Carol – cutrins Favorit von der Croisette

by on 05/19/2015
© DCM Film Distribution

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Es ist Halbzeit an der Croisette und auch beim wichtigsten Filmfestival der Welt ist das Programm bekanntlich durchwachsen. Bis jetzt war schon alles dabei: Lieblingsfilmpotential, Interessantes, Durchschnittliches, Ärgerliches. Müsste ich mich für einen bisherigen Favoriten entscheiden, fiele meine Antwort wohl aber nicht großartig anders aus als bei den meisten Kritikern hier: Carol von Todd Haynes hat die Herzen an der Riviera im Sturm erobert und nachdem ich es nach dreimaligem mehrstündigen Anstehen in die Séance du Lendemain schaffte, wusste ich dann endlich auch, dass es sich gelohnt hatte.

Carol erzählt eine lesbische Liebesgeschichte in den 1950er Jahren. Diese Beschreibung stimmt – aber oh, was sie alles unterschlägt. Rooney Mara spielt Therese, die junge Angestellte eines Kaufhauses, die schüchtern mit einer von der Geschäftsleitung verordneten Weihnachtsmütze auf dem Kopf hinter ihrem Tresen steht, als eine Frau auf sie zukommt. Carol Aird (Cate Blanchett) ist eine stattliche Erscheinung mit ihren perfekt sitzenden Locken und dem ausladenden Pelzmantel über den Schultern.

© Festival de Cannes

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Der Film ist die Adaption eines Romans von Patricia Highsmith, den diese unter einem Synonym verfasste. Für die damals noch recht junge Autorin war es besser so, denn The Price of Salt beschwor einen Skandal herauf: im Jahre 1952 war es nicht üblich, dass homosexuellen Figuren in der Literatur am Ende keine Bestrafung zuteil wurde. Bei Highsmith haben sie ebenfalls allerlei zu ertragen, am Ende steht jedoch die Überwindung, zumindest andeutungsweise. Todd Haynes macht für seine Adaption ihres Werkes Gebrauch von einer Zeitschleife. Carol beginnt mit einer Szene, die wir gegen Ende des Films noch einmal sehen werden. Nur eben aus einer anderen Perspektive, die jegliche Bedeutung völlig verschiebt. Was dazwischen passiert, lässt sich als Erinnerung Thereses interpretieren, obwohl Haynes dankenswerterweise auf platt angezeigte Flashbacks und ähnliche Kinkerlitzchen verzichtet.

Nachdem sich die beiden Frauen erstmals in dem weihnachtlich geschmückten Kaufhaus begegnen, vergisst Carol dort einen Handschuh – ob versehentlich oder nicht, bleibt der eigenen Fantasie überlassen – und so ist der Grundstein für weiteren Kontakt gelegt. Das Gefühl der Anziehung der beiden Frauen bleibt aber vorerst unausgesprochen, zu kompliziert ist die Situation. Denn Carol steht kurz vor der Scheidung von ihrem Mann Harge (Kyle Chandler), einem reichen Investment Banker. Gemeinsam haben die beiden eine kleine Tochter – und wem das Sorgerecht zugesprochen wird, diese Entscheidung steht noch aus. Todd Haynes nutzt den ehelichen Konflikt geschickt, um das Klima in der US-amerikanischen Nachkriegsgesellschaft einzufangen, die paranoid auf alle Abweichungen von der Regel reagierte. Harge weiß, dass Carol vor ihm eine Beziehung mit ihrer besten Freundin Abby (Sarah Paulson) führte und schon bald steht der Vorwurf der Sittenlosigkeit im Raum. Weil der Regisseur aber einiges drauf hat, muss er sich nicht nur auf das zugegeben wunderbare Drehbuch von Phyllis Nagy verlassen. Schon in seiner Inszenierung des geleckten Kaufhauses wird das ordnungsliebende Amerika der 1950er treffend portraitiert und als die Kamera zu Beginn über das idyllische Dorf einer Modelleisenbahn gleitet, könnte das schon beinahe der Anfang eines Douglas Sirk-Films sein.

© Festival de Cannes

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Die beiden Frauen haben von dieser Enge genug, und als Harge die Tochter an Weihnachten zu seinen Eltern mitnimmt, gehen sie spontan gemeinsam auf Reisen. Carol sehen wir dabei zumeist aus Thereses Perspektive. Hier kommt es dem Film zupass, dass Haynes Thereses Interessen aus dem Buch etwas abgewandelt hat: in Carol will sie keine Theaterregie führen, sondern als Fotografin arbeiten. Mit ihr schauen wir gemeinsam durch den Sucher, stellen scharf und Carol ist ein dankbares Motiv. Cate Blanchett übertrifft die Leistung, für die sie schon nach Blue Jasmine mit einem Oscar geehrt wurde, noch um Längen und changiert zwischen einer Marlene Dietrich-haften Verführerin und einer verletzlichen, sorgengebeutelten Frau. Rooney Mara sieht hingegen aus wie eine Reinkarnation von Audrey Hepburn und gibt mit ihren Rehaugen überzeugend das etwas eigene, noch unsichere Mädchen, das in kürzester Zeit eine rasante Entwicklung hinlegt.

Dass sich die Frauen irgendwann näher kommen, erscheint von Anfang an unausweichlich, und auch hier beweist der Regisseur Sensibilität. Selbst in den intimsten Szenen ist Carol zu keinem Zeitpunkt voyeuristisch. Er behandelt seine Figuren sowohl als auch seine Schauspielerinnen respektvoll, ohne dabei prüde zu wirken. Im Gegenteil, Carol kann sogar ziemlich heiß sein. Von Todd Haynes Gespür für die perfekte Kadrage könnte sich so mancher Regisseur eine Scheibe abschneiden.

Es dauert im Übrigen noch ewig, bis Carol in die deutschen Kinos kommt. Erst Anfang des nächsten Jahres ist es soweit. Ich überlege, ob ich mich am Wochenende beim rerun des Wettbewerbsprogramms noch einmal für zwei Stunden anstelle.

Kinostart: 17. Dezember 2015

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