Bizarre – Oder einfach leer

by on 02/08/2015

Das Programm des Berlinale-Panoramas ist sehr durchwachsen in diesem Jahr, wie immer eigentlich. Und wahrscheinlich muss das auch so sein, damit man die Perlen mehr zu schätzen weiß, aber auch, damit wirklich für Jeden etwas dabei ist. Bizarre gehört aber zu jenen Filmen, bei denen ich mich einmal mehr frage, wie sie es in das Line-Up eines so renommierten Festivals schaffen konnten. Nicht jedes Werk der Berlinale muss gleich ein Meisterwerk sein. Es reicht eigentlich schon eine herausragende Herangehensweise, damit ein Film im Rahmen eines Festivals sehenswert wird oder eine Besonderheit darstellt.

Bizarre ist eine merkwürdige Mischung aus Coming of Age, SM-Erotik und Thriller und das hört sich erst einmal durchaus nach etwas Besonderem an. Zumindest im Vergleich zu den meisten Filmen, die regulär in den Multiplexen des Landes laufen. Es erzählt von Maurice (Pierre Prieur), einem jungen Franzosen, der sich auf den Straßen von Brooklyn durchschlägt, bis er eines Tages von einer jungen Frau namens Betty (Rebekah Underhill) angesprochen wird. Sie und ihre Freundin Kim (Raquel Nave) betreiben eine Bar, in der jeden Abend exzentrische SM-Performances und Burlesque-Shows abgehalten werden. Wenn er am Tresen mithilft, darf er bei ihnen kostenfrei ein Zimmer beziehen. Maurice willigt ein, taucht in eine ihm bisher fremde Welt ein, schließt neue Freundschaften und eigentlich könnte so alles perfekt sein. Wäre da nur nicht dieses permanente Gefühl einer unterschwelligen Bedrohung.

© Berlinale

© Berlinale

Der französische Regisseur Étienne Faure ist ein großer Freund des Kreierens von Stimmungen. In einem Film ist das durchaus etwas wert. Nachmittage auf einem lichtüberfluteten Dach, Spaziergänge am Strand, Tauben füttern, Basketball spielen mit den Jungs aus der Nachbarschaft und immer wieder diese Performances in dunkelrotem Licht, die zwischen Reiz und Gewalt changieren. Solche musikvideoartig zusammengeschnittenen Bild- und Toncollagen laden dazu ein, sich in den audiovisuellen Strom fallen zu lassen. Nur kann das leider noch nicht alles gewesen sein, bei einem über anderthalbstündigen Spielfilm. Faure verlässt sich viel zu oft auf seine Stimmungen und vernachlässigt dabei grundlegende Bausteine. Als wir das erste Gespräch zwischen Maurice und Betty wegen all der Nebengeräusche nicht hören können und die eigene Fantasie die Lücke schließen muss, wirkt das vielleicht noch charmant. Je länger der Film läuft, wird jedoch klar, dass völlig unverständlich bleibt, worauf der Regisseur mit Bizarre eigentlich hinaus will – und das auf stilistischer sowohl als auch auf inhaltlich repräsentativer Ebene.

Das liegt daran, dass die Geschichte dramaturgisch recht ziellos vor sich herplätschert, dass wir im einen Moment amateurhafte Videoästhetik präsentiert bekommen und im Nächsten schon eine dem Protagonisten folgende Kamera à la Aronofsky. Es liegt daran, dass Étienne Faure einerseits rein gar nichts erklärt (Woher kommt Maurice? Was ist eigentlich sein Problem? Wovor fürchtet er sich und tut er das zurecht? Warum nehmen die Mädchen ihn eigentlich auf? Und was soll der immer wieder angedeutete Handlungsnebenstrang über die finanziellen Probleme der Bar?), seinen Film aber andererseits mit bedeutungsschwangeren Symbolen hoffnungslos überlädt. Ungewöhnliche Sexpraktiken, groteske Masken, Rotlicht und opernhafte Arien verschwimmen zu Albtraumszenarien, bunt eingefärbte Aufnahmen von Wellen und Überblendungen geben den artsy touch und zwischendurch müssen Messerspielerein zwischen den Jungs als einzige Form der Spannung herhalten bis letztlich alles in einem trashig überzeichneten Ende kulminiert.

All das führt dazu, dass wir am Ende dasitzen und uns die überaus verhasste Frage stellen müssen, denn es geht einfach nicht anders: Was zum Teufel will uns der Regisseur damit sagen? Mit dieser unsteten Mischung aus Prätention und Schlampigkeit, die Bizarre letztlich völlig leer erscheinen lässt. Étienne Faure assoziiert ein queeres Fetisch-Milieu durch seine anspielungsreiche Inszenierung mit moralischem Verfall, scheinbar sinnloser Gewalt und dekadenter Oberflächlichkeit, mehr nicht. Sympathisch macht ihn das nicht gerade – und sein Werk auch nicht. Ein Film, auch ein Festivalfilm, ist keine heilige Kuh. Er darf, nein, er soll sogar extraordinär sein, unkonventionell, radikal, streitbar und gerne auch bizarr – aber nicht, bitte nicht leer.

Bizarre auf der offiziellen Berlinale-Website

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