Boyhood – Experiment, Kunstwerk und Zeitdokument

by on 05/27/2014

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© Universal Pictures

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Mit seiner Filmreihe Before Sunrise, Before Sunset und jüngst Before Midnight hatte Richard Linklater bereits ein filmisches Experiment hinter sich. Die Geschichte zweier Figuren wird mehr oder weniger in Echtzeit nachvollzogen und an das tatsächliche Alter der Hauptdarsteller Ethan Hawke und Julie Delpy gebunden. Wer das schon ambitioniert fand, wird den bereits allseits hochgejubelten Boyhood wohl für eine kleine Unmöglichkeit halten. Ein Filmexperiment, dass sich über 12 Jahre erstreckte und bei dem wie durch ein Wunder alle Schauspieler motiviert dabeigeblieben sind. Das Ergebnis dieses Experiments ist ein Film, der vor Authentizität sprüht.

Eine Inhaltsangabe ist eigentlich gar nicht nötig, denn Boyhood widersetzt sich den starren Vorgaben klassischer Geschichten. Es geht um die Jugend von Mason (Ellar Coltrane), aber eigentlich geht es um seine Familie an sich. Boyhood ist die Geschichte einer Familie, die aus der Sicht des jüngsten Sproß erzählt wird. Mutter (Patricia Arquette) und Vater (Ethan Hawke) leben bereits zu Anfang des Films getrennt und dieser dreht sich dann um die Schwankungen, die in einem (jungen) Leben eben so vorkommen können. Die Mutter heiratet wieder, scheidet sich, Mason verliebt sich oder muss an einer anderen Schule klarkommen und sich schließlich auch für eine Karriere entscheiden. Statt mit irgendeiner urteilenden Moralkeule à la „So sollte ein Leben (nicht) sein“ zu kommen, bietet Boyhood ein erfrischendes „Guckt mal, zum Beispiel so kann ein (junges) Leben verlaufen.“

Boyhood gab mir ein seltenes Gefühl von Selbstauflösung und Aufgehen im Film. Ich denke, das liegt an der Produktionsweise: Bei der musste ich immer wieder an sogenannte Panelstudien denken. Aus den Gesellschaftswissenschaften bekannt, laufen diese Studien über eine lange Zeit mit denselben Teilnehmern. Will der Forscher kausale Schlüsse ziehen (zum Beispiel: Kauf einer Spielekonsole führt zu Scheidungen), ist das eine validere Datengrundlage als Querschnittsstudien (die immer unterschiedliche Teilnehmer haben und so nur einen Zeitpunkt pro Person messen). Boyhood kann vergleichend als ein Panel-Film angesehen werden: Richard Linklater setzte sich alle paar Jahre mit Ellar Coltrane, Ethan Hawke, Patricia Arquette und Co. zusammen, um den dramaturgischen Verlauf des Films mit den Ereignissen in deren Leben (insbesondere Coltranes) zu harmonisieren – und das Besprochene dann sofort in einer Kurzfilmepisode umzusetzen. Das führt zu einem Ergebnis, das Zeitpunkt für Zeitpunkt nachzeichnet, anstatt „nur“ Erinnerungen künstlerisch einzubinden und diese möglicherweise bestimmten Plot-Schemata zu beugen. Natürlich geht es hier nicht um kausale, wissenschaftliche Schlüsse. Es geht um die Übertragung künstlerischen Ausdrucks und die ist mit der Produktionsweise von Boyhood außergewöhnlich gut gelungen.

© Universal Pictures

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Wie gesagt ist dieser Ausdruck aber weniger Botschaft, als dramatisierte Darstellung. Außer dem Handlungsstrang „Älter werden und lernen“ gibt es nicht viel, makrodramaturgisch gesehen. Die Episoden sprechen viel mehr für sich und lassen den Gesamtfilm aus ihren eigenen Strukturen herauswachsen. Mich hat das als Zuschauer in die Film-Familie hereingesogen und am Ende ein bißchen unwillig gemacht, das Ausgehen des Projektors zu akzeptieren. Als wäre ich soeben aus einem anderen Leben herausgerissen worden. So ein Gefühl habe ich selten bei einem Film.

Trotz dieses Sogfaktors wurde ich aber trotzdem manchmal aus dem Film herausgerissen. Gerade zu Beginn wird ein wenig zu viel Energie auf die Herstellung der Frühe-2000er-Illusion verwendet. Aktueller Chart-Musik und später auch bekannten Interneterscheinungen wird meiner Meinung nach zu viel Platz eingeräumt. Das wäre gar nicht nötig gewesen, denn die Qualitäten von Boyhood liegen sowieso nicht primär in einer Art Zeitkapsel-Funktion, sondern in der Darstellung einer Jugend an sich. Musik spielt da natürlich eine Rolle, aber der genaue Zeitpunkt des Films wie auch die Herstellung der Illusion dessen ist nicht so wichtig. Richard Linklater hatte in einem Interview dazu auch gesagt, dass er selbst wenig Bezug zur Popkultur der damaligen Zeit hatte und sich an den Charts orientierte. Mit fortschreitendem Alter gaben dann Coltrane und seine Tochter Lorelei Linklater Tipps und Feedback. So wird der Film auch in dieser Hinsicht in seinen späteren Episoden authentischer und weniger aufdringlich.

Lorelei Linklater und Ellar Coltrane ist denn auch viel vom Ruhm für Boyhood zuzusprechen. Mit fortlaufender Spielzeit zeigt sich bei diesen auch die wachsende schauspielerische Erfahrung. Gerade bei Ellar Coltrane, denn Lorelei Linklater schien als Regisseurstochter bereits mit einem kleinen Vorsprung an den Start gegangen zu sein. Die späteren Episoden zeigen zwei Teenager, die glaubwürdig versuchen, sich eine Identität aufzubauen. Ellar Coltrane mimt dabei und ist vermutlich auch im wahren Leben der sensible und künstlerisch orientierte Außenseiter, während Lorelei Linklater die etwas pragmatischer orientierte, verantwortungsvolle große Schwester spielt. Zusammen mit Ethan Hawke und Patricia Arquette formt sich das Bild einer künstlichen Familie, die darstellerisch wie konzeptuell überzeugt.

Es bleibt zu wünschen übrig, dass Boyhood nicht der einzige Film dieser Art sein wird. Es braucht Mut, so ein Projekt zu realisieren. Was, wenn Hauptdarsteller Ellar Coltrane plötzlich keine Lust mehr gehabt hätte? Welches Studio lässt sich auf so etwas ein? Boyhood hat zwar gezeigt, dass so etwas funktionieren kann, aber in eine Kosten-Nutzen-Rechnung lassen sich derartige Langzeit-Vorhaben nicht pressen. Ich persönlich warte aber gern über zehn Jahre, wenn dabei so etwas wie Boyhood herauskommt.

Kinostart: 05. Juni 2014

Pressespiegel auf film-zeit.de

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