Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten

by on 12/01/2015

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© Twentieth Century Fox of Germany GmbH

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Das Leben einer Frau 1950 in einem kleinen irischen Dorf mag uns nicht nur aus unserer heutigen Perspektive unendlich eng und reglementiert erscheinen: morgens die Messe, tagsüber ein unbefriedigender Job im Kaufmannsladen (wenn man Glück hat, denn Arbeit ist rar), am Abend ein bisschen Getratsche oder eine lahme Tanzveranstaltung, immer auf der Suche nach einem potentiellen Ehemann.

John Crowley erzählt in Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten die Geschichte der Auswanderin Eilis Lacey (Saoirse Ronan) auf dem Weg nach New York City. Und obwohl diesem Aufbruch ein schmerzhafter Abschied innewohnt, lässt er unseren Blick nicht etwa zuerst über endlose Kornfelder schweifen, über malerische Küstenstreifen, eine melancholische Fidel im Hintergrund. Stattdessen die Kirche und der Kaufmannsladen. Frauen, die ausgesprochen garstig zu einander sein können, die sich gegenseitig bei jeder Bewegung auf die Finger schauen, die auch unter Freundinnen kein Thema kennen als die jungen Männer auf den berühmten Tanzabenden. Eine Atmosphäre, aus der zu verschwinden nicht das schlimmste denkbare Szenario ist.

Bis zu diesem Zeitpunkt saß ich mit verschränkten Armen und gerunzelter Stirn im Kino. Ein Film, auf den ich mich gefreut hatte, der Thematik und der Hauptdarstellerin wegen, und dann redeten alle weiblichen Figuren nur dämlich über Schminke, Kleider und Männer und bekamen ihre Ausreise von namens- und gesichtslosen Männern organisiert.

Schnitt – und plötzlich steht Eilis schon an Deck des Schiffes, das sie nach Amerika bringen soll, in ihre ungewisse Zukunft. Ab diesem Zeitpunkt verschiebt sich etwas in Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten. Die Optik hat plötzlich nichts mehr mit der regennassen, schmucklosen Straße gemein, die in der ersten Einstellung unser Bild des irischen Dorfs prägte. Das hier hat nichts mit sozialem Realismus zu tun. Die Reisenden an Bord und die Winkenden am Kai tragen bunte Mäntel, jeder in einer anderen kräftigen Farbe, sie stehen da wie hindrapiert, heben sich deutlich gegen den strahlend blauen Himmel ab. Eine leichte Zeitlupe überhöht den Moment und später wird Saoirse Ronan an Deck stehen und aufs Meer schauen – so artifiziell ausgeleuchtet, dass es aussieht, als klebe ihr ausgeschnittenes Bild auf einer Kulisse.

© Twentieth Century Fox of Germany GmbH

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In diesem Moment geht mir auf, warum John Crowley diese merkwürdig holzschnittartigen Figuren zeigt: weil es nicht in seinem Interesse liegt, eine individuelle Geschichte zu erzählen. Stattdessen setzt er einen kollektiven Mythos in Bild. Den Mythos einer Generation, die sich in der Hoffnung auf eine glänzende Zukunft aufmacht, den Amerikanischen Traum zu leben. Zu einer Zeit, als dieser Traum noch intakt scheint. Von da an entwickelt sich Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten zu der im Trailer versprochenen Liebesgeschichte: Eilis bekämpft ihr Heimweh, sie gewinnt Freundinnen in ihrer Pension, arbeitet in einem Luxuskaufhaus, nimmt an der Abendschule Kurse in Buchhaltung und lernt Tony (Emory Cohen) kennen. Der Italiener hat ein Auge auf sie geworfen und entpuppt sich als mehr als nur die Fassade eines Gentleman. Als Eilis strahlend auf der Arbeit erscheint und ihre Vorgesetzte sie zu ihrer positiven Veränderung befragt, lautet ihre erwartbare Antwort: „Ich habe jemanden kennengelernt“. Wir aufmerksamen Zuschauer wissen es jedoch besser: der Mann – so nett die Figur tatsächlich auch erscheint – ist lediglich Teil des Mythos.

Der Mythos lautet: du kannst alles haben. Mann und Kind und Karriere und überhaupt alles was du willst. Klar, dass eine solche Geschichte nicht ‚realistisch‘ erzählt werden kann. Wegen einer familiären Tragödie ist Eilis schon bald darauf gezwungen, zeitweise in ihre Heimat zurückzukehren – und findet sich wieder in einem lähmenden Zustand des Hin- und Hergerissen Seins. Die Menschen hier nehmen an, sie bleibe in Irland, ihr Traumjob fällt ihr in den Schoß, und als sie sich mit einem netten Jungen (Domhnall Gleeson) anfreundet, scheint die nächste Hochzeit für die Dorfbewohner schon so gut wie ausgemacht. Dieses Irland mag eng und konservativ erscheinen – aber es ist auch Heimat, Sicherheit. Amerika ist eine andere Welt, manchmal einsam, überfordernd. Aber es birgt eine Verheißung. Die Fakten sind längst nicht so pathetisch und glanzvoll wie der Mythos ausgeschmückt werden muss, um überhaupt Mythos zu sein. Aber die Großaufnahmen der betörenden Saoirse Ronan, die oft knapp an der Kamera vorbeischaut – ganz und gar präsent und gleichzeitig Welten von uns entfernt – beschwören den Glanz der Träume herauf, die der Mythos Hollywood in der Vergangenheit so oft für uns entstehen ließ.

Kinostart: 21. Januar 2016

Pressespiegel auf film-zeit.de

 

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