Beyond the Lights – Die Selbstfindung eines rehäugigen Popwesens

by on 06/02/2015

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© Universal

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Kleine, dünne Engelchen mit glänzend blonden Haaren und in flatternden Kostümchen lassen auf der Bühne Hoola-Hoop-Reifen kreisen oder jonglieren. Und dann kommt da dieses schüchterne Mädchen in Jeans und T-Shirt und mit krisseligen Haaren auf die Bühne, stellt sich hinter das Mikrofon und singt mit erstaunlich starker Stimme Nina Simones Klassiker Blackbird. Am Ende wird es nur für den zweiten Platz des Talentwettbewerbs reichen.

Es ist dies nicht ganz der Beginn von Beyond the Lights. Zuvor haben wir gesehen, wie eine gestresste Mutter (Minnie Driver) ihre Tochter in einen bereits geschlossenen Frisiersalon zieht, um irgendwie ihre wilden Haare zu bändigen. Nach dem Gewinn des zweiten Platzes muss Noni ihre Trophäe wegwerfen. Da ahnen wir schon, dass ihre Mutter sich nicht nur über die Juroren ärgert. Mit ebenso viel Argwohn scheint sie auch die drahtigen Locken ihrer Tochter zu beäugen.

Mit Beyond the Lights hat die Regisseurin Gina Prince-Bythewood einen Film gedreht, der Überwindung erfordert, um ihn in den DVD-Player zu werfen. Zu viel könnte schief gehen, zu platt klingt die Inhaltsangabe. Zeitsprung – Gegenwart. Noni (Gugu Mbatha-Raw) hat es geschafft. Nun ja, beinahe. Ihr erstes Album steht erst kurz vor der Veröffentlichung, die Paparazzi jagen hinter dem Popstar aber schon unablässig hinterher und gemeinsam mit ihrem Rapper-Freund Kid Culprit (Richard Colson Baker) läuft Noni auf den Musiksendern rauf und runter. Ihr perfektes Kamera-Lächeln lässt sich in Sekunden an-, aber auch wieder ausknipsen. In einer ruhigen Minute will sich die junge Frau vom Balkon ihrer Luxussuite stürzen und einzig dem beherzten Eingreifen des Polizisten Kaz (Nate Parker) ist es zu verdanken, dass Noni alle Kräfte zusammennimmt und sich doch wieder zurück auf ihre Terrasse ziehen lässt.

Gugu Mbatha-Raw ist in ihrer Rolle der Popwesenmischung aus Rihanna und Keri Hilson mit extra großen, feuchten Rehaugen perfekt besetzt. Lila-pastellige Wellen umschmeicheln nun ihr Gesicht und in ihren knappen Röcken und extravaganten Kleidern würde sie auf der Bühne der MTV-Music Awards tatsächlich nicht als fehl am Platz auffallen. Und noch immer klingt diese Beschreibung nicht vielversprechend. Ist Beyond the Lights im besten Falle seichte Schmonzettenunterhaltung oder, was noch viel schlimmer wäre: nichts weiter als die mit Pailletten und Hip Hop-Beats aufgehübschte Geschichte der damsel in distress? Eine Anbiederung an die Zielgruppe MTV-konditionierter Teenager, die ihre halb nackte Hauptfigur genauso ausbeutet, wie es laut Inhaltsangabe ihre Mutter zu tun scheint?

© Universal

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Dreht sich die DVD erst einmal im Player, sind solche Ängste vielleicht nicht umgehend ausgeräumt, aber doch fürs Erste in Schach gehalten. Es gibt sie durchaus, diese überzeichneten Momente, in denen sich Noni und Kaz mindestens zehn Sekunden zu lang in die Augen schauen und es Gina Prince-Bythewood mit der Romantik ein wenig zu übertreiben tendiert. Abgesehen von einigen stilistischen Ausrutschern hat sie mit Beyond the Lights aber einen Film gedreht, der nicht nur überaus kurzweilig die Minuten verstreichen lässt, sondern auch clever den roten Teppich beiseite zieht, um die darunter liegenden Abgründe im Showgeschäft zu enthüllen. „Manchmal haben wir es im Job mit der schlimmsten Sorte Menschen zu tun“, seufzt der Polizist Kaz und Noni könnte im Grunde das Gleiche sagen. Im Film wird kein völlig überzeichnetes Bild des Popgeschäfts gezeichnet, das seine Protagonisten zu groben Karikaturen werden lässt wie in Satiren à la Zoolander. Auch wenn Prince-Bythewood Musikvideos inszeniert (die sich im Menü übrigens auch einzeln unter den Extras anwählen lassen), verlässt sie sich nicht auf die verfremdenden Effekte der unverhältnismäßigen Übertreibung ins Lächerliche, so wie es Paolo Sorrentino in seinem neuen Film Youth mit der Sängerin Paloma Faith anstellt. Es sorgt eher für subtile Ironie, dass wir Beyond the Lights einen gewissen Realismus unterstellen können – in der Imitation einer Industrie, die auf nichts Anderes abzielt als die möglichst glamouröse Illusion von unerreichbarer Perfektion. Die das Versprechen eines ausnahmslos sorgenfreien Lebens aber nur allzu selten einhalten kann.

Im Zuge dieser Imitation bleibt es nicht aus, Noni auch als Opfer ihrer Umgebung zu zeigen. So gibt es eine herzzerreißende Szene, in der ihre Mutter ihr mit nur einem Blick zu verstehen gibt, dass sie im Fotoshooting gefälligst ihre Klamotten abzulegen hat, wenn sie es aufs Cover schaffen will, und auch Kid Culprit erweist sich im Umgang mit Exfreundinnen nicht gerade als ein feinfühliger Gentleman. Gina Prince-Bythewood beschreitet in solchen und vielen anderen Sequenzen einen schmalen Pfad – und beweist, dass sie die Kunst der Balance beherrscht. Statt die Kamera draufzuhalten und Gugu Mbatha-Raw als nacktes Verkaufsargument für ihren Film zu missbrauchen, schwenkt sie stets im richtigen Moment weg und inszeniert weniger die Frau als vielmehr die gierigen Blicke auf sie.

Am Ende ist Beyond the Lights nicht mehr in erster Linie ein Film über einen Popstar, sondern ein Film über eine Frau, die mühsam zu ihrer eigenen Stimme und ihrer Identität zurückfindet. Die die lila Extensions los wird und wieder ihren krisseligen Lockenkopf darunter zum Vorschein kommen lässt.

DVD-Veröffentlichung: 25. Juni 2015

Pressespiegel auf film-zeit.de

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