Beware of Mr. Baker – Eine ernstzunehmende Warnung

by on 04/15/2014
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Der Titel ist eine Warnung, die nicht von ungefähr kommt. Nähert sich der geneigte Musikfan, Autogrammjäger, Finanzbeamte oder Dokuregisseur dem Anwesen des legendären Mr. Baker in Südafrika, dann empfängt da direkt hinter dem Eingangstor das Schild mit der Aufschrift in riesigen Lettern den wahrscheinlich nicht sonderlich willkommenen Besucher: Beware of Mr. Baker. Ginger Baker ist gemeint, Teufelsdrummer wird er genannt. Und das weder ausschließlich wegen seines Könnens, noch wegen der wilden roten Haare, die er zu seinen besten Zeiten trug. Sondern hauptsächlich deswegen, weil wirklich niemand den Mann zum Feind haben will. Wobei es noch nicht mal seine Freunde leicht mit ihm haben.

Die Geschichte von Ginger Baker ist zu irre, um sie vollständig wiederzugeben und in komprimierter Form wird man ihm nicht gerecht. Beeinflusst von den besten Jazztrommlern startete der Engländer früh seine Karriere, heiratete insgesamt vier Mal und setzte diverse Kinder in die Welt, die allesamt mit ihm brachen, er füllte mit den Bands Cream und Blind Faith Hallen, trieb Eric Clapton in den Wahnsinn und beeinflusste eine ganze Generation späterer Drummer, baute ein Studio in Nigeria auf, als sich sonst niemand hintraute, jammte mit Fela Kuti, ruinierte sich beim Polospiel, lebte zeitweise in einem Haus ohne Strom und fließendes Wasser in den Bergen von Italien und kämpft sein ganzes Leben lang mal mehr, mal weniger erfolgreich gegen die harten Drogen. Ein solches Leben prädestiniert natürlich dazu, dass im entsprechenden Film allerhand Menschen zu Wort kommen, die selbst so ihre Anekdoten in der Hinterhand haben. Aber wenn dich sogar Typen wie Lars Ulrich, Carlos Santana oder Johnny Rotten für verrückt halten, dann musst du wirklich ein Teufel sein.

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Beware of Mr. Baker ist tatsächlich genauso ein wirrer und aufregender Mix wie sein Protagonist selbst. Da sind seine Weggefährten, die sich manchmal allem Anschein nach nicht so recht zwischen Bewunderung und Abscheu entscheiden können, da sind handgezeichnete Animationen, die Baker in einer metaphorischen Höllenwelt zeigen, alte Fotos und Archivaufnahmen nebst Interviews mit dem Schlagzeuger höchstpersönlich. Es ist eine interessante Balance, die Regisseur Jay Bulger in seinem Dokumentarfilm aufrecht erhält. Obwohl er selbst den Entstehungsprozess des Films dokumentiert und gleich zu Beginn freimütig seine Faszination für Baker eingesteht, ist sein Werk keine demutsvolle Beweihräucherung, sondern zeigt vielmehr mit gebotenem Respekt und Ehrlichkeit die ausgesprochene Ambivalenz der Hauptfigur.

Es ist schon bezeichnend, dass Ginger Baker mit seinen verbliebenen Polopferden sehr viel liebevoller umgeht als mit seinen Mitmenschen. Viel bezeichnender jedenfalls, als die gelegentlichen Ausflüge in die Psychoanalyse, die Jay Bulger zaghaft wagt. Als er mit seiner filmischen Chronik in den späteren Jahren des Künstlers ankommt, lässt es sich nicht vermeiden, dass Beware of Mr. Baker ein bisschen ins Hängen kommt, nach dem wilden Ritt der ersten Stunde. Irgendwie ist das ja auch durchaus passend, denn Baker selbst ist im Alter eigentlich nur noch ein Schatten seiner selbst. Ein knurriger alter Mann, chronisch pleite, der mit den meisten Menschen aus seiner Vergangenheit nichts mehr zu tun haben will, der von musikalischem Timing redet und im Leben jedes Feingefühl vermissen lässt, der mit seinem Gehstock droht, wenn jemand nicht nach seiner Pfeife tanzt und Kritik an seiner Person fast nie gelten lässt. Nur wenn er am Schlagzeug sitzt, ist wieder ein breites Lächeln in seinem Gesicht zu sehen, dann feuert er geniale Trommelsalven ab und sieht aus, als fände er seinen inneren Frieden. Es ist immer ein wenig schade, wenn ein Genie von solchem Kaliber ein spätes Leben führt, das manche Beobachter vielleicht als würdelos oder zumindest als nicht mehr angemessen bezeichnen würden. Beware of Mr. Baker findet auf diese Ansichten eine ausgewogene Antwort; einen guten Weg, um mit dem schwierigen Typen umzugehen, der hier im unangefochtenen Mittelpunkt steht. Aber die Warnung ist durchaus ernst zu nehmen.

DVD-Verkaufsstart: 17. April 2014

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