Das Mädchen Wadjda

by on 08/20/2013

Flattr this!

© Koch Media

© Koch Media

Um keinen Preis will ich noch einmal Teenager sein. Die aktuellen Studentenjahre finde ich grandios und auch meine frühe Kindheit würde ich noch einmal mitmachen, sofern ich das müsste. Aber Teenager, nein, das war nicht nur meinen gebeutelten Eltern sondern im Nachhinein auch mir viel zu anstrengend. Wie erwachsen fühlte ich mich doch: ich hatte den Durchblick und konnte alles alleine regeln – nur dass das sonst irgendwie niemand verstand. Das Mädchen Wadjda ist im Gegensatz dazu eine Heranwachsende mit ziemlich harmlosen Wünschen und Vorstellungen, jedenfalls nach westlichen Maßstäben. Aber Wadjda lebt in Saudi-Arabien.

An der Schwelle zur Pubertät und unter dem Druck der gängigen saudi-arabischen Moralvorstellungen lebt die zehnjährige Wadjda (Waad Mohammed) mit ihren Eltern ein verhältnismäßig unspektakuläres Leben. Sie geht zur Schule, spielt mit dem Nachbarsjungen (Abdullrahman Al Gohani) und hört in ihrem Zimmer Rockmusik aus einem klapprigen, alten Radio. Wenn sie jedoch das Haus verlässt, muss sie die Abaja anlegen, denn unverhüllte Frauen gelten in Saudi-Arabien als unzüchtig. Sie dürfen auch nicht Auto oder Fahrrad fahren, und mit diesen Bestimmungen gerät Wadjda in einen Konflikt, als sie in einem Spielzeugladen ihren großen Wunschtraum entdeckt: ein grünes Fahrrad. Aber Sparen dauert zu lange und auch Wadjdas Geschäftsideen werden durch die Maßregelungen ihrer strengen Schuldirektorin Hussa (Ahd) schnell ein Ende bereitet. Der anstehende Koran-Rezitationswettstreit bietet den letzten Ausweg aus der finanziellen Misere.

Das Mädchen Wadjda ist ein Film, der kaum losgelöst vom Kontext seiner Entstehung betrachtet werden kann. Denn eine Filmbranche oder auch nur öffentliche Kinos existieren in dem konservativen Wüstenstaat nicht. Nicht nur, dass die Geschichte um das Mädchen mit dem Wunsch nach einem Fahrrad der erste offiziell in Saudi-Arabien gedrehte Film ist, er wurde auch von einer Frau inszeniert. Haifaa al Mansour wollte in ihrem Regiedebüt von der Welt erzählen, in der sie selbst aufwuchs; eine Welt, in der permanent eine Spannung zwischen Tradition und Moderne besteht. Die ungewöhnlichen Produktionsbedingungen in Saudi-Arabien schlagen sich aber auch in der Optik von Das Mädchen Wadjda nieder. Immer wieder erinnern die Kameraperspektiven an ein Fernsehspiel, und diese Assoziation kommt nicht von ungefähr, denn wenn eine Unterhaltungsform in dem Land floriert, dann zahlreiche Seifenopern. Auch die Darsteller kommen zu einem großen Anteil aus dem Business. So wie Reem Abdullah, die als gefeierter Serienstar bekannt ist und in dem Film Wadjdas Mutter spielt.

© Koch Media

© Koch Media

Der Atmosphäre von Das Mädchen Wadjda tut das jedoch keinen Abbruch, sie pendelt zwischen beklemmender Enge in den abgeschotteten Innenräumen und einer Ahnung von Freiheit und Mobilität in der staubigen Gleichförmigkeit von Riad. Wadjdas Geschichte berührt, und das nicht, weil der Film unnötig emotionalisiert. Es gibt da eine winzige Sequenz, die ginge in einem westlichen Streifen wohl so: ein schüchterner Junge rückt an ein wild gelocktes Mädchen heran, gibt ihr verstohlen ein Küsschen auf die Wange und rennt weg. In der saudi-arabischen Variante verbringt Wadjda viel Zeit mit Abdullah, einem Jungen aus ihrer Nachbarschaft. Für seine Freundin empfindet er Zuneigung, er lässt sie auf seinem Fahrrad üben und hilft ihr sogar tatkräftig, als Wadjdas Mutter ihren Fahrer verliert. Ein Wangenküsschen als Ausdruck seiner Gefühle wäre aber völlig unangemessen: „Du weißt schon, dass ich dich bald mal heirate“, ruft er ihr stattdessen hinterher, und Wadjda schaut ihn unter ihrem Schleier mit einer Mischung aus Amüsement und Befremdung an. Dem Zuschauer geht es an dieser Stelle ähnlich, denn was auf den ersten Blick niedlich wirkt, offenbart in letzter Konsequenz die restriktiven Strukturen der saudi-arabischen Gesellschaft. Der Mann entscheidet und die Frau hat sich zu fügen, das erfährt in extremeren Ausmaßen auch Wadjdas Mutter am eigenen Leib, deren Ehemann auf der Suche nach einer Zweitfrau ist. Sie gebiert ihm keinen Sohn, und Wadjda schafft es aufgrund ihres Geschlechts nicht einmal auf den Familienstammbaum, der stolz auf seinem Ehrenplatz an der Wohnzimmerwand hängt.

© Koch Media

© Koch Media

Die Frauen in Das Mädchen Wadjda gehen mit der Situation sehr unterschiedlich um. Wenn sie allerdings zaghaft rebellieren, dann bleibt ihre Rebellion so gut es geht verborgen im Privaten, im Geheimen. Wadjda ist da anders. Sie gehört zur jungen Generation, sie wird ihre Zukunft mitgestalten wollen, denn schon früh steht sie offen zu ihren Bedürfnissen. Auf diese Weise transportiert Haifaa Al Mansours Film bei aller Beklemmung auch einen zukunftsfrohen Beigeschmack. In allen möglichen Ecken der Welt bewegt sich etwas, sogar in Saudi-Arabien. Dass der erste Film aus dem Land von einer Frau gedreht wurde, ist ein gutes Zeichen.

Kinostart: 05. September 2013

Pressespiegel auf film-zeit.de

 

Vier Filme, in denen Fahrräder ebenfalls eine Hauptrolle spielen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* 1+7=?

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.