Comicverfilmungen und Comic-Fans – Wie wichtig ist Vorlagentreue?

by on 08/26/2012

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Idris Elba als Heimdall in Thor
© Universal

Gerade im Nachklang von The Dark Knight Rises musste ich an vergangene Comicverfilmungen zurückdenken. Wann auch immer ein Comic die Aussicht auf eine Leinwandversion hat, stellt sich besonders den Fans folgende Frage: Wie nah wird er sich an der Vorlage bewegen? Für meine Kolumne ComiCinema habe ich ein wenig über diese bei Comicfans oft Wutausbrüche provozierende Frage nachgedacht.

Comics werden wichtiger

War X-Men – Erste Entscheidung nicht ein schöner, für das Genre innovativer Film? Ja. Das denke ich auch. Im Vorfeld liefen aber die Comicforen heiß, denn dem Promo-Material nach sollte Magneto einen allzu albernen Helm bekommen. Überhaupt sah alles albern aus. Und fang mir gar nicht erst von der Hintergrundverdrehung an. Emma Frost in den 60ern? Also, bitte, der Film kann nur furchtbar werden. Fast sofort nach Kinostart hieß es dann aber natürlich „OMG!!!! Best movie evar xD“. Ähnliches spielte sich im Vorfeld von Thor ab, in dem „skandalöserweise“ der farbige Idris Elba den germanischen Gott Heimdall spielte. Ich will mich hier nicht über voreilige Fans mit Luxusproblemen aufregen. Aber genau diese Fans werden immer wichtiger in der Marktforschung der Comicverfilmungen. Wie hat sich das Feld über die Jahrzehnte verändert? Und ist das eigentlich Positive, was uns dort noch erwartet, vielleicht auch negativ?

Es gab eine Zeit, in der Comicverfilmungen jenseits von Superman eine heikle Sache waren. Nur die großen Ikonen durften auf die Leinwand. Sogar Batman war nichts weiter gegönnt, als die kitschige Batman TV-Serie. Comics waren „für Kinder“, was sich so richtig erst mit Tim Burton und seinem Traum von Batman änderte. Die Fans waren noch nicht so wichtig, wie die comicignorante Masse. Batman und Batman Returns nahmen die Essenz der Vorlage und änderten sie für ein größeres Publikum ab. Wohin das in den 90ern führte, wissen wir alle. Filme wie Batman & Robin oder Batman Forever von Joel Schumacher, aber auch Verfilmungen wie Blade oder Spawn sind der dank Tim Burton Ende der 80er gestarteten Comic-Manie zu verdanken. Die meisten dieser Filme versuchten nur, so viele (Super-)Helden wie möglich unterzubringen, meist ohne wirklich auf sie einzugehen. Auch im Bereich der Superheldencomics führte das zu unseligen Entwicklungen, so dass sich ein verblendetes Sammlertum bildete und die meisten der 90er-Comics sich nur in punkto Buntheit, Gewalt und abgehobener Extrem-Coolness übertrumpfen wollten. Superhelden wurden mehr als noch zuvor zu Marken, deren bloße Nennung Umsatz generieren sollte. Diese Blase platzte sowohl in der Comic-, wie auch der Filmwelt.

Wo ist mein Riesenoktopus?

Abhilfe schafften dann vor allem zwei Filme: X-Men (Bryan Singer) und Spider-Man (Sam Raimi) zeigten, dass gute Geschichten mit Filmen über Superhelden vereinbar sind. Gleichzeitig erhielten Comicfans dank hochgradig internetaffiner Autoren wie Warren Ellis und zahlreicher, aufkeimender Comicforen eine Stimme. Nach 12 Jahren ist diese Stimme nicht mehr zu unterschätzen. Die San Diego Comic Con ist nicht mehr nur eine Comic-Messe, sondern eine der wichtigsten Entertainment-Messen überhaupt. Sie und die vielen Online-Ventile der Fans sind ein nicht mehr wegzudenkender Marketingfaktor für die Studios. Christopher Nolans Batman Begins, The Dark Knight und The Dark Knight Rises trugen ebenso dazu bei wie Marvels anfänglicher Stand-alone-Film Iron Man.

Ein Fan: Der blaue Ding-Dong ist drin aber nicht mein Riesenoktopus? WTF??
© Universal

Dadurch wurden Filme wie Watchmen – Die Wächter und 300 erst möglich. Wo wir schon bei Zack Snyder sind: Die beiden Filme orientieren sich (wie Sin City von Robert Rodriguez) fast Panel für Panel an ihren Vorlagen. Für diese Filme bekam Zack Snyder überbordend gute Kritiken und etablierte seinen Ruf als Umsätze generierender Comic-Geek mit Einfluss. Er huldigte Frank Miller und Alan Moore, während sich Comicautoren wie Mark Millar (Kick-Ass, Wanted) ihren eigenen Namen in der Filmwelt machen. Die Vorlagentreue bezieht sich nicht mehr nur auf die Namensnennung, sondern mittlerweile auch auf die fast schon pedantische Umsetzung der Geschichten. Das funktioniert nicht immer. Zack Snyder musste den Riesenoktopus aus Watchmen – Die Wächter entfernen und sich ein für die Leinwand geeigneteres Ende einfallen lassen. Einige regen sich heute noch darüber auf, obwohl das ursprüngliche Ende aus dem Comic im Kino wahrscheinlich wirklich nur komisch gewesen wäre. Änderungen sind oft mehr als nötig, was auch Kick-Ass und Wanted zeigten. Mark Millars Fantasie ist nicht massentauglich und ehrlich gesagt fragwürdig, weshalb Kick-Ass ein freundlicheres Ende bekam und in Wanted statt konstant mordender, vergewaltigender, die Welt beherrschender Superschurken nun religiöse, „gute“ Killer die Protagonisten wurden.

Die Krux mit der Kontinuität

Ich habe lange versucht, diesen Text aufzupolieren und bin dank zahlreicher Abschweifer immer noch nicht ganz damit zufrieden. Aber dennoch kommt nun das Ende: Der Punkt ist, dass Kontinuität in Comicverfilmungen ein Problem werden könnte. Kontinuität ist der Zusammenhang, das eng innerlich zusammenhängende Universum vieler Superhelden eines Verlages. Sie ist zum Beispiel beim Marvel Cinematic Universe einer der größten Anziehungsfaktoren für die Fans, die unter ständigen Nerdgasmen versuchen, die für Nicht-Comicleser kryptischen Anspielungen als erste zu verstehen. Dass Marvel wie auch DC an einer inneren Kontinuität ihrer Filme arbeiten, ist auf den ersten Blick logisch und lukrativ. Screenrant schrieb vor einem Jahr ebenfalls einen Artikel zu Comicfans und Comicverfilmungen und wies darauf hin, dass Comicsverfilmungen zwar ein heißes Thema bleiben werden. Die Studios  um ihrer Einnahmen willen aber nicht zu sehr versuchen sollten, die Comicfans zufriedenzustellen (was sie dem Augenschein nach versuchen), denn diese machen nur einen verschwindend kleinen Bruchteil ihrer zahlenden Zuschauer aus. Und die Zeit, in der Hintergrundwissen aus der Comicwelt und Nerd-Chic auch für Medienfremde en vogue ist, wird vorüber gehen.

Mein Problem mit den modernen Comicverfilmungen liegt aber nicht im finanziellen, sondern im qualitativen Bereich. Obwohl ich Marvel’s The Avengers abgöttisch befriedigend fand, könnte die Anziehungskraft von Marvels Filmuniversum eine Bedrohung der Originalität darstellen. Was Comics so großartig macht, ist die Möglichkeit für viele Autoren, sich mit denselben Figuren auszutoben und ihnen zahlreiche Facetten abzuringen. Nicht selten wird dafür die Kontinuität auf den Kopf gestellt oder neu geschrieben (ein sogenannter Retcon). Im Marvel Cinematic Universe und den zusammenhängenden DC Franchises nach Man of Steel wird das nicht möglich sein. Gerade, wenn die Zufriedenheit der Fans im Mittelpunkt steht, müssen die Filme nah an den Vorlagen und reich an Referenzen sein. Das macht Spaß (allerdings nicht jedem), lässt aber nicht besonders viel Spielraum. Anfangs unwichtige Filme wie X-Men – Erste Entscheidung oder Independent-Verfilmungen wie Ghost World und American Splendor hatten diesen Spielraum noch. Je größer das Franchise jedoch, desto enger sind bekanntermaßen die Vorgaben. Sind die neuen, hochgradig vernetzten und Fan-erfreuenden Comicverfilmungen à la Avengers das Ende von etwas von der Vorlage entfernteren Experimenten à la The Dark Knight? Ich hoffe nicht. Vielleicht spekuliere ich mich aber auch nur in eine Sackgasse und alles wird gut.

 

 

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