Coming home – Gedanken zu Gravity und 2001: A Space Odyssey

by on 11/08/2013

Achtung, der Artikel enthält Spoiler!

Ich schreibe selbst als Filmkritiker, aber über Film schreiben heißt nicht zwangsläufig, dass man das nur im Form einer Kritik oder Rezension machen muss. Dies geht auch aus film- und medienwissenschaftlicher Sicht. In meiner Kolumne “Back To The Film Studies” will ich mich daher aktuellen aber auch nicht aktuellen Filmen, Serien und ganzen Genres widmen und hier einzelne interessante Aspekte aus film- und medienwissenschaftlicher Sichtweise beleuchten und besprechen.

Foto: NASA Goddard Space Flight Center / Titel: Aurora image from Keller, Washington (Lizenz: CC BY 2.0 / Quelle: Flickr.com)

Foto: NASA Goddard Space Flight Center / Titel: Aurora image from Keller, Washington
(Lizenz: CC BY 2.0 / Quelle: Flickr.com)

Vor einiger Zeit hat Filmosophin cutrin in ihrer Kritik zu Gravity, kurz den Vergleich zu 2001: A Space Odyssey angesprochen und seitdem hat mich der Gedanke über die potentiellen Gemeinsamkeiten in diesen beiden tollen Filmen nicht mehr losgelassen. Ich möchte an dieser Stelle daher versuchen, ein paar davon aufzuzeigen.

Die erste Parallele oder besser gesagt der erste Gegensatz fällt gleich zu Beginn des Films auf. Weder im Jahr 2001 noch im Jahr 2013 hat es die 1991 in Insolvenz gegangene Fluggesellschaft Pan Am geschafft, die Menschen ins All zu bringen – und da ist schon der erste Punkt. In 2001 stellt sich die Reise ins All wie ein gemütlicher und unbeschwerter Trip dar und so ist es kein Wunder, dass die Raumschiffe wie in einem Ballett zu den unbeschwerten und beschwingenden Klängen aus „An der schönen blauen Donau“ von Johann Strauß durch den erdnahen Orbit tanzen. Ein Kinderspiel quasi. In Gravity präsentiert sich das Gegenteil. Die Reise ins All ist – trotz aller Fortschritte – immer noch ein Abenteuer, gefährlich, wagemutig und nur etwas für taffe Raumfahrer, ein wenig wie der Countrysong, den Matt Kowalsky (George Clooney) beim Raumspaziergang über das Kommunikationssystem der NASA hört.

Der Weltraum in 2001 ist fast schon gemütlich und unbeschwert und im ersten Teil scheint es beinahe, als gäbe es keinen leeren Weltraum, in dem man sich verlieren könnte. In Gravity hingehen dominieren im ersten Teil des Films fast immer nur zwei Blickwinkel: auf der einen Seite die blaue Erde und ihre Sicherheit und auf der anderen Seite das schwarze, unendliche und sternenarme Weltall, in dem man ohne weiteres verloren gehen würde. So ist es auch kein Wunder, dass der Film einem auf fast schon klaustrophobische Art und Weise immer wieder vermittelt, dass zwischen Leben und Tod nur ein Stück Stoff und ein Stück Glas in Form eines Raumanzugs liegt.

Wo wir gerade vom Ton reden. Die Abwesenheit von Geräuschen im Weltall ist wohl die offensichtlichste Parallele zwischen den beiden Filmen, wobei das bei genauerem Hinsehen auch nicht vollkommen stimmt. Im Gegensatz zu Stanley Kubrick weist Alfonso Cuarón zu Beginn seines Film darauf hin, dass im Weltall keine Geräusche übertragen werden können, weil keine Luft da ist, die diese transportieren könnte. Daher ist es auch richtig, dass wir im ersten Teil des Films, als die Astronauten das Teleskop reparieren, Ton nur als ihre Funksprüche hören. Im Gegensatz dazu gibt Kubrick diese physische Eigenschaft des Weltalls als gegeben hin und braucht sie gar nicht zu kommentieren – was zugegeben damals und auch heute noch nicht nur eine Revolution, sondern auch ein tolles und doch komisches Erlebnis im Kinosaal ist.

Bei genauer Betrachtung ist Cuarón mit der Stille in seinem Film nicht ganz konsequent oder nennen wir es mal nicht ganz ehrlich. Als die Satellitenstücke zum wiederholten Male durch die Erdumlaufbahn rasen und dabei immer wieder Raumstationen und deren Sonnensegel durchlöchern, „hört“ man wie die Stücke durch die Materialien schießen. Zwar findet das nicht auf der eigentlichen Tonebene statt, auf der man auch die normalen Umgebungsgeräusche, die Atmo hört, sondern auf der Musikebene. Genauer gesagt, das was eigentlich ein Toneffekt ist, maskiert Cuarón als Sound- und Musikeffekt und umgeht damit quasi das Problem. Vermutlich ist das eine Konzession an das Hollywoodkino und seine stilistischen Merkmale.

Interessanter ist aber das Bild des Menschen und dessen Zukunft, das die beiden Filme entwerfen. Während Kubrick in Form einen „Sternenkinds“ die Zukunft der Menschheit im Weltall sieht, entwirft Cuarón in seinem Film ein vollkommen anderes Bild der Zukunft oder besser der Wiedergeburt des Menschen. Um wieder sicher zu Erde zurück zu kommen, rettet sich Dr. Ryan Stone (Sandra Bullock) in die chinesische Raumstation Tiangong 1 (zu deutsch „Himmlischer Palast 1“), die als einzige noch übrig geblieben ist. Da diese aber auch von den Satellitenstücken getroffen wurde, droht sie ebenfalls in den Orbit zu stürzen und zu verglühen. Stones einzige Rettung ist daher die Raumkapsel Shenzhou (zu deutsch etwa „Götterschiff“), die Teil der Raumstation ist. Das Raumgefährt landet im Meer und versinkt, jedoch kann sich Stone aus der sich mit Wasser füllenden Kapsel retten und schließlich ans Ufer einer Insel schwimmen. Gerade aus dem Wasser gekommen und nach Luft schnappend, liegt sie am Strand. Sie versucht aufzustehen, doch sie ist durch die Schwerelosigkeit geschwächt, scheint erst wieder das Gehen lernen zu müssen und hat Mühe sich aufzurichten – fast schon wie unsere Vorfahren, die vor Jahrmillionen Jahren den Sprung vom Wasser aufs Land geschafft haben um dann, genau wie Stone im Film, in einer von prähistorischen Urlandschaft laufen zu lernen und ihr Leben neu zu beginnen. Und so verweist Gravity mit dieser „Neugeburt des Menschen“ auch auf die Theorien, die behaupten, dass der Mensch, also das Leben, ursprünglich im Form von Mikroben aus dem Weltall, dem Himmlischen Palast kam, und mit einem Asteroiden, einem Götterschiff, zur Erde gelangte.

Auch die Titel selbst spiegeln diese Zukunftsvisionen der Menschheit wieder und so hat der Mensch in 2001 für Kubrick eine Odyssee durch die unendlichen Weiten vor sich, während für Cuarón der Mensch lieber auf dem Boden bleiben sollte, wo er von der Gravitation auf der sicheren Erde gehalten wird. Vielleicht ist Gravity aber auch nur das Ende von 2001 und der Mensch kehrt, nachdem er wie Odysseus ausgezogen war um seine Heimat zu suchen, nach Hause zurück und ein wahrer Neubeginn, ein neues Kapitel der Menschheit fängt an, wie es eigentlich nur nach einer Wiedergeburt wie der von Stone stattfinden kann.

Steht die Zukunft der Menschen in den Sternen geschrieben? Ein paar filmische Deutungsversuche auf Blu-Ray:

2 Responses to “Coming home – Gedanken zu Gravity und 2001: A Space Odyssey”

  • taste2me says:

    Hi Dennis,

    gestern flimmerte bei mir 2001: A Space Odyssey. Deswegen hatte ich mir gerade endlich deinen Beitrag über diesen Film und Gravity durchgelesen. Ich teile deine Einschätzung und auch die gefundenen Unterschiede. Doch im Gegenzug zu 2001 fand ich besonders angenehm, dass Gravity zumindest ein vernünftiges atmosphärisches Ende hatte, während Stanley Kubrick einen zwei Stunden lang durch eine psychodelische Landschaft schickt und am Ende den Zuschauer das Ende selber finden lässt. Ich sag dir was: Es gibt einen weiteren großen Unterschied zwischen den beiden Filmen: Der eine ist langatmig und lässt jedwede Spannung vermissen. Der andere ist eine Hommage an die Erdanziehungskraft… 😉 Gleich gibt’s Schelte vom Filmwissenschaftler. Schnell weg hier!

    • dennis says:

      Lieber Thomas,

      ja, da gibt es gleich Schelte vom Filmwissenschaftler 😉
      Es stimmt schon, dass 2001: A Space Odyssey nicht jedermanns Sache ist, zumal er aus heutiger Sicht zweifelsohne langatmig ist. Das aber nur, weil er nicht langsam gemacht ist, sondern weil wir heute – geprägt durch Hollwood – unter Science-Fiction vielmehr Weltraumschlachten und viele Special Effects verstehen. Und dahingehend entspricht der Film also definitiv nicht dem Rest (siehe die Sache mit dem Ton). Klar ist aber auch, dass dieser Film Geschmackssache ist.
      Das Revolutionäre am Film von Stanley Kubrick ist aber, dass er dieses totgeglaubte Genre wieder hat auflebene lassen. Der Film ist eben die Beschreibung der Sprung des Menschen ins All und das auf eine sehr philosophische Art und Weise. Contact von Robert Zemeckis ist auch ein Film der in die Richtung geht und auch wegen seiner untypischen Filmsprache nicht jedermanns Sache ist. Wenn es dich aber beruhigt, das Buch „The Sentinel“ von Arthur C. Clarke, auf dem Film basiert, ist auch sehr philophisch und anspruchsvoll.

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