Dark Blood

by on 02/16/2013

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Die Kritik erschien ursprünglich auf dem Festival Blog SophiesBerlinale.

© Berlinale

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Eigentlich bin ich etwas zu jung, um mit dem Namen River Phoenix etwas anfangen zu können. Von seinem Tod erfuhr ich aus der Bravo, aber damals hatte ich keine Ahnung, um wen es sich eigentlich handelte. Inzwischen weiß ich das natürlich. Deshalb beschlich mich auch ein merkwürdiges Gefühl als ich mit Dark Blood Rivers letzten Film ansah. Zwanzig Jahre nach seinem Tod hat Regisseur George Sluizer das bereits abgedrehte Material zu einem unvollständigen Kinospielfilm zusammengestellt.

Ob das funktioniert, ist keine ganz einfache Frage. Es kommt wohl darauf an, was man erwartet. River Phoenix verstarb Ende Oktober 1993 in L.A., wo die Innenaufnahmen für Dark Blood gedreht werden sollten. Dementsprechend fehlt in der nun vorliegenden Version ein Großteil der Szenen, die sich in geschlossenen Räumen abspielen. Die Außenszenen waren bereits in Utah abgedreht worden, weshalb der Film, so wie ich ihn nun sehen durfte, fast vollständig unter freiem Himmel spielt.

Das Schauspielerehepaar Buffy (Judy Davis) und Harry (Jonathan Pryce) verbringt seinen Urlaub in der Wüste, besichtigt ehemalige Indianerdörfer und genießt die Abgeschiedenheit. Diese jedoch wird ihnen zum Verhängnis, als sie mitten im Nirgendwo mit einer Autopanne liegen bleiben. Kein Mensch weit und breit. Doch Buffy und Harry haben Glück und treffen den Witwer Boy (River Phoenix), der in der Nähe ein kleines Häuschen bewohnt. Der junge Mann, nach eigener Aussage Achtelindianer (das Wort „Native American“ war offenbar in den 90ern noch nicht so modern), wirkt von Anfang an ein wenig verschroben. Der Tod seiner Frau an den Folgen der in der Umgebung durchgeführten Atomtests hat ihn sehr mitgenommen. Boy rechnet jeden Tag mit dem Weltuntergang und hat sich bestens auf die Apokalypse vorbereitet. Als er Buffy begegnet, glaubt er in ihr eine Seelenverwandte zu entdecken, mit der er nach der atomaren Katastrophe die Erde neu bevölkern möchte. Seine anfängliche Hilfsbereitschaft entpuppt sich als gefährlicher Wahn.

Im Grunde ist Dark Blood ein Psychothriller. Die Story könnte man sich heute durchaus auch als Torture Porn vorstellen. Boy wird immer unberechenbarer und gewaltbereiter, die Lage von Buffy und Harry immer aussichtsloser. Denn da Boy an der schönen Schauspielerin Gefallen gefunden hat, hält sich sein Interesse an der Weiterreise des Paares stark in Grenzen. Weit entfernt von der nächsten Stadt, mitten in der erbarmungslos heißen Wüste, gibt es für Buffy und Harry im Grunde kein entrinnen. Die durchaus gegenseitige Anziehung zwischen Buffy und Boy verleiht diesem Konzept eine erotische Nuance (Ich dachte so still bei mir: Wäre 50 Shades of Grey zwanzig Jahre früher geschrieben worden, hätte River Phoenix zweifelsohne die Hauptrolle gespielt). Da ist irgendetwas an diesem verwirrten jungen Mann, dass die nicht ganz so knackige Schauspielerin anzieht. Es ist nicht seine Jugend, es ist gerade diese diabolische Aura, die ihn umgibt, und die Direktheit, mit der er seinem Begehren Ausdruck verleiht. Bis zum Ende ist Buffy hin und hergerissen zwischen Angst und Sehnsucht. Diese Ambivalenz, das Spiel mit dem Feuer wird zu einem prickelnden Subplot, der für mich das interessanteste Element der Geschichte ist.

Das wirklich Tragische an der unfertigen Version von Dark Blood ist, dass gerade diese spannende Beziehung zwischen Buffy und Boy nicht ausgespielt wird, da ihre intimsten Szenen selbstverständlich nicht mitten in der Wüste stattfinden, sondern Teil der Innenaufnahmen waren, die nicht mehr durchgeführt werden konnten. So fehlen insbesondere die Teile der Geschichte, in denen sich die beiden näher kommen, wie Buffy Schritt für Schritt realisiert, dass sie es mit einem Wahnsinnigen zu tun hat und auch einige der Psychospielchen, die Boy gen Ende mit seinen „Gästen“ treibt. George Sluizer ersetzt diese Szenen durch eine Erzählstimme, die zwar die inhaltlichen Lücken füllen, selbstverständlich aber nicht die entsprechende Atmosphäre erzeugen kann. Darunter leidet die Entwicklung der Charaktere und ihrer Beziehungen.

Meiner Meinung nach funktioniert Dark Blood trotzdem. Es kommt aber wie gesagt darauf an, was man erwartet. Auch wenn mich die Musikuntermalung manchmal ein wenig daran erinnerte, erleben wir hier keinen psychologisch ausgetüftelten David Lynch Film. Die Atmosphäre kann durch das fehlende Material nicht die notwendige Dichte erreichen, um den Zuschauer wirklich mitzureißen. Aber muss sie das? Dark Blood ist für mich kein unvollständiger Film, sondern eine andere Art Film. Das Experiment, Plotlöcher durch Erzählungen und Erklärungen zu füllen – George Sluizer versorgt uns durchaus mit Informationen, die wir der reinen Handlung nicht entnommen hätten – ist meines Erachtens gelungen. Etwas in mir sträubte sich mit aller Kraft gegen die Auslassungen und verlangte danach, diese Szenen zu sehen, bei denen es sich ja auch noch um die emotionalsten des Films handelte. Aber gerade diese Sehnsucht danach, den Streit, den Sex, den Wahnsinn, die Bedrohung ausagiert zu sehen statt nur erzählt zu bekommen, ist eine interessante Beobachtung an mir selbst.

Das Fehlen einzelner Plotelemente verleiht überdies Einblick in den Entstehungsprozess eines Spielfilms und zeigt wie sehr die Handlung durch die Dreharbeiten fragmentiert wird. Dark Blood ist also ein interessantes filmisches Experiment, nicht notwendiger Weise ein spannender Film. Aber dann wieder zeichnen sich die meisten Filme im Berlinale Wettbewerb ohnehin nicht durch eine mainstreamtaugliche Dramaturgie aus. Warum also dieser?

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