Clouds of Sils Maria – Vom Fortschreiten der Zeit

by on 05/25/2014

Flattr this!

© NFP

© NFP

Im Schweizer Kanton Graubünden spielt sich bei günstigen Wetterverhältnissen ein beeindruckendes Naturphänomen ab. Die Wolken ziehen von Italien heran und stoßen auf eine massive Felsenwand, unterbrochen nur von einem schmalen Pass. Durch diese Lücke kriechen sie langsam ins dahinter liegende Tal herab, ganz so wie eine lange, sich windende Schlange. Wer sich in Sils aufhält, wird früher oder später den Weg zur Wolkenschlange finden, so viel ist sicher. Dem Reiz ihres Anblicks kann sich niemand entziehen.

Eines schönen Tages sitzt Maria Enders (Juliette Binoche) dort oben. Sie ist zum Arbeiten in das Bergdörfchen gekommen. Genauer, um in einem Theaterstück aufzutreten. Dabei war sie von der Idee erst gar nicht begeistert. Es handelt sich um ein Remake ihres ersten Bühnenstücks, in dem sie die junge Frau Sigrid spielte, die die ältere und ihr restlos verfallene Helena in den Selbstmord treibt. Dass die Enders diesmal als Helena auf die Bühne treten soll, will ihr nicht so recht zusagen. Für die wesentlich jüngere Rolle der Sigrid wird an ihrer statt das aufstrebende Hollywoodstarlet Jo-Ann Ellis (Chloe Grace Moretz) gecastet, das auf Google hauptsächlich wegen seiner Eskapaden, Verhaftungen und Männergeschichten unter den meist gesuchten Celebrities rangiert. Maria Enders Interesse an der jungen Kollegin entwickelt sich zunehmend zu einer Obsession. Gemeinsam mit ihrer persönlicher Assistentin Val (Kirsten Stewart) geht sie stundenlang das Drehbuch durch, diskutiert bis zur Erschöpfung die Interpretation des Stückes und lässt es immer mehr ihr eigenes Leben in Besitz nehmen.

© NFP

© NFP

Mit Clouds of Sils Maria ist Olivier Assayas im Rennen um die Goldene Palme vertreten und liefert einen Film ab, der schon auf den ersten Blick durch seinen interessanten Cast besticht. Kirsten Stewart, deren Leistungen zu recht nicht selten mit viel Skepsis betrachtet werden, bietet hier vielleicht keine grandiose Schauspielkunst, in ihre Rolle der stets schwer beschäftigten, sarkastischen und leicht burschikosen Assistentin hat sie sich jedoch erstaunlich gut eingefunden. Auch Chloe Grace Moretz ist eine echte Wucht, wenn sie sich in Pressekonferenzen mit der Journaille anlegt, in ihren verbalen Provokationen mileycyruseske Züge an den Tag legt und bei Verhaftungen keine Gelegenheit auslässt, ihre Wut in alle verfügbaren Kameras hineinzubrüllen. Im unangefochtenen Mittelpunkt des Dramas steht aber ohne Frage La Binoche, die hier vielleicht sogar eine der besten Performances ihrer Karriere hinlegt. Sie verkörpert perfekt diese wunderschöne Frau, die hin- und hergerissen ist zwischen dem selbstbewussten Wissen um ihre umwerfende Ausstrahlung und nagenden Selbstzweifeln ob ihres langsam fortschreitenden Alters. Die einerseits ein sehr feines Gespür für ihre Rollen entwickeln kann, andererseits ignorant ausblendet, was nicht in ihr eigenes Verständnis von Kunst passt.

© NFP

© NFP

Olivier Assayas bleibt die ganze Zeit über unheimlich nah bei seinen Figuren und lässt mal mehr, mal auch weniger subtil die Beziehungen zwischen ihnen sichtbar werden und die Ebenen verschwimmen. So stellt sich schnell heraus, dass das Verhältnis von Sigrid und Helena aus dem Theaterstück sich beinahe eins zu eins auf Val und Maria übertragen lässt. In Clouds of Sils Maria gibt es nichts explizites zu sehen und zu hören: keine Liebeserklärungen, keinen Kuss, sie unterhalten sich noch nicht einmal ausführlich über das, was zwischen ihnen ist. Stets reißt uns vorher ein Schnitt oder eine Schwarzblende aus der Szene, verbleiben Worte in Andeutungen. Aber wenn die Schauspielerin mit ihrer Assistentin für die Rolle probt, wenn die beiden sich dabei anschreien oder ihre gegensätzlichen Interpretationen austauschen, scheinen sie dabei immer nur über sich selbst zu reden. Vollauf mit sich selbst beschäftigt, geht Maria dabei irgendwann auf, dass sie es nicht mehr ist, die im ungeteilten Mittelpunkt des Interesses steht. In der Medienpräsenz haben ihr jüngere Nachwuchsstars längst den Rang abgelaufen, Val kritisiert ihre Ansichten und es kommt der Punkt, an dem die Fotografen sie gar völlig ignorieren, weil sie lieber Jo-Ann und ihrem jüngsten Skandal hinterherjagen. Dabei will sie im Grunde nur bewundert werden, von Val, von der Presse, von allen.

Das unerbittliche Fortschreiten der Zeit, die Veränderungen, die sie mit sich bringt, das Altern und der langsame Verfall ist ein Thema, das schon viele Regisseure in reichlich pathetische Bilder übersetzt haben. Olivier Assayas triumphiert über die meisten von ihnen, denn seine Dosierung ist genau richtig gewählt, um zu berühren ohne dabei allzu sehr dem Pathos zu frönen. So setzt er zum Beispiel seine Musik sehr reduziert ein, doch wenn, dann entfaltet sie ihre ganze bedeutungsvolle Wirkung. Mehrmals erklingt der Pachelbel-Kanon, dieses barocke Werk, in dem die Bassstimme die immer gleichen Töne wiederholt, ein perfektes Ostinato, vollendete Kontinuität. Dann das Largo Xerxes von Händel, die majestätische Vertonung des Traumes von ewig währender Zeitlosigkeit. Der Kreis schließt sich mit dem Wissen, dass Sils der Ort ist, an dem einst Friedrich Nietzsche sein berühmtes Werk „Also sprach Zarathustra“ verfasste, in dem ein Kapitel den Titel „Von alten und jungen Weiblein“ trägt. Es sind solche sparsam und intelligent genutzten Stilmittel, die Clouds of Sils Maria neben den über sich hinauswachsenden Darstellern zu einem nachdenklichen und berührenden Vergnügen gleichermaßen machen.

Kinostart: 11. Dezember 2014

Vier andere Filme von Olivier Assayas:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* 5+1=?

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.