Carrie – Die Teeniehorror-Version der Satanstochter

by on 10/25/2013

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©  Sony

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Ich hatte meine große Stephen King-Phase ungefähr im Alter von 14 Jahren. Damals verschlang ich die großen Wälzer wie Es oder Needful Things in nur wenigen Tagen. Carrie war damals nicht dabei. Im Rahmen meiner Passion für den US-amerikanischen Horrorschriftsteller führte ich mir jedoch die Verfilmung dieses Buches von Brian De Palma zu Gemüte. Auch wenn ich mich nun, 15 Jahre später, nur noch schemenhaft daran erinnere, so weiß ich doch noch, dass Carrie – Des Satans jüngste Tochter eine starke Wirkung auf mich hatte. Vielleicht weil wir alle mal so kleine Carrie-Momente haben, in denen wir den Menschen, die uns demütigen, gerne einmal im wahrsten Sinne des Wortes Feuer unterm Arsch machen wollen.

2013 sieht Carries Martyrium etwas anders aus als 1976, was zu großen Teilen an der Erfindung des Smartphones und des Internets liegt. Weil Carrie (Chloë Grace Moretz) von ihrer streng religiösen Mutter (Julianne Moore) nicht über die Begleiterscheinungen der Pubertät aufgeklärt wird, versetzt das Einsetzen ihrer Periode das Mädchen in Panik. Ausgerechnet beim gemeinsamen Duschen mit den Mitschülerinnen ereilt sie der – im Übrigen sehr heftige – Blutsturz. Ihre Verzweiflung und Todesangst löst allgemeines Gelächter aus. Die garstigen Teenager bewerfen ihr Opfer mit Tampons und fangen das Szenario mit ihren Handykameras ein. Doch Menstruation ist nicht die einzige Pubertätserfahrung Carries. Nach und nach entdeckt sie ihre telekinetischen Kräfte, die es ihr endlich ermöglichen, zurückzuschlagen. Während Sue (Gabriella Wilde) und ihr Freund Tommy (Ansel Elgort) beschließen, dem gedemütigten Mobbingopfer unter die Arme zu greifen, plant die garstige Redeführerin Chris (Portia Doubleday) bereits den nächsten Coup.

Und den kennen wir ja eigentlich schon. Auf der einen Seite ist es schade, dass das Ende von Carrie damit seinen Überraschungseffekt verliert. Gleichzeitig entwickelt die Erzählung den „Romeo und Julia“-Effekt. Obwohl wir die Unvermeidbarkeit der finalen Katastrophe kennen, macht sich diese naive Hoffnung breit, das Drama wäre abwendbar. Aber das ist es natürlich nicht.

Vorhersehbarkeit hin oder her, in Carrie geht es ja eigentlich um so viel mehr als nur ein vermeintlich teuflisches Mädchen. Es geht um die Entfremdungsgefühle der Pubertät, um die Angst vor der weiblichen Sexualität (Carries Direktor ist nicht einmal in der Lage, das Wort Menstruation auszusprechen) und die Schattenseiten der Religion in ihrer extremen Ausprägung. Das alles ist in der Verfilmung von Kimberly Pierce wenig subtil angelegt, wie überhaupt der gesamte Film alles andere als zurückhaltend vorgeht. Die Übertreibung lauert an jeder Ecke. Die Limousine muss gefühlte 20 Meter lang sein, das Schweineblut darf gleich drei mal über Carrie ergossen werden und das schon erwähnte Menstruationsblut fließt selbstredend in Bächen. Auch das Schauspiel von Chloë Grace Moretz ist wohl am ehesten mit Overacting zu beschreiben. Zudem ist die blonde Hit Girl-Darstellerin für diese Rolle einfach zu niedlich. Das gilt für alle übrigen Figuren ebenfalls, doch sollte sich eigentlich gerade Carrie dadurch auszeichnen, nicht dem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen. Nicht nur die zwangsläufige Entwicklung vom hässlichen Entlein zum Schwan büßt hierdurch an Stärke ein, auch die Absonderlichkeit und Isolation der Figur mag uns nicht recht überzeugen.

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Großes Kino hingegen liefert Julianne Moore als fanatische religiöse Mutter, die ihre Aggressionen in Selbstverletzungen umleitet und ihr Kind für ein Produkt des Satans hält. Wer hätte gedacht, dass die wunderschöne Julianne Moore derart hässlich sein kann. Im Gegensatz zu Chloë Grace Moretz gelingt es Moore, ihre Figur von subtil zu körperlich zu entwickeln, und uns mit ihrer Darstellung die Nackenhaare zu Berge stehen zu lassen.

Der übrige Film nimmt sich im Gegensatz dazu bedauerlich brav aus. Hübsche Teenager planen einen hübschen Abschlussball, auf dem die erblühte Carrie in ihrem hübschen Kleidchen den vermeintlich schönsten Abends ihres Lebens begeht. Das ist alles ein wenig zu glatt, um eine über den standardisierten Teenie-Horror hinausgehende Atmosphäre zu entwickeln und gleichzeitig zu zurückhaltend, um eine selbstironische Distanz zu erschaffen oder doch zumindest gelegentlich anzudeuten, dass es eigentlich gerade um die Kritik der oberflächlichen und verlogenen Gesellschaft des High School-Mikrokosmos geht.

Ich bezweifle, dass Carrie im heutigen Kino funktionieren wird. Nicht nur, weil ich an der Inszenierung so viel auszusetzen habe, sondern viel eher weil ich glaube, dass diese Art Geschichte heute weniger Anklang findet als früher. Carries Fähigkeiten sind ein fantastisches Element, das nicht auf natürliche Ursachen zurückzuführen ist und durch die Geschichte kaum eine Erklärung erfährt. Im Grunde bleibt uns nur, die Theorie von der teuflischen Befruchtung zu glauben. Dann aber wieder stellt sich die Frage, warum es bei so viel Präsenz des Teufels keinen göttlichen Funken in dieser Geschichte gibt. Zudem würde eine solche Erklärung der hier stark verurteilten christlichen Religion im Grunde wieder Recht geben. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass diese Art der Erklärungssuche früher eine untergeordnete Rolle gespielt hat, weshalb wir uns den düsteren, jedoch oft fantastischen Geschichten Stephen Kings ohne Weiteres hingeben konnten, während wir uns heute an der Frage des „Warum?“ festbeißen.

Ich verließ das Kino überwiegend unbefriedigt, aber auch neugierig darauf, wie das Kinopublikum letztlich auf die Geschichte reagieren wird. Denn wie ich schon eingangs sagte: Wir kennen alle diesen Carrie-Moment und in einer Zeit, in der Bullying, wie es heute genannt wird, zu einem immer wichtigeren Thema wird, gibt es sicher so einige Teenager, die Carries Rachefeldzug genießen werden.

Kinostart: 5. Dezember 2013

Pressespiegel bei film-zeit.de

 

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