezifischen Funktionen und erfüllt diese sogar – um einen wilden Referenzenritt durch die Kinogeschichte zu gewährleisten, aber auch, um Hail, Caesar! zu einem kohärenten und kurzweiligen Erlebnis werden zu lassen. Dass er dabei von Zeit zu Zeit seinem Publikum etwas weniger gedankliche Führung zutrauen dürfte – geschenkt.

Und Eddie? Von Selbstzweifeln geplagt wird auch er zur Plage für seinen zuständigen Gemeindevorsteher: obsessiv rennt er mindestens einmal am Tag in die Beichte. Mehr, um seine Fragen stellen zu können, denn definitive Antworten abzuwarten. Aber auf die braucht man in der Kirche ohnehin nicht zu hoffen, geschweige denn im Kino. Oder bei den Kommunisten.

Hail, Caesar! auf der offiziellen Berlinale-Website

Kinostart: 18. Februar 2016

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