Birdman – Die unerbittliche Frustration der Ahnungslosigkeit

by on 10/01/2014
© 20th Century Fox

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Vor zwei Jahren hatte ich einen kleinen Auftrag, bei dem ich hinter den Kulissen einer Theaterbühne verschwinden durfte. Angeheuert war ich als Backstage-Filmerin für den Auftritt einer Tanztheatergruppe, die alle möglichen Tanzstile zusammenbrachte. Einen ganzen Abend bin ich also in Künstlergarderoben und Technikräumen, in schwach beleuchteten Gängen und Kulissen herumgestreunt, um die Künstler bei den Proben, ihren Vorbereitungen und dem Auftritt zu filmen. Das war toll, zumal ich selbst nicht unter Lampenfieber leiden musste, sondern einfach als stille Beobachterin hinter der Bühne und meiner Kamera verschwinden konnte.

Vielleicht ging es ja so ähnlich auch dem Kameramann in Birdman. Beziehungsweise in Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit, wie der Film sich mit vollem Titel stolz nennt. Ein so prominenter Titel schreit natürlich danach auseinandergenommen zu werden. Ahnungslosigkeit, das impliziert, jemand habe keinen blassen Schimmer, was er tut. Oder denkt. Oder in Zukunft tun wird. Vielleicht gesteht er sich aber auch gar nicht ein, das er keine Ahnung hat, denn das wäre ja durchaus beunruhigend. Riggen Thomson (Michael Keaton) hat eine Stimme im Kopf, die ihm sagen will, was er zu tun hat. Es ist die Stimme der Figur, die er vor Jahren erfolgreich in einigen Blockbustern gespielt hat: Birdman ist ein unfehlbarer Superheld, stark, dynamisch, des Fliegen mächtig. Aber die Zeiten sind vorbei. Sicher, Thomson wird auf der Straße noch immer als Vogelmann angesprochen. Für einen Künstler mit großen Ambitionen ist das aber gar nicht so günstig, und seit er vor Jahren den vierten Teil des Franchises absagte, flog er aus den oberen Rängen des Hollywood-Olymps. Gerade inszeniert der alternde Schauspieler sein erstes Stück am Broadway – die volle Verantwortung, das volle Risiko. Zudem hat er hinter der Bühne mit allerlei nicht minder exzentrischen Persönlichkeiten zu kämpfen. Seine Tochter Sam (Emma Stone), frisch aus der Entzugsklinik kommend, arbeitet für ihn als Assistentin, seine Freundin Laura (Andrea Riseborough) will Aufmerksamkeit, Theater-Debütantin Lesley (Naomi Watts) braucht Zuspruch und der Schauspieler Mike Shiner (Edward Norton) hat das größte Ego unter der Sonne.

Wenn Regisseur Alejandro Gonzáles Inárritu in den letzten Jahren etwas gemeistert hat, dann die Darstellung tiefen menschlichen Elends. Birdman kommt wesentlich temporeicher und weniger melodramatisch daher als seine früheren Filme, deswegen gibt es aber nicht weniger böses Blut. Die Inszenierung des Stückes What We Talk About When We Talk About Love erweist sich für Riggen nämlich als ein absoluter Alptraum. Nicht so für uns Zuschauer, denn zumindest stilistisch ist das Werk eine wirkliche und wahrhaftige Wucht. Eine scheinbar grenzenlos bewegliche Kamera folgt den Akteuren, verschmilzt mit ihnen wie bei einem wildgewordenen Darren Aronofsky, lässt die Szenen erscheinen wie in einem einzigen, langen Take gedreht. Dazu scheppern die Jazz-Drums von Antonio Sanchez und kreieren eine angespannte, wie besessene Stimmung, die all jenen bekannt vorkommen dürfte, die sich auch von Damien Chazelles Whiplash schon mit Freuden vereinnahmen ließen. Sogar eine blockbusterartige Szene mit Explosionen und der schönsten CGI-Materialschlacht ist ein Augenschmaus und so treffend imitiert, dass sie auch aus einem Superheldenfilm unserer Zeit stammen könnte.

© 20th Century Fox

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Aber vielleicht liegt darin auch ein Problem von Birdman. Die Imitation ist einfach zu gut. Wer Michael Keaton sich anderthalb Stunden lang in seinem Selbstmitleid suhlen gesehen hat, freut sich irgendwann über ein paar rasante Explosionen. Sicher, das mag gewollt sein. Aber immer wieder geraten Inárritus Allegorien und Metaphern arg plakativ, spielen etwas zu eifrig Hoch- gegen Populärkultur aus und neigen zur Übertreibung. Als Höhepunkt sticht eine biestige Theaterkritikerin (Lindsay Duncan) hervor, die Riggen verspricht, sein Stück totzuschreiben, obwohl sie es noch nicht einmal gesehen hat. Manchmal mögen Ressentiments gegenüber Kritikern ja durchaus gerechtfertigt sein, derartige Grabenkämpfe entspringen dann aber doch eher der paranoid angehauchten Fantasie einer zarten Künstlerseele als der gegenwärtigen Realität. Ich wage zu behaupten, dass Birdman vor allem für jene Zuschauer ein großer Spaß sein wird, die selbst im weitesten Sinne etwas mit der Kulturszene, mit dem Film- und Theatergeschäft, den sonstigen Medien oder dem Feuilleton am Hut haben. Einem Insider werden die selbstreferenziellen Gags und vielleicht auch die Gefühlswelt Riggens sich ohne Weiteres erschließen.

Wenn aber die Tragikomödie mit dem Problem des Kunstbegriffs auch ein extrem komplexes Thema verhandelt, so stellt sich mir die Frage, was sie eben jener Debatte tatsächlich beizutragen vermag. Der Film entsteht in einer Zeit, in der die mediale Selbstzerfleischung offensichtlich in Mode gekommen ist. Maps to the Stars erkundet die abgründigen Seelen Hollywoods, Clouds of Sils Maria meditiert über Vergängliches und Ewigkeit, The Humbling tariert laut filmosophie Auffassungen von Realität und Performanz aus. Birdman ist all das. Aber am Ende ging es mir ähnlich wie bei meinem Tanztheater-Auftrag: ich hatte viel Schönes und Faszinierendes gesehen – verließ nach der Aufführung das Gebäude und war natürlich trotzdem nicht plötzlich eine Theaterkennerin. Während ich den Cronenberg-Streifen noch am ehesten als bloße Abrechnung mit der alten Traumfabrik sehen kann, weigere ich mich, diese Ansicht bei den übrigen Werken gelten zu lassen. Dazu sind sie dann doch zu differenziert erzählt, und auch nicht resignativ genug. Machen sie sich vielleicht sogar lustig über Filmkünstler alten Schlags, die in ihrem Kulturpessimismus und ihrer Verklärung vergangener Zeiten einfach nicht wahrhaben wollen, dass die Nachfolger ihnen die Butter vom Brot nehmen und das eben einfach so sein muss? Für mich bleibt die Frage vorerst ungeklärt. Die unerbittliche Frustration der Ahnungslosigkeit eben. Alejandro Gonzáles Inárritu öffnet den Vorhang zu zwei Stunden intelligenter, gewitzter Unterhaltung – und sogar mehr als das. Aber eine Offenbarung bietet er nicht.

Kinostart: 15. Januar 2015

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