Berlinale Wettbewerb 2016: Zjednoczone stany miłości (United States of Love)

by on 02/19/2016

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In einem Plattenbau zu leben kann durchaus melodramatische Züge tragen. Die sozialistische Bauweise bringt es mit sich: der Nachbar ist irgendwie immer da. Er ist durch die dünnen Wände zu hören, seine Schritte hallen im leeren Treppenhaus wieder, in dem unten im Erdgeschoss der Putzplan hängt – und wehe, einer hält sich nicht dran. Eine Plattenbausiedlung in Polen ist es auch, die den Schauplatz von Zjednoczone stany miłości (United States of Love) bildet. Sie scheint mitten im Nirgendwo zu stehen, eine Zusammenkunft grauer Betonblöcke inmitten unwirtlicher Felder, gefrorener Flüsse und eines endlos weißen Himmels. Wie eine Ufo-Struktur, die sich einen etwas abseitig gelegenen Landeplatz ausgesucht hat.

Bis auf die umliegenden Felder verlassen wir dieses Plattenbaukonstrukt niemals. Aber wieso sollten wir auch – es ist ja alles vorhanden. Es umfasst – ganz wichtig – eine kleine Kapelle, eine Videothek, eine Schule, einen Gymnastikraum und ein Hallenbad. Man kennt sich untereinander, die Männer aus der nahe gelegenen Fabrik, die Frauen aus den übrigen Berufen. Iza (Magdalena Cielecka) ist die Direktorin der frisch umgetauften Solidarność-Schule, ihre Schwester Marzena (Marta Nieradkiewicz) eine ehemalige Schönheitskönigin und Gymnastiklehrerin. Im Treppenhaus lernt sie eines Abends Renata (Dorota Kolak) kennen, die einsame Polnischlehrerin kurz vor der Pensionierung, und dann gibt es da noch Agata (Julia Kijowska), eine junge Ehefrau und Mutter.

© Oleg Mutu

© Oleg Mutu

Erste Szene: Wir schreiben das Jahr 1990, irgendwo zwischen Ängsten und großen Hoffnungen für die Zukunft. Entsättigte Farben. Die Frauen und ihre Männer sitzen gemeinsam am Abendbrotstisch. Es herrscht Feierlaune, sogar Eierlikör und Fanta stehen bereit, und tagsüber gab es Markenjeans zu kaufen. In dieser Sequenz bleibt noch völlig unklar, welche der Figuren sich die Kamera zur näheren Untersuchung herauspicken wird. Später entwickelt sich Zjednoczone stany miłości (United States of Love) gewissermaßen zu einem Episodenfilm, der sich nach und nach den vier Frauen, ihrem Leben und Leiden widmet. Gerade im abgeschlossenen Raum der Plattenbausiedlung könnte dieses Vorgehen die Züge einer Seifenoper tragen, wenn es nur nicht so ungeheuer trist und freudlos wäre. Iza führt eine zum Scheitern verurteilte Affäre mit dem Vater einer ihrer Schülerinnen, Marzena vermisst ihren in Deutschland arbeitenden Mann und die aufregende Arbeit als Model, Renata sucht krampfhaft nach zwischenmenschlicher Nähe und Agata probiert den Ausbruch aus ihrer unglücklichen Ehe, indem sie ein Auge auf den örtlichen Priester wirft.

Der Wettbewerbsbeitrag von Tomasz Wasilewski fühlt sich trotz seiner nur 104 Minuten Laufzeit unendlich lang an. Das liegt allerdings nicht unbedingt an einer zähen Dramaturgie, sondern scheint vielmehr für das Filmerleben intendiert zu sein. Als Zuschauer werden wir dazu verdonnert, mit Iza, Marzena, Renata und Agata mitzuleiden. Aber nicht etwa über die Identifikationsschiene à la Hollywood. Sondern vielmehr, weil die nüchterne Inszenierung, das Setting, die Gefühlskälte der Männer, die Eintönigkeit der Tage uns am eigenen Leib nachempfinden lassen, was auch die vier Protagonistinnen wahrnehmen. Ostalgiker beschwören gern das Gefühl der Gemeinschaftlichkeit und Solidarität der Nachbarn zu Sowjetzeiten. Die Figuren in Zjednoczone stany miłości (United States of Love) scheinen allerdings eher in einer postsozialisten Wartegemeinschaft ohne Ende gefangen zu sein. Ohne so recht zu wissen, worauf sie warten und ob es sich lohnen wird. Das ist für alle Beteiligten schwer zu ertragen, unter den Figuren wie im Publikum. Typisch für United States: ein Traum existiert, nur an der Umsetzung hapert es so oft.

Zjednoczone stany miłości (United States of Love) auf der offiziellen Berlinale-Website

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