cutrin verabschiedet sich von der Berlinale 2015

by on 02/17/2015

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© Katrin Doerksen

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Während dieser Berlinale wurde gefühlt nur gemeckert. Das begann schon vorher mit der Ankündigung der Hommage an den umstrittenen Wim Wenders, durchwachsenen Vorab-Pressevorführungen und der Verlängerung des Vertrags von Dieter Kosslick, der nun quasi Festivaldirektor auf Lebenszeit ist. Währenddessen gab es dann viele Klagen über schlechte Filme, wenig Schlaf, die fürchterlich unhandliche Berlinale-Tasche und keinen kostenlosen Kaffee. Und hinterher ging es mit Meckerei über die Bärenvergabe sicher noch so weiter.

Ich hingegen fand es ziemlich toll. Ja, da spielte sicher ein wenig Anfangseuphorie mit, es war schließlich das erste Mal, dass ich als Presse-Akkreditierte die heiligen Hallen des Berlinale-Palastes betreten durfte. Aber auch abgesehen von der persönlichen Ebene, finde ich, haben wir ein ziemlich tolles Festival hinter uns, das im Großen und Ganzen geleistet hat, was ein Festival eben leisten soll.

© Katrin Doerksen

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Das begann schon mit der Programmauswahl. Vor allem der Wettbewerb der Berlinale ist berüchtigt für seine Vorliebe für schwer verdauliches Problemkino. In diesem Jahr überraschte das Festival aber mit einer ziemlich breiten Auswahl. Für die Weltkino-Liebhaber gab es Ixcanul und Sworn Virgin, lachen durften wir in Aferim!, künstlerisch und politisch anspruchsvoll wurde es in Under Electric Clouds oder El Club, berührend in El botón de nácar, klassisch in 45 Years, genrefreundlich in Chasuke’s Journey und experimentell in Taxi oder Victoria. Und mit dem Eröffnungsfilm Nobody Wants the Night, mit Werner Herzogs Queen of the Desert oder auch Terrence Malicks mit Spannung erwartetem Knight of Cups waren sogar hochgradig streitbare Werke im Wettbewerb vertreten. Auf der einen Seite große Liebe, auf der Anderen hämische Verachtung.

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Nun lässt sich über die zukunftsweisende Relevanz der Berlinale in ihrem Jetzt-Zustand sicherlich vortrefflich streiten. Mit Dieter Kosslicks Meinungen stimme ich auch nicht unbedingt überein: undifferenziert von einem Ethnien-Schwerpunkt zu sprechen, klingt doch reichlich eurozentristisch und nur weil Frauen vielleicht etwas mehr Leinwandpräsenz erhalten als üblich, heißt das noch lange nicht, dass wir auch tatsächlich starke Frauenfiguren zu sehen bekommen. Auch die Tendenz, die Berlinale durch ein immer umfangreiches Programm zu verwässern, sagt mir nicht zu. Letztlich bot das Festival in diesem Jahr aber doch allen berechtigten Kritiken zum Trotz eine breite Vielfalt. Sie hat im Wettbewerb sowohl als auch in den Nebenreihen verschiedene Kinematographien und Stilrichtungen abgebildet, queere und feministische Themen behandelt und mit Filmen à la Fifty Shades oder Selma bewiesen, dass Frauen genauso Mainstream abliefern können wie ihre männlichen Kollegen, sie hat Altmeister und Neulinge zu Wort kommen lassen. Sie hat dem im Kino sträflich unterrepräsentierten männlichen Geschlechtsteil außergewöhnlich viel Präsenz eingeräumt (siehe das Herumgewedel oder die schönste Entjungferungsszene in Eisenstein in Guanajuato, die zugegeben arg gruselige Kastration in Aferim!, die tabubefreite Auseinandersetzung in Short Skin und natürlich kein gar Nix in Fifty Shades of Grey) und uns James Francos stattliche Stirnfalte gleich drei Mal beschert.

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Mit den lieben Kollegen filmosophie und Thomas Groh hatten wir übrigens großen Spaß dabei, auch die Berlinale der bizarren Tiere auszurufen. In Taxi gab es zwei todesmutige Goldfische, in El Club wirkte der Windhund menschlicher als seine Besitzer, In Nobody Wants the Night wurde der beste Freund des Menschen schlichtweg verspeist und dann gab es noch eine arge Zweckentfremdung eines Octopus.

Kommen wir also zu den Preisen, zu denen ich in den Journalistenschreibzimmern an den letzten zwei Festivaltagen allerlei wahnwitzige Diskussionen belauschen konnte: „Taxi!? Näääää, nie und nimmer gewinnt der den Goldenen Bären, ein Film braucht schon mehr als eine nette Regie-Idee.“ Tja, knapp daneben. Mit dem Hauptpreis für Jafar Panahis Film hat die Berlinale ein deutliches Zeichen für die Kunstfreiheit gesetzt. Und auch wenn der Iraner wahrscheinlich einen kleinen Bonus wegen seiner erschwerten Umstände hatte, so kann ich die Entscheidung der Jury doch nur absolut unterstützen. Wer sich sonst noch für meine bescheidene Meinung interessiert, kann hier erfahren, wie ich die Hauptpreise vergeben hätte. Aber mich fragt ja wieder keiner.

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Goldener Bär: El Club von Pablo Larraín
Großer Preis der Jury: Aferim! von Radu Jude
Alfred Bauer-Preis (für einen Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet): El botón de nácar (ist mir klar, dass das eine Doku ist)
Beste Regie: Taxi von Jafar Panahi
Beste Darstellerin: Charlotte Rampling für 45 Years
Bester Darsteller: Elmer Bäck für Eisenstein in Guanajuato
Bestes Drehbuch: Werner Herzog für Queen of the Desert
Silberner Bär für eine herausragende künstlerische Leistung: Das Team hinter Eisenstein in Guanajuato (Victoria konnte ich leider nicht sehen)

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Weitere Favoriten: Que Horas Ela Volta?, The Look of Silence, Knight of Cups, Life, B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin, Out of Nature, Beira-Mar, Diary of a Teenage Girl, Cinderella

Absolute Reinfälle: Dari Marusan, Fifty Shades of Grey, Every Thing Will Be Fine (keine Angst, ich mag Wenders trotzdem noch), Bizarre, Nasty Baby, Paper Planes

Mein persönlicher Berlinale-Moment: Ich habe die Anwesenheit von Helena Bonham Carter gespürt.

Mein persönlicher Satz des Festivals ist aber in The African Queen in der Retrospektive gefallen: „…I announce you husband and wife. Proceed with the execution.“

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