Eine Frage: Can A Song Save Your Life?

by on 07/23/2014

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© Studiocanal

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Filme, die mir im Titel gleich eine Frage stellen, und dann noch eine so Möchtegern-Existenzialistische, die sind mir ein wenig suspekt. Vor einer Weile ging auf Facebook ein Bild herum, auf dem jemand zehn Fehltritte notiert hatte, die es als guter Autor zu vermeiden gelte. Einer der Punkte: stelle keine rhetorischen Fragen. Zum Glück sind solche Regeln nie unumstößlich, trotzdem ist das Prinzip natürlich etwas billig. Ich formuliere meinen Titel als Frage, damit der Leser/Zuschauer/WerweißderFuchs sich direkt angesprochen fühlt und den Artikel klickt/in den Film geht/WasweißderFuchs. Und dann ist Can a Song Save Your Life? auch noch ein Musikfilm. Einer von John Carney andererseits, dem Regisseur des Überraschungserfolgs Once. Es bleibt wohl keine andere Möglichkeit, als sich von sämtlichen Vorurteilen zu befreien und den Film anzusehen.

Dan (Mark Ruffalo) hat einen harten Tag hinter sich: Streit mit seiner Exfrau (Catherine Keener), eine widerspenstige Teenager-Tochter (Hailee Steinfeld) und dann wurde er auch noch gefeuert. Dabei hatte er das Plattenlabel, in dessen Chefetage er vor Kurzem noch saß, vor Jahren gemeinsam mit seinem Partner Saul (einem wunderbar schrägen Mos Def mit Hipster-Bart) selbst gegründet. Völlig abgerissen und volltrunken landet er am Abend in einer der hunderttausend Bars von Manhattan. Dort zerrt der Musiker Steve (James Corden) gerade seine alte Freundin Greta (Keira Knightley) auf die Bühne. Sie spielt ein noch ganz neues Stück, typischer Singer-Songwriter-Folkpop, Mädchen mit Gitarre, recht unscheinbar eigentlich. In Dans Kopf aber spielt sich Erstaunliches ab. Er hört den Himmel buchstäblich voller Geigen hängen, das perfekte Arrangement erscheint ihm im Geiste. Sofort nach dem Auftritt spricht er Greta an: er muss einfach mit ihr eine Platte aufnehmen. Das ist allerdings gar nicht so einfach, wenn der Job beim großen Label der Vergangenheit angehört. Und auch die Sängerin hat im Grunde ganz andere Probleme. Ihrem Freund Dave (Adam Levine), einem angehenden Rockstar, ist der Ruhm zu Kopfe gestiegen und er hat sich von ihr getrennt. Wenn sie sich wirklich auf die Zusammenarbeit mit Dan einlässt, dann nur zu ihren Konditionen.

Mit dem ersten Werk nach einem großen Erfolg ist es ja oft schwierig. Mit dem 2012er Album „Tramp“ hatte ich mich in die Sängerin Sharon Van Etten verguckt. Mit der Aufmerksamkeit kommen dann meist auch die besseren Produktionsbedingungen. An dem neusten Album scheiden sich die Geister: ambitionierter, sagen die Einen. Überproduziert, die Anderen. Das ist auch ein Vorwurf, den man Can a Song Save Your Life? machen könnte. Dieser Film sollte etwas ganz Besonderes werden, dieser Anspruch ist ihm in jedem Moment anzumerken. Da sind zum einen die doch recht großen Namen auf der Besetzungsliste, zum anderen die Dramaturgie. John Carney nutzt mehrere ausführliche Schleifen, um in seine Geschichte einzuführen. Wir sehen Gretas Auftritt, im Anschluss die Ereignisse, die Dan in die Bar brachten, und letztlich springt der Film noch einmal auf der Zeitachse zurück, um aus Gretas Vergangenheit zu erzählen. Für lockerleichte Sommermusikfilme ist eine solche erzählerische Struktur ungewöhnlich, erinnert sie doch eher an psychologische Melodramen. So funktioniert Can a Song Save Your Life? aber nicht. Die Psyche seiner Figuren ist dem Regisseur weitgehend egal. Er legt sie eher als Typen an und benutzt sie, um seine Geschichte mehr unterhaltsam als schwermütig zu erzählen.

© Studiocanal

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Das gelingt ihm durchaus, und dabei ist es fast egal, ob das alles auch in der Realität so möglich wäre. John Carney lässt uns Musikkonsumenten ein wenig hinter die Kulissen des knallharten Business schauen und lässt es sich nicht nehmen, ihm auch ein wenig gut gelaunt auf der Nase herumzutanzen. Warum soll sie zum Beispiel nur einen Dollar pro verkauftem Album bekommen, fragt Greta den Plattenboss selbstbewusst, wenn eigentlich zehn Dollar pro Stück reinkommen und die Firma für sie praktisch keine Ausgaben hat. Überhaupt macht sich Keira Knightley gut in der Rolle der zurückhaltenden Sängerin, die zunehmend über sich hinauswächst, und singt dabei auch noch ganz passabel (wenn ich sie allein mit der Gitarre auch lieber höre als in den größer angelegten Arrangements – Stichwort: Überproduziert). In Ermangelung eines Tonstudios improvisiert sie und nimmt gemeinsam mit Dan eine Hommage an New York auf: zehn Songs, aufgenommen mitten in der Stadt, an verschiedenen Orten: ein Hinterhof in Chinatown, Boote auf dem Central Park, ein Hochhausdach, eine Subway-Station. Can a Song Save Your Life? romantisiert diese Arbeit hemmungslos, es macht aber auch einfach Spaß, dabei zuzusehen, wenn eine Nylonstrumpfhose über dem Mikro als Rauschreduzierung herhalten muss oder Dan spielende Kinder mit Geld besticht, damit sie nicht solchen Krach machen – nur um sie letztlich im Refrain einfach mitsingen zu lassen.

Dieser Film ist nicht selten too much – in jeder Hinsicht. Aber als cleverer Gute-Laune-Streifen für den Abschluss eines perfekten Sommertages verfehlt er seine Wirkung keinesfalls. Die Frage – can a song really save your life? – ist im Fall von Greta wohl mit Ja zu beantworten. Schade, dass das Leben oft nicht so ideal verläuft. Aber genau für diese schöne Illusion gibt es ja Filme.

Kinostart: 28. August 2014

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