Berlinale Wettbewerb 2016: Smrt u Sarajevu (Death in Sarajevo)

by on 02/15/2016

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Am Ende geht alles noch einmal gehörig über Kreuz. Die letzte Einstellung aus Smrt u Sarajevu (Death in Sarajevo) imitiert den typischen Look einer Überwachungskamera, die aus der Vogelperspektive in die Eingangshalle des Hotel Europa hinab blickt. Die charakteristisch flimmernden (und doch in ihrer Gleichmäßigkeit eindeutig nachträglich eingefügten) Streifen des Überwachungsbildschirms liegen quer zum dunklen Zickzackmuster, das den Boden des Foyers ziert. Noch querer zu den langen Schatten, die die tief stehende Sonne durch die Fensterrahmen wirft oder den Linien, die das Interior Design beschreibt.

Das optische Gewusel in der letzten Einstellung ist symptomatisch für den Schauplatz des Wettbewerbsfilm Death in Sarajevo von Danis Tanović, der vor zwei Jahren in seinem Drama Aus dem Leben eines Schrottsammlers auf dem Festival soziale Probleme seines Heimatlandes Bosnien-Herzegovina thematisierte. Das Land bleibt das Gleiche, die Probleme sind diesmal jedoch auf einer weniger persönlichen Ebene angesiedelt.

© Margo Cinema & SCCA:pro.ba

© Margo Cinema & SCCA:pro.ba

Die Filmemacher des Jahrgangs 2016 arbeiten sich mit Vorliebe an dem unübersichtlichen Gebilde namens Europa ab, dieser Trend lässt sich bereits nach einer knappen Halbzeit feststellen: Im Dokumentarfilm Fuocoammare lässt sich Europa zum Beispiel auf der Mittelmeerinsel Lampedusa wiederfinden, der Panorama-Essayfilm Europe, She Loves spiegelt die Fehler der Union im Alltag vier junger Paare wider und Tanović benennt kurzerhand das modernistisch erbaute Holiday Inn in der bosnischen Hauptstadt in Hotel Europa um. So verweist es auch gleich auf das gleichnamige Bühnenstück von Bernard-Henri Levy, das dem Film als lose Vorlage dient. Wir schreiben den 28. Juni 2014, den 100. Jahrestag des Attentates auf den Habsburger Prinz Franz Ferdinand und seine Gattin Sophie, das das Pulverfass Europa 1914 zum Überlaufen und den Ersten Weltkrieg ins Rollen brachte. Das finanziell in Schieflage geratene Hotel unter der Leitung seines Direktors Omer (Izudin Bajrović) wird zum Austragungsort der Jubiläumsfeierlichkeiten und somit auch – weil in Bosnien-Herzegovina alles zwei Seiten hat, wie uns die Figuren versichern – zu einem verminten Spannungsfeld, auf dem die unterschiedlichsten Interessen gegeneinander laufen.

Hotelfilme lassen sich mit ein wenig gutem Willen durchaus als ein eigenes Subgenre bezeichnen und blicken auf eine lange Tradition zurück. Hollywood entdeckte vor allem den potentiellen Prunk des Tropus für sich und das deutsche Nachkriegskino nutze wahlweise die Konventionen des Heimatfilms für ein wenig lauschigen Eskapismus oder auch die Mittel des Thrillers, um die angespannte Situation im eingekreisten Berlin bei Kriegsende zu verdeutlichen. Death in Sarajevo versucht sich hingegen an einer Schwarzen Komödie. Da gibt es auf dem Dach beispielsweise ein Fernsehteam, das versucht eine Gedenksendung zum 28. Juni zusammenzuklöppeln, hinter der Rezeption die ambitionierte Lamija (Snežana Vidović), die unbedingt den Laden zusammenhalten will, und unten in der Wäscherei ihre Mutter Hatidza (Faketa Salihbegovic-Avdagic), die nach Monaten ohne Lohn mit einigen Kollegen in den Streik zu treten plant. Hinter all den zwischenmenschlichen Querelen lässt Danis Tanović unentwegt die Parabelhaftigkeit seiner Geschichte durchscheinen. Die Figuren stehen für den nach wie vor schwelenden Konflikt zwischen Serben und Kroaten (für Erste gilt der Attentäter von 1914 mehrheitlich als Held, für Letztere als Terrorist), für Generationenkonflikte innerhalb des Landes oder den ambivalenten Blick in Richtung Brüssel.

Seine eigentlichen Stärken entfaltet Death in Sarajevo aber in der Rauminszenierung. Der Film spielt an einem einzigen Tag in einem einzigen Gebäude und entwickelt dabei doch eine bemerkenswerte Vielschichtigkeit. Überwachungskameras und die Bildschirme am anderen Ende ihrer Leitung fragmentieren den Raum perspektivisch, die Kamera folgt den Figuren durch labyrinthartige Gänge bis zum Orientierungsverlust und die ständigen Dysfunktionalitäten des Hauses sorgen für Galgenhumor. Manche der Figuren würden sich ja schon freuen, wenn sie in dem vermeintlich ersten Hotel am Platz einen funktionierenden Fahrstuhl oder Wasserhahn finden würden. In Europa ist eben nichts einfach. Aber wie die letzte Einstellung des Films beweist, hat das auch durchaus seine schönen Seiten.

Death in Sarajevo auf der offiziellen Berlinale-Website

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