Berlinale Wettbewerb 2016: Soy Nero

by on 02/17/2016

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Der trockene Streifen Land an der Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten hat in Filmen über die Jahre ikonischen Status erreicht. Jeder erkennt sofort die wüstenähnliche Einöde mit den kleinen, gedrungenen Büschen, zwischen denen der junge Mann (Johnny Ortiz) von zwei Grenzpolizisten geschnappt wird.

Cop: Name?
Mann: Maldonado.
Cop: Vorname?
Mann: Nero.

Dieser Dialog wird sich in Soy Nero noch diverse Male wiederholen. Nero ist in den USA aufgewachsen und wurde trotzdem mit seiner Familie nach Mexiko zurückgeschickt. Von seinem Ziel lässt er sich aber nicht abbringen: er will zurück nach South Central, Los Angeles, wo sein Bruder mittlerweile lebt. Beim zweiten Anlauf klappt die Grenzüberquerung schließlich, Nero darf im Auto eines Amerikaners mitfahren und erzählt seine Geschichte.

Nero: „Ich bin ein Dream Kid.“
Seymour (Michael Harney): „Was meinst du?“

Nero muss erklären, denn der von Präsident Bush im Zuge des Patriot Act eingeführte Dream Act ist weniger bekannt, doch das Prinzip so einfach wie perfide: wer sich bereit erklärte, für die USA in den Krieg gegen den Terror zu ziehen, dem wurde nach dem Einsatz der Erhalt der ersehnten Greencard in Aussicht gestellt, tot oder lebendig. Das ist Neros Plan, vorzugsweise lebendig.

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© Berlinale

Soy Nero von Rafi Pitts ist jenen Soldaten gewidmet, die nach ihrem Dienst an der Waffe dennoch wieder in ihre Heimatländer deportiert wurden. Im Mittelpunkt seines Films steht aber nur ein Einzelner: Nero. Die Kamera folgt ihm auf seinen verschlungenen Wegen und lässt das Drama  erzählerisch nach dem Prinzip eines Roadmovies funktionieren; eine Station nach der Anderen. Der entscheidende Unterschied ist, dass hier nicht der Weg das Ziel ist, sondern für den Protagonisten lediglich Mittel zum Zweck. Und so wirken im Nachhinein die einzelnen Phasen des Films etwas lieb- und zusammenhanglos. Es verschlägt Nero in das Auto des paranoia-anfälligen ehemaligen G.I. Seymour, führt ihn zu seinem Bruder nach Beverly Hills und schließlich auf die andere Seite: an einen Checkpoint irgendwo im Nirgendwo des Mittleren Osten. Diese Niemandsländer, sie sind ausgesprochen prominent in Soy Nero. Ob die mexikanische Einöde oder die mutmaßlich Afghanische (genau wird das nie benannt): immer stehen darin Männer in Uniformen herum, die irgendwie die Macht unter sich aufgeteilt haben und sich nicht scheuen sie auszuspielen. Und immer kommen früher oder später Menschen dazu, die diese Macht entweder gewaltsam herausfordern oder keine andere Wahl haben als sich ihr zu unterwerfen und dann selbst zu Opfern zu werden.

Rafi Pitts inszeniert starke Momente, wenn er diese kargen Niemandsländer mit Affekten auffüllt. Das beginnt am Grenzzaun am Strand zwischen Mexiko und den USA, der von Jugendlichen auf beiden Seiten als Volleyballnetz zweckentfremdet wird. Es setzt sich fort in einer Szene des freudigen Überschwangs, als Nero an Neujahr den in der Totale unendlich weit anmutenden Grenzstreifen überquert, den Moment der Ablenkung nutzt und der Patrouille davonrennt. Donner und Blitze des Feuerwerks scheinen sich direkt aus der eigenen Anspannung heraus zu entladen, als klar wird: er schafft es tatsächlich – und die Lichter sich zu einem Ausdruck der Euphorie entwickeln.

Aber dennoch: trotz der dem Film inhärenten und berechtigten kritischen Perspektive, trotz ergreifender Momente und zunehmender Sympathie für den Protagonisten mischt sich auch ein zartbitterer Nachgeschmack in den Eindruck von Soy Nero. Rafi Pitts macht es sich manchmal ein wenig einfach, wenn es darum geht, seiner eigenen Position zuzuarbeiten. So wunderbar sich die Ödnis auch eignet, um das unglückliche Dazwischen einer Figur zu inszenieren – schwierig wird das Ganze, wenn dann der Rückzug auf Stereotype erfolgt. Der Regisseur gibt sich immerhin noch Mühe, in wenigen Sätzen die Skelette von Neros Kameraden mit Fleisch zu füllen. Den Afghanen kommt jedoch vor allem die Rolle der gesichtslosen Terroristen zu. In dieser Art, an einen Ort zu fahren und seine Beschaffenheit – sei sie real oder nicht – zur Illustration eigener Probleme zu nutzen, liegt unterschwellig doch wieder etwas sehr Amerikanisches.

Soy Nero auf der offiziellen Berlinale-Website

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