Das Bourne Vermächtnis

by on 09/03/2012

© Universal

Eigentlich sollte der vierte Teil der Bourne-Reihe, Das Bourne Vermächtnis, auf dem bewährten Rezept der Vorgängerfilme beruhen: Eine packende Story vom erprobten Drehbuchschreiber Tony Gilroy, bekannte Gesichter wie natürlich Matt Damon und Julia Stiles und eine fesselnde Umsetzung vom Regisseur der letzten beiden Teile Paul Greengrass. Doch statt sich auf die Ausarbeitung eines vierten Teils zu konzentrieren, zerstitten sich die guten Herren. Greengrass wollte keinen vierten Teil drehen, Damon wollte nicht ohne Greengrass, übrig blieb Gilroy. Doch macht eine Bourne-Fortsetzung ohne den Charakter Jason Bourne überhaupt Sinn?

Tony Gilroy und Universal Pictures glaubten daran und so setzte sich Tony mit seinem jüngeren Bruder Dan ans Drehbuch, erfand eine Verschwörung über der Verschwörung mitsamt dem neuen Agentenopfer Aaron Cross und wurde zum neuen Regisseur für das Projekt Bourne 4 ernannt. Das Ergebnis könnt ihr hierzulande Mitte September bewundern, mir kam die Ehre schon letzte Woche zuteil. Meiner Meinung nach wird mit diesem vierten Teil das Vermächtnis von Bourne allerdings in Stücke geschlagen und mit Füßen getreten. Und das hat gleich mehrere Gründe, die ich ohne großes Spoilern versuchen werde zu erläutern.

 

Das Vermächtnis

Mit den ersten drei Teilen wurde eine Trilogie erschaffen, die sich sowohl storytechnisch als auch von der Bildinszenierung stetig weiterentwickelt hat. Ausschlaggebend hierfür war vor allem die schauspielerische Leistung von Matt Damon und die sehr gute Inszenierung von Paul Greengrass. Meiner bescheidenen Meinung nach ist Das Bourne Ultimatum an Perfektion kaum zu überbieten. Es ist ein spannender Agententhriller, der in sich stimmig ist und durch seine rasanten Kamerafahrten und schnellen Schnitte  keine Wünsche offen lässt. Diesen Film ohne Greengrass und Damon noch zu toppen ist geradezu unmöglich, dennoch hat es der Drehbuchautor Tony Gilroy versucht. Und eigentlich hätte es ihm auch gelingen müssen, schließlich hat er auch die Drehbücher der ersten drei Teile geschrieben.

 

Die Story

Dies merkt man der Handlung von Das Bourne Vermächtnis aber leider nicht an. Verwundert und erschüttert verließ ich nach der Vorstellung den Kinosaal und habe mich ernsthaft gefragt, wieso Mr. Gilroy plötzlich so unfähig ist. Im Kern ist die Story gut durchdacht: im Zuge der Aufdeckung der Operation Treadstone ist auch das Projekt Outcome gefährdet. Bei diesem handelt es sich auch um ein Experiment mit Ex-Soldaten, die mit Hilfe von sogenannten „Chems“ sowohl psychisch als auch physisch „optimiert“ wurden.  Bevor auch dieses geheime Projekt auffliegt, soll der ehemalige Air Force Colonel Eric Byer (Edward Norton) alle Beweise vernichten und damit eine Enthüllung unmöglich machen. Doch Aaron Cross (Jeremy Renner), einer der Versuchskaninchen, kann sich seiner Ermordung entziehen und wird somit zum neuen „Jason Bourne“. Gemeinsam mit der Chemikerin Dr. Marta Shearing (Rachel Weisz), die ihn während der aktiven Phase des Projekts medizinisch betreute, flüchtet er vor Byer und seinen Leuten und begibt sich auf die Suche nach einer neuen Quelle für „Chems“, um weiterhin psychisch überlegen zu bleiben. Was sich spannend und plausibel anhört, entpuppt sich schon nach der Hälfte des Films als auf der einen Seite extrem komplex und auf der anderen Seite äußerst dünn ausgearbeitet. Dieses Ungleichgewicht trägt dazu bei, dass der Film deutlich unspannender ist als er sein möchte und stellenweise auch sehr hanebüchen daherkommt. Abwechselnd laufen Handlungsstränge entweder ins Leere oder werden durch das Prinzip Zufall fortgeführt. Das wäre alles nur halb so schlimm, wenn Gilroy es geschafft hätte, diese Mankos durch eine rasante Inszenierung à la Greengrass zu überdecken.

 

Die Inszenierung

Aber leider wird schnell klar, weshalb Tony Gilroy bisher nur drei Mal Regie geführt hat. Über Duplicity kann ich leider nichts sagen, Michael Clayton hat mir gefallen, ist aber als Drama kameratechnisch auch nicht sehr anspruchsvoll. Grundsätzlich ist Gilroys Leistung durchaus solide, mehr aber auch nicht. Irgendwie ähneln die Schwächen im technischen Bereich denen im handwerklichen Drehbuchbereich. Entweder ist es zu viel oder zu wenig. Die erste Szene, in welcher der Agent Aaron Cross im Zuge einer Übung einen Berg überquert, um so schneller zu seinem Ziel, einer Hütte im Tal, zu kommen, ist gut inszeniert, läuft dafür aber ins Leere. Die Ausmaße des Abbruchs der Operation Outcome inszeniert Gilroy zwar prägnant, aber viel zu plump. Und die obligatorische Verfolgungsjagd am Ende ist der absolute Tiefpunkt eines viel zu langen Films, dessen Sinn es eigentlich sein sollte, durch Spannung zu unterhalten.

 

Die Schauspieler

Eine der Kritiken, die ich im Internet las, hat sehr treffend festgestellt, dass Das Bourne Vermächtnis nicht das Ende von Jeremy Renner einläuten wird. Denn Renner kann seinem Charakter Aaron Cross nicht nur die nötige Tiefe verleihen, sondern  vor allem durch seine physische Erscheinung glaubhafter einen Ex-Soldaten in einem geheimen Regierungsprogramm darstellen als Matt Damon. Doch nicht nur Jeremy Renner überzeugt, auch Rachel Weisz und Edward Norton machen ihren Job sehr gut. Insgesamt ist die schauspielerische Leistung bis auf wenige Ausnahmen sehr solide und kann dadurch die offensichtlichen Schwächen des Agententhrillers ein wenig ausgleichen.

 

Fazit

Trotz einer guten Idee und der überzeugenden schauspielerischen Leistung hat es Tony Gilroy meiner Meinung nach nicht geschafft, die Bourne Trilogy würdig zu ergänzen. Streckenweise ist Das Bourne Vermächtnis ungefähr so spannend, wie rieselnden Sand  in einer Sanduhr zu beobachten. Die Schwächen des Plots werden durch die schlechte visuelle Inszenierung nur noch verstärkt. Nach zähen 135 Minuten war ich froh, als sich der Vorhang endlich schloss. Vielleicht kann der Film trotzdem kommerzielle Erfolge erzielen, was dann wohl zu einer Fortsetzung führen würde. Hoffentlich lernt Tony Gilroy aus seinen Fehlern und schafft es dann, ein würdigeres Vermächtnis der Bourne-Reihe zu inszenieren.

KINOSTART: 13. September 2012

Pressespiegel bei film-zeit.de

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