Captain Fantastic – Happy Noam-Chomsky-Day!

by on 08/17/2016

Flattr this!

© Universum

© Universum

„Wie ist das Buch?“, fragt Ben (Viggo Mortensen) seine älteste Tochter, die sich lesend auf den Platz hinter ihm zurückgezogen hat. „Interessant“, lautet die knappe Antwort, aber das zählt nicht. „Interessant ist ein Nicht-Wort“, ermahnt Ben, „sei spezifischer.“ Ich stehe vor einem ähnlichen Problem wie Kielyr (Samantha Isler) in dieser Szene. Etwas mehr sagen zu müssen als: interessant. Das ist Captain Fantastic schon. Oder zumindest erzählt er von einer interessanten Figurenkonstellation.

Ben fährt seine Kinder nicht wie aus amerikanischen Indiefilmen gewöhnt im Kombi zur Schule, er fährt einen alten Schulbus mit Wohnmobilqualitäten. Da sind auch noch andere Kinder, insgesamt sechs an der Zahl, die Ben eigentlich allein in einem Wald aufzieht, fernab der Zivilisation. Und sie fahren nicht zur Schule, sondern meilenweit durchs Land, um eine Beerdigung zu sprengen. Die ihrer Mutter, die psychisch schwer krank war, Selbstmord begangen hat und nun in New Mexico beigesetzt werden soll, obwohl sie das als praktizierende Buddhistin ablehnte. So erklärt Ben das seinen Kindern, ganz ruhig und sachlich, wie immer. Ob es um ihre Mutter geht, um Sexualaufklärung oder das kapitalistische System.

Bezeichnenderweise haben wir im Kino im Augenblick die Wahl: Captain America oder Captain Fantastic. Der Eine die Kritik des Anderen. Zweiterer ist die Franchise-Antithese, der unscheinbare Familienvater, der seinen Nachwuchs zu Helden erzieht. Der Film beginnt mit einem Initiationsritus: der älteste Sohn Bodevan (George MacKay) muss einen Hirsch mit bloßen Händen erlegen, das macht ihn zum Mann. Auf der Hälfte dann die zweite Initiation: der erste Kuss mitten auf einem Zeltplatz im Nirgendwo. Er scheint Bodevan ungleich viel mehr herauszufordern als der Hirsch und genau das wird er seinem Vater später vorwerfen: „Außerhalb von Büchern weiß ich nichts. Du hast uns zu Freaks erzogen.“

© Universum

© Universum

Captain Fantastic deutet allerlei zwischenmenschliche Dramen an: die tote Mutter, die noch manchmal in Traumsequenzen aufscheint. Der Vater, hin und hergerissen zwischen seinen Idealen und der Angst, etwas falsch zu machen. Die Kinder zwischen Loyalität und dem Bedürfnis, dazuzugehören, selbst die Welt zu entdecken. Die Großeltern, die im Grunde nur das Beste wollen und dabei doch nur ihre eigenen Befindlichkeiten sehen. All diese Konflikte laufen aber ins Leere, denn eigentlich will der Regisseur Matt Ross offensichtlich viel lieber einen Crowdpleaser drehen. Und das ist ihm durchaus gelungen, zumindest wenn die Crowd linksliberal tickt. Es stecken jede Menge Szenen und Sätze in dem Film, die man durchaus gern so hört: die Kinder sprechen jeder eine Handvoll Sprachen, klettern mühelos Steilwände hoch, spielen Instrumente und sind perfekte kleine Marxisten. Wenn man kein Geld für Essen hat, darf man es ruhig aus dem Supermarkt klauen, solange man sich dabei kreativ anstellt. Außerdem gilt die Regel: wir machen uns nicht über andere Leute lustig, außer über Christen. „Warum feiern wir nicht Weihnachten, wie alle anderen auch? Warum muss es der Noam Chomsky-Day sein?, fragt der mittlere Sohn, der gerade in einer schwierigen vorpubertären Phase steckt. „Weil das auch nicht verrückter ist, als einmal im Jahr den Geburtstag eines fiktiven Elfs zu feiern“, antwortet sein Vater und teilt als Geschenk Kampfmesser aus Carbon an alle Kinder aus. Halleluja und Amen!

Aber das Lachen im Kinosaal täuscht trotzdem nicht darüber hinweg, dass Captain Fantastic sich zieht  in seiner Idealisierung des naturwüchsigen Ben-Viggo. Der Humor entsteht stets auf die selbe Weise und irgendwann beginnt der Film unter den typischen Arthouse-Syndromen zu leiden: irgendwie alles zu fluffig, brav, hippiesk. Die schmissigen Thesen vom Anfang verlaufen immer mehr in eine Dialektik, auf die sich alle einigen können. Vielleicht nicht auf der Ebene der Narration, aber doch auf der Ebene der Inszenierung. Man möchte diesen Film unbedingt gut finden und alles wird dann eben auch irgendwie gut. Matt Ross hat sich sein Wunschpublikum vorgestellt und ihm exakt das gegeben, wonach es verlangt. Seiner Hauptfigur Ben hätte das sicher nicht zugesagt. Zu unspezifisch.

Kinostart: 18. August 2016

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* 3+5=?

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.