Cinderella – Figurenschach auf dem allerschönsten Brett

by on 02/13/2015

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Jonathan Olley © Disney Enterprises

Jonathan Olley © Disney Enterprises

Cinderella war schon als Kind eines meiner Lieblingsmärchen. Der Disney-Zeichentrickfilm (Bibbedibabbediboo!) war das erste Stück in meiner Videosammlung, die tschechische Version vom Aschenbrödel ist eine großartig emanzipierte Geschichte und dann war ich auch noch im Besitz einer Hörspielkassette mit Mozarts kleiner Nachtmusik als melodiöser Untermalung. Mein persönlicher Bezug zu Cinderella wäre damit also geklärt. Erst später ist mir aufgegangen, dass das Märchen im Gegensatz zu diversen Anderen seiner Gattung auch das Potential zu einer durchaus modernen Geschichte hat. Lassen wir nämlich mal das ganze Schischi um Prinz und Prinzessin weg, lässt sie sich durchaus lesen als die Geschichte einer Generation, die sich von ihren Vorfahren emanzipiert. Und als Geschichte einer Aneignung.

Der Name, den wir heute alle mit einer perfekten Disney-Prinzessin verbinden, beginnt schließlich als Beleidigung. Die Magd Ella mit der Asche im Gesicht. Ihre Stiefschwestern Drizella (Sophie McShera) und Anastasia (Holliday Grainger) schauen verächtlich auf sie herab, wenn sie sie so nennen. Am Ende ist es Ella (hier gespielt von Lily James) selbst, die ihrem Prinzen (Richard Madden) hoch erhobenen Hauptes ihren Namen nennt: Cinderella – mit allem was dazu gehört.

Märchenadaptionen sind in Hollywood aktuell keine Seltenheit und angesichts des ersten Trailers war ich in Sachen Neuverfilmung von Aschenputtel doch ernsthaft besorgt. Meine Hoffnungen galten jedoch den wunderbaren Darstellerinnen (Cate Blanchett als verbitterte, falsche Stiefmutter und Helena Bonham Carter stiehlt allen als gute Fee die Show) sowohl als natürlich auch dem Regisseur. All die wunderbaren Shakespeare-Verfilmungen von Kenneth Branagh liegen aber auch schon ein Weilchen zurück, und so bestand die Gefahr, Cinderella könnte zu einem ähnlich seelenlos-prüden CGI-Dickicht verkommen wie im letzten Jahr Die Schöne und das Biest von Christophe Gans.

Jonathan Olley © Disney Enterprises

Jonathan Olley © Disney Enterprises

Aber mitnichten! Kenneth Branagh kann es noch. Sein Film erreicht nicht unbedingt die Komplexität der Meta-Ebenen von Into the Woods, eignet sich aber die überaus angenehm optimistische Perspektive einer jungen, gleichberechtigten und vor allem klugen Generation an, die die Alte entgegen aller Widerstände ablöst. Dabei hält er sich bis kurz vor Schluss weitgehend an den Plot des populären Zeichentrickfilms. Aber es macht sich eben bemerkbar, wenn ein Mensch mit Intelligenz, Kunstverstand und Gespür für den Zeitgeist eine Studioproduktion inszeniert. Wer Cinderella unterstellt, der Film propagiere nichts als naive Tugendhaftigkeit und Selbstaufopferung, den straft Kenneth Branagh Lügen.

Viel zu schwelgerisch opulent sind sein Stil, sein Set Design und die buchstäblich märchenhaften Kostüme. Viel zu genüsslich spielt er visuell reizvolle Szenen extra lange aus, viel zu viel Wert legt er auf perfekte, kurzweilige Visual Effects (wer hätte gedacht, dass Pferde mit Mäuse-Ohren so putzig aussehen könnten?) und fantastisch theatral komponierte Bilder, viel zu viel Spaß hat er an all seinen kleinen ironischen Augenzwinkereien, an Optimismus und Lebensfreude, als dass er ernsthaft auch nur im Ansatz Askese predigen könnte. Natürlich ist Cinderella eine teure Studioproduktion, die auch einem Kenneth Branagh ein paar Zugeständnisse abverlangt. Und so gibt Lily James hier natürlich die anmutig tugendhafte Schönheit mit der Wespentaille und der stets etwas atemlosen Stimme – und nicht etwa eine tiefe Figur mit starker Persönlichkeit. So wenig wie es aber in der Gattung Märchen jemals um Individuen ging, sollte man auch an Cinderella den Maßstab der Psychologie anlegen. Im Grunde spielt Kenneth Branagh natürlich Figurenschach. Aber er spielt es auf dem schönst möglichen Brett.

Cinderella auf der offiziellen Berlinale-Website

Kinostart: 12. März 2015

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